Neues Netzwerk streitet für Freiheit der Wissenschaft – auch in Bremen

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit fordert "Debatten auch von Außenseiterpositionen". Mit ihm der Politologe Stefan Luft. Er verweist auf schlechte Erfahrungen aus Bremen.

Studierende im Hörsaal.
Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit macht sich für eine offene Debattenkultur an den Universitäten stark. Bild: DPA | Raphael Knipping

Nicht nur Massenmedien haben über den Fall aus Bremen vom 5. Dezember 2012 berichtet. Er ist auch in die Fachliteratur eingegangen: in den Sammelband "Die Freiheit der Wissenschaft und ihre "Feinde"" des Lit-Verlags. Dort hat der Politikwissenschaftler Stefan Luft Ereignisse rund um eine verhinderte Podiumsdiskussion niedergeschrieben, über die er sich bis heute ärgert, und die ihn dazu bewogen haben, dem neuen "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" beizutreten.

Das Netzwerk engagiert sich für die "freie und kontroverse Debatte auch von Außenseiterpositionen" an den Universitäten. Denn diese Debatte sei längst nicht immer gewährleistet, sagen die Gründer und mit ihnen Stefan Luft.

Stein des Anstoßes an der Uni Bremen war im Wintersemester 2012/2013 die Ringvorlesung des Instituts für Politikwissenschaft mit dem Titel "20 Jahre Asyl- und Zuwanderungskompromiss – Bilanz und Perspektiven". Als federführender Dozent hatte Luft zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion geladen, die die parlamentarische Debatte um den Asylkompromiss aus den früher 90er Jahren in Erinnerung rufen sollte. "Ich war froh, Zeitzeugen gefunden zu haben, die an der Diskussion teilnehmen wollten", erinnert sich Luft.

Demonstranten verhinderten Diskussion mit Beckstein

Günther Beckstein kommt an der Bremer Uni nicht zu Wort
Konnte 2012 zwar mit buten un binnen sprechen, nicht aber zu den Studierenden im Hörsaal: CSU-Politiker Günther Beckstein. Bild: Radio Bremen

Doch schon die Ankündigung eines dieser Zeitzeugen ließ in Bremen einige Gemüter hochkochen: die des früheren bayrischen Innenministers Günther Beckstein (CSU), der Flüchtlingsaktivisten als "rechter Scharfmacher" galt. Der Staatsschutz der Bremer Polizei, so Luft, habe ihn im Vorfeld der Podiumsdiskussion mit Beckstein darüber informiert, dass in der autonomen Szene gegen die Veranstaltung mobilisiert werde und daher mit gewalttätigen Störungen zu rechnen sei.

Genauso ist es gekommen. Eine Reihe autonomer Aktivisten habe sich unter die Studierenden im Hörsaal gemischt und die Podiumsdiskussion mit ohrenbetäubendem Lärm im Keim erstickt, sagt Luft.

Beckstein wäre fast verprügelt worden.

Politikwissenschaftler Stefan Luft

Um Schlimmeres zu verhindern, habe sich die Diskussionsrunde schließlich in einem Nebenraum zurückgezogen. "Die Autonomen hatten ihr Ziel erreicht", so Luft. Denn sie hätten entschieden, dass Beckstein nicht an der Uni sprechen durfte. "Das widerspricht der Wissenschaftsfreiheit", findet der Politologe. Er wirft der damaligen Universitätsleitung und der Politik vor, zu wenig unternommen zu haben, um die Podiumsdiskussion sowie mögliche Fortsetzungen zu schützen: "Ich sollte bei einer Folgeveranstaltung dafür sorgen, dass die Polizei nicht auf dem Unigelände parkt, sondern außer Sichtweite."

"Klimawandel ist auch so ein Thema"

Grauhaariger Mann mit Brille am Schreibtisch
Hat sich dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit angeschlossen: der Bremer Politologe Stefan Luft. Bild: Stefan Luft

So sehr sich der Politikwissenschaftler noch heute über den Vorfall aus dem Dezember 2012 ärgert, betont er zugleich, dass es sich dabei um keinen Einzelfall handele. Vielmehr sei immer öfter an Deutschlands Universitäten zu beobachten, wie die Freiheit der Wissenschaft untergraben werde.

Diese Einschätzung teilt auch die Bochumer Philosophin Maria-Sibylla Lotter, die der fünfköpfigen Steuerungsgruppe des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit angehört. Allerdings, so Lotter im Deutschlandfunk, seien nicht alle Themen an den Universitäten von entsprechenden Störmanövern betroffen, sondern insbesondere solche wie "Zuwanderung", "Islam" oder "Gendersternchen".

"Klimawandel ist auch so ein Thema. Wer sich etwa gegen die Annahme eines von Menschen gemachten Klimawandels ausspricht, ist auch oft Opfer von abgesagten Vorträgen", beschreibt Lotter das Geschehen. Dabei lebe die Universität von der freien Debatte gerade heikler Themen. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit wolle die Freude und den Sinn für freie Debattenkultur stärken.

"Es geht um die Freiheitsrechte des Einzelnen"

Die Idee für die Gründung des Netzwerks hatte die Migrationsforscherin Sandra Kostner vom Zentrum für Wissenstransfer der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Kostner ist auch die Sprecherin des Netzwerks. Seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten im Jahr 2017 habe sie an den Universitäten im angelsächsischen Raum eine zunehmende "moralische Panik" beobachtet, so Kostner gegenüber buten un binnen.

Doch auch an den deutschen Universitäten habe der Konformitätsdruck zugenommen. "Wir müssen etwas dagegen setzen", sagt sie. "Es geht um die Freiheitsrechte des Einzelnen." Das Netzwerk wolle Eingriffe in diese Freiheit der Wissenschaft analysieren, Muster erkennen und den Betroffenen helfen. "Die Unis sollen ein Marktplatz der Ideen bleiben. Moralkorsette behindern das Denken", so Kostner.

Die Wissenschaftlerin legt Wert auf die Feststellung, dass das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, dem bislang gut 70 überwiegend konservative Wissenschaftler angehören, politisch nicht festgelegt sei. "Wir verteidigen Eingriffe in die Freiheit der Forschung, egal aus welcher Richtung sie kommen", sagt sie. Auch würde sie sich freuen, wenn sich mehr Kolleginnen und Kollegen aus dem linken Spektrum dem Netzwerk anschlössen.

Wie Günther Beckstein aus dem Hörsaal gebrüllt wurde (2012)

Video vom 6. Dezember 2012
Protest im Hörsaal gegen den Asyl-Kompromiss von 1992 und Günther Beckstein
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. Februar 2021, 23:30 Uhr