Fragen & Antworten

Darum gehen die Alten in Bremen gegen "Hygienedemos" auf die Straße

Die "Omas gegen Rechts" haben heute vor dem Bremer Rathaus demonstriert. Gerade ältere Frauen wollen als politische Kraft sichtbar werden – denn sie spüren eine Gefahr.

Auch Omas gegen Rechts protestieren in Corona-Zeit

Audio vom 5. Juni 2020
Drei ältere Frauen, die jeweils ein Schild in der Hand halten mit den Worten "Omas gegen rechts"

Eigentlich könnten sie ihren Ruhestand genießen. Aber das wollen die "Omas gegen Rechts" nicht. Im Gegenteil: Sie gehen auf die Straße und demonstrieren gegen Rassismus, Intoleranz und Frauenfeindlichkeit. Am Samstag organisierten sie eine Demo auf dem Bremer Marktplatz gegen sogenannte Hygienedemos. Wir haben vorher mit drei Omas gesprochen.

Was ist geplant?
Die Bremer "Omas gegen Rechts" wollen um 13 Uhr vor dem Bremer Rathaus mit Mundschutz und Abstand gegen die sogenannten Hygienedemos protestieren, die in den letzten Wochen in verschiedenen Städten stattgefunden haben und bei denen auch viele Rechte und Verschwörungsideologen mitmachen. Deren Hauptargument: Durch die Vorgaben zum Schutz vor Ansteckungen mit Covid 19 würden ihre Grundrechte zu sehr eingeschränkt. Das sei aber nicht richtig, sagt Renate Witzel-Diekmann: "Das ist uns ganz wichtig zu zeigen: Mit Abstand und Maske kann man noch ganz viel machen. Wir können unsere Grundrechte doch sehr gut wahren und nutzen, wenn man sich auf bestimmte Sachen einlässt."
Nach der Demo wollen die "Omas gegen Rechts" Stolpersteine in Bremen säubern und Blumen niederlegen. Diese goldenen Gedenktafeln erinnern vor vielen Häusern an die Opfer des Nazi-Terrors.
Warum gehen die Omas auf die Straße?
Sie wollen für die Werte kämpfen, die ihre Großeltern, Eltern und sie selbst erkämpft haben — für Toleranz und Gleichberechtigung. Das schreiben sie in ihrem Grundsatzprogramm. Damit ihre Enkel sie nicht irgendwann einmal fragen: 'Was habt ihr denn gegen Intoleranz und Rassismus getan?'
"Wir sind ja alle Kriegs- oder Nachkriegskinder, und das heißt, die Zeit hat uns auch geprägt, und vor allem die fünfziger Jahre haben mich geprägt mit ihrem bleiernen Schweigen und dem Nichtwissen der Eltern, was sie da eigentlich gemacht haben", so Gerda Smorra.
Sie wollen sich engagieren, obwohl oder gerade weil ältere Frauen als "öffentliche politische Kraft" bisher nicht so präsent seien, schreiben sie weiter.
Seit wann gibt es die "Omas gegen Rechts" in Bremen?
2017 stieß Gerda Smorra nach eigenen Angaben auf die "Omas gegen Rechts" in Österreich — und war begeistert. Ein Jahr später gründete sie mit Mitstreiterinnen die "Omas gegen Rechts" in Deutschland und gleich auch die Bremer Gruppe. Mehr als 100 Regionalgruppen gibt es mittlerweile zwischen München und Flensburg. Auch einige Opas sind dabei.
Zur Bremer Gruppe gehört auch Ulrike Wübbena. Der Kampf gegen Rechtsextremismus bewegt sie schon lange: "Meine Eltern waren gegen Rechts, das hat mich geprägt. Ich hab gewusst, mit vier Jahren, dass Krieg scheiße ist, dass Menschen ausgrenzen scheiße ist."

(...) Ich kriegte (ich) die ersten Drohbriefe, das habe ich mein Leben noch nicht erlebt. Mit den üblichen Sachen: Wir wissen, wo du wohnst. Ich wohnte damals in einer Art Gartenhaus an der Weser. Ich hab solche Ängste ausgestanden, weil die schrieben: `Wir kommen.` Furchtbar, furchtbar.

Gerda Smorra, Gründerin "Omas gegen Rechts"
Woher kam die Motivation, die "Omas gegen Rechts" nach Deutschland zu holen?
Gerda Smorra ging 1968 das erste Mal auf die Straße gegangen, wie sie sich erinnert, bei einer Demo gegen die rechtextreme NPD. Auch in ihrem Job als Lehrerin und Theaterpädagogin habe sie sich immer politisch engagiert. Und dann kam 1992 und der rechtsextreme Angriff in Rostock-Lichtenhagen auf eine Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim. "Das hat mich dermaßen aufgeregt, dass ich dachte, das kann doch nicht sein, dass in Deutschland sowas wieder passiert", erzählt sie.
Weil es damals noch kein Facebook gab, habe sie eine Anzeige in einer Zeitung geschaltet, in der sie diesen Angriff angeprangert hat. Mit ihrem Namen und ihrer Adresse.
"Daraufhin kriegte ich die ersten Drohbriefe, das habe ich mein Leben noch nicht erlebt. Mit den üblichen Sachen: Wir wissen, wo du wohnst. Ich wohnte damals in einer Art Gartenhaus an der Weser. Ich hab solche Ängste ausgestanden, weil die schrieben: Wir kommen. Furchtbar, furchtbar."
Danach wollte sie unbedingt in eine politische Gruppe eintreten, in der sie sowas bekämpfen kann — dass Menschen, die aufstehen gegen Rassismus, bedroht werden. Sie habe aber keine Gruppe gefunden, die für sie gepasst hätte. Deshalb gründete sie "Omas gegen Rechts" in Deutschland.
Wie gehen die "Omas gegen Rechts" mit der Corona-Pandemie um?
Anders als sonst können sich die Mitglieder der Bremer Gruppe nicht monatlich treffen. Das falle vielen schwer, sagt Renate Witzel-Diekmann. Aber dank Facebook, Whatsapp und Mails halten sie Kontakt. Und können so auch ihre Demos und andere Aktionen vorbereiten. Sicherheit sei ihnen aber wichtig, deshalb demonstrieren sie mit Maske und mit Abstand. "Ich hoffe, es kommen ganz viele. Denn es wäre schon schön, wenn wir deutlich zeigen könnten: Hier sind ältere Leute, die keine Angst haben sich anzustecken, die aber alles tun, um zu verhindern, dass sich andere anstecken. Und hier sind Leute, die auch ihre Meinung kundtun", erklärt Renate Witzel-Diekmann.

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Autorin

  • Claudia Scholz

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 5. Juni 2020, 11:40 Uhr