Interview

"Mit halben Schulklassen kommen wir besser durch den Winter"

Die Gewerkschaft GEW überreicht heute eine Petition an Bremens Bildungssenatorin Bogedan. Darin sprechen sich die Lehrer gegen den Regelbetrieb an Schulen aus.

Schüler einer neunten Klasse sitzen mit Abstand im Klassenzimmer (Symbolbild)
Nur mit weniger Schülerinnen und Schülern können die Abstände in vielen Bremer Klassenzimmern verlässlich eingehalten werden, glaubt die Bremer GEW. Bild: DPA | Karl-Josef Hildenbrand

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt seit Tagen, seit Anfang der Woche läuft nach den Herbstferien in Bremen und Bremerhaven wieder der Schulbetrieb. Gestern haben Bund und Länder weitgehende Corona-Einschränkungen beschlossen, an den Schulen soll der Regelbetrieb aber weiterlaufen. Viele Lehrer halten das für falsch. Deshalb überreichen heute Mitglieder der Bremer Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan eine Petition mit 1.300 Unterschriften. Ihr Ziel: Halbgruppen-Unterricht statt des normalen Regelbetriebs an Bremer Schulen. Auch GEW-Landesvorstandssprecherin Barbara Schüll plädiert für kleinere Lerngruppen – zum Schutze aller, wie sie sagt.

Warum halten Sie die Rückkehr zum Unterricht in Halbgruppen für eine gute Lösung für die kommenden Monate?
Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr gab es an den Schulen ja eine Öffnung für Halbgruppen. Wir haben von Kolleginnen und Kollegen sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Der Unterricht in kleineren Gruppen war sehr effektiv und wirkungsvoll. Gerade in Zeiten von Corona, in denen wir alle nicht wissen was wird, halten wir dieses Konzept für sehr gut.
Welche genauen Vorteile haben Halbgruppen im Schulalltag?
Es konnte eine gewisse Distanz gewahrt werden, wir haben uns sicher und gut gefühlt. Wir haben außerdem festgestellt, dass sich die Idee, Abstand zu halten, für die Kinder in Halbgruppen sehr gut vermittelt hat und dies auch außerhalb des Klassenzimmers transportiert wurde. Den Kindern war klar: Wenn ich im Unterricht Abstand halten muss, gilt das auch auf dem Weg zum Unterricht oder in den Pausen. Mit Aufhebung der Halbklassen war dann auch diese Logik wieder verschwunden. In Halbklassen können wir uns intensiver um einzelne Schülerinnen und Schüler kümmern, sie fördern und zum Beispiel üben, wie sie gezielt und gut zu Hause lernen können. Gleichzeitig gibt es weiterhin Betreuungskonzepte, das heißt Inklusion und unsere Betreuungsangebote werden auch bei Unterricht in Halbgruppen aufrecht erhalten.
Welche Gefahr sehen Sie dagegen im normalen Regelunterricht?
Schon jetzt merken wir, dass das passiert, was typischerweise im Herbst passiert: Kolleginnen und Kollegen werden öfter krank – und damit meine ich nicht unbedingt eine Corona-Infektion. Dadurch wird alles noch enger und kritischer. Wir als GEW fordern, dass darauf geachtet wird, dass alle gesund durch diese Zeit kommen, auch psychisch. Wenn das jetzt auch durch den gesamten Winter so weitergeht, arbeiten wir Ende Februar seit einem Jahr im Dauerstress. Unterricht in Kleingruppen ist effektiver, erfüllender und für alle entspannter.
Welche Rolle spielt die derzeitige Situation für Lehrerinnen und Lehrer?
Es gibt immer wieder wechselnde Ansagen, alle sind unsicher und wissen nicht, was für wie lange gilt. Das sind besondere Bedingungen und Corona macht mit uns allen etwas. Wir sind dünnhäutiger, es herrscht eine große Ungewissheit. Deswegen fordern wir eine langfristige Arbeit in Halbgruppen, die beispielsweise auch bis zum nächsten Frühjahr andauern kann. Das gibt Planungssicherheit. Vielleicht gibt es dann etwas weniger Unterricht, dieser ist dafür aber viel effektiver.
Welche Hoffnungen setzen Sie in die Petition?
Wir möchten gerade jetzt nochmal für Halbgruppen werben. Hinter der Idee des regulären Schulbetriebs stecken in unseren Augen klar wirtschaftliche Interessen, was wir auch verstehen. Es geht uns nicht darum, weniger zu arbeiten und uns einen lauen Lenz zu machen. Auch Halbgruppen bedeuten Mehrarbeit, der Unterricht ist intensiver und wesentlich differenzierter. Was uns dabei wirklich am Herzen liegt, ist, dass wir Sorge tragen für alle, die schon jetzt am Limit sind, damit wir alle möglichst gesund durch diesen Winter kommen.

Wie geht es für Schüler, Lehrkräfte und Eltern nach den Ferien weiter?

Video vom 23. Oktober 2020
Grüe Stühle eines Klassenzimmers, die auf den Tischen aufgereiht sind.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Oktober 2020, 19:30 Uhr