Fragen & Antworten

Nacktfotos im Netz: Was Eltern tun sollten – und was nicht

Auch Bremer Jugendliche zeigen sich in sozialen Netzwerken betont freizügig – eine Folge der "sexualisierten Gesellschaft"? Hilft Eltern Verständnis oder Durchgreifen?

Eine junge Bremerin posiert freizügig bei Instagram
Warum posten Jugendliche freizügige Bilder auf Social-Media-Kanälen?
Plattformen wie Whatsapp oder Instagram sind bei Jugendlichen beliebt. "Jugendliche nutzen Instagram, weil sie mit Bildsprache viel schneller kommunizieren können als mit Text", sagt der Bremer Medienpädagoge und Leiter des Servicebureau Jugendinformation, Markus Gerstmann. Laut Gerstmann orientieren sich Jugendliche an den Bildern, die sie dort von sich selbst veröffentlichen oder die sie mit Likes versehen, an Werbung oder Prominenten. "Wir haben eine sexualisierte Gesellschaft, Werbung arbeitet mit sexualisierten Bildern, das wird nachgemacht. Es ist sehr, sehr wichtig, schön zu sein, auch in den Fernsehsendungen wie Germany's Next Topmodel mit Heidi Klum wird das suggeriert: Ich bin schön und es ist wichtig, schön zu sein, das ist ein Wert in unserer Gesellschaft." Jugendliche machten das auch nach, um sich selbst auszuprobieren und zu orientieren, um Rückmeldungen von anderen zu bekommen. "Ich finde es wichtig, dass dieses Orientieren, was in der Jugend und Pubertät ja auch dazugehört, einfach stattfindet", sagt Gerstmann. Viele Jugendliche merkten nach seiner Erfahrung dann auch, dass dies nicht der richtige Weg für sie sei.
Welche Folgen können solche Bilder im schlimmsten Fall haben?
Über viele Apps lassen sich Fotos, aber auch andere Daten sehr schnell und ohne viel Aufwand mit anderen Nutzern teilen. Problematisch wird es dann, wenn Fotos in die Hände von Menschen geraten, für die sie nicht bestimmt waren. Oder wenn sich Personen bei Social Media so sehr über die abgebildete Person lustig machen, dass es für sie unerträglich wird. "Wir wissen von Fotos, die im ganzen Stadtteil verteilt wurden, und jeder kennt dieses Foto. Man sollte vorher darüber nachdenken: Will ich, dass alle das kennen?", rät Gerstmann. Denn wenn erst einmal alle im Stadtteil darüber redeten, zögen sich Jugendliche immer mehr zurück, blieben zu Hause, was zur Isolation führen könne.
Welche Gedanken sollte man sich vor dem Posten machen?
Als Faustformel führt Gerstmann ein Gedankenspiel an: "Wenn ich mir vorstelle: In der Schule gibt es Leute, die mich nicht mögen. Und wenn die diese Bilder sehen, was machen die damit? Kann ich dazu stehen, dass sie über diese Bilder reden? Dann kann ich das machen. Ansonsten würde ich solche Bilder nicht veröffentlichen oder eben auf privat einstellen bei Instagram, so dass es nur meine Freunde sehen können." Wichtig ist dem Pädagogen: "Dieses Nachdenken: Wer sieht mein Bild und will ich, dass diese Person das sieht? Das ist das Entscheidende dabei."
Was kann ich tun, wenn mein Kind freizügige Fotos von sich verbreitet?
"Es ist wichtig, das mal zum Abendbrotthema zu machen, zu fragen: 'Das ist dein Kanal, was machst du da? Warum machst du das?' Diese 'doofen Elternfragen', die müssen wir stellen, um eine Entwicklung zu fordern", sagt der Medienpädagoge. "Aber auf Augenhöhe. Also nicht: 'Du machst es falsch und ich weiß es besser'. Sondern: 'Erkläre mir deine Welt, damit ich die besser verstehe. Ich komme dann mit meinen weisen Fragen, die ich aus meiner Lebenserfahrung habe, und versuche dich zu unterstützen.'" Als Elternteil müsse man ab einem gewissen Punkt auch lernen, Dinge zu akzeptieren. "Das ist hart für Eltern, dieses Loslassen, aber ich glaube, es heißt dann: begleiten, unterstützen, immer wieder dranbleiben und das Kind auch stärken." Wenn Gespräche zu Hause nicht weiterhelfen, könne man sich auch an entsprechende Institutionen wenden.
Habe ich als Elternteil rechtliche Möglichkeiten, um mein Kind vor sich selbst zu schützen?
Die Fotoplattform Instagram bietet einen Leitfaden für Eltern an, den man sich herunterladen kann. Abgesehen davon sollte man bei seinem Kind auf Aufklärung setzen und mit ihm darüber reden, rät der Medienrechtsanwalt Christian Solmecke. "Eine gute Möglichkeit wäre natürlich, dass man mit dem Kind so offen umgeht, dass das Kind die Eltern auch im Rahmen der Privatsphäre-Einstellungen in den Instagram-Account hereinlässt, sodass die Eltern mal schauen können, was das Kind da macht." Rechtlich gesehen können Eltern sogar noch zu ganz anderen Mitteln greifen. "Im Rahmen der erzieherischen Aufsicht haben Eltern natürlich die Möglichkeit, dem Kind, wenn es 14 oder 15 Jahre alt ist, vorzuschreiben, was dort gepostet wird und was nicht", sagt Solmecke.
Kann ich Zugriff auf den Account meines Kindes erhalten?
"Instagram sagt in seinen Erklärungen dazu, dass Eltern nicht auf das Konto der Kinder zugreifen können und auch keinerlei Befugnisse haben. Das widerspricht allerdings der deutschen Rechtslage, die besagt, dass ein Konto nach dem Datenschutzrecht nur dann eröffnet werden kann, wenn der Jugendliche mindestens 16 Jahre alt ist", sagt der Medienrechtsanwalt. Sofern Jugendliche jünger seien, müsse das mit Einverständnis der Eltern geschehen. "Kaum eine soziale Plattform führt derzeit eine korrekte Altersverifikation durch. Darüber hinaus besteht in Deutschland auch der Grundsatz, dass man Verträge erst ab 18 Jahren schließen kann. So einen Vertrag schließt man mit einem sozialen Netzwerk wie Instagram, so dass die Eltern auch hier noch ein Mitspracherecht hätten. Allerdings gab es bislang dazu noch keine mir bekannten Rechtsstreitigkeiten. Da bin ich sehr gespannt, was die Zukunft bringen wird", sagt Solmecke.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. August 2019, 19:30 Uhr