Gefahr durch Munition in Nordsee: Forscher treffen sich in Bremerhaven

Tonnenweise Munition aus versenkten Kriegsschiffen liegt in der Nordsee. Internationale Wissenschaftler untersuchen Umweltrisiken und kommen nun in Bremerhaven zusammen.

Ein Taucher am Rand eines Schiffes.

Ab Montag treffen sich rund 30 Wissenschaftler und Experten des EU-geförderten Projekts "North Sea Wrecks" zwei Tage lang in Bremerhaven. Sie wollen unter anderem den Verlauf ihrer gemeinsamen Forschung besprechen. Außerdem stellt das Deutsche Schifffahrtsmuseum (DSM) das Konzept zu einer Wanderausstellung zum Thema vor. Für das ebenfalls an dem Forschungsprojekt beteiligte Alfred-Wegener-Institut (AWI) nimmt der Biologe Matthias Brenner an dem Treffen teil.

Er war erst kürzlich mit den Kollegen aus Belgien auf einer Expedition zu einem Wrack. An dem 2018 gestarteten Projekt sind außerdem noch die Niederlande, Norwegen und Dänemark beteiligt. Es läuft vier Jahre und wird von der EU mit vier Millionen Euro gefördert. Alle Länder machen laut Brenner eigene Pilotstudien. "Die Belgier haben direkt losgelegt, mit denen waren wir gerade unterwegs." Im Mai soll die erste Ausfahrt zu einem Schiffswrack in der deutschen Nordsee mit dem AWI-Forschungsschiff "Heincke" durchgeführt werden, weitere folgen im Herbst 2020 und 2021.

Taucher sollen sich ein Bild von der Munition machen

Ein Taucher kniet auf einem Boot und sichtet Muschelproben.
Für ihre Foschung untersuchen Wissenschaftler, ob Miesmuscheln Schadstoffe aus den Kriegsschiffen aufnehmen. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Matthias Brenner

Die betroffenen Schiffe wurden im Gefecht oder auf dem Weg zum Kampfeinsatz versenkt. Derzeit sammeln die Forscher unter anderem in Militärarchiven Informationen über die Wracks. Ziel des vom DSM koordinierten Projektes ist es, mögliche Gefahren der sich zersetzenden Munition für die Umwelt zu erkunden. Dazu sollen Taucher und Tauchroboter eingesetzt werden.

Dass sich eine Granate spontan selbst zündet ist nicht wahrscheinlich, aber möglich. Man sollte kein schweres Gerät darauf absetzen.

Matthias Brenner, AWI-Biologe

Brenner interessiert sich als Biologe dafür, was bei Kontakt zwischen Munition und Organismen passiert. Dafür setzen die Forscher vor Ort Miesmuscheln ein, die das Wasser filtern und dabei Abfallstoffe aufnehmen. Nach einigen Monaten sollen Analysen zeigen, ob von den Wracks eine Schadstoffbelastung ausgeht. Die Expeditionen sind dabei nicht ganz ungefährlich. "Teilweise ist die Munition leer, teilweise aber auch sprengfähig", sagt Brenner. "Dass sich eine Granate spontan selbst zündet, ist nicht wahrscheinlich, aber möglich. Man sollte kein schweres Gerät darauf absetzen." Die Forschungstaucher hätten dafür eine Einführung vom Kampfmittelräumdienst erhalten.

Schadstoffe könnten auf dem Teller landen

Ein Mann mit Brille und Kappe lächelt mit geneigtem Kopf in die Kamera.
Matthias Brenner ist als Biologe des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts an dem internationalen Projekt beteiligt. Bild: Matthias Brenner

Bisher wurden derartige Untersuchungen laut Brenner nur in der Ostsee durchgeführt. "Dort treten Schadstoffe aus, das ist großflächig nachweisbar." So würden Fische TNT aufnehmen und hätten eine drastisch hohe Rate an Lebertumoren. Daraus schließen die Forscher auf eine krebserregende Wirkung. Zwar werde nicht direkt in belasteten Gebieten gefischt, jedoch seien bereits Spuren in Filets vom Dorsch nachgewiesen worden, so Brenner. "Schadstoffe gehen in Organismen und könnten auch auf unseren Tellern landen."

30.000 Tonnen Munition in Sichtweite vom Strand

Laut Brenner liegen zum Beispiel in der Kieler Bucht rund 30.000 Tonnen Munition in Sichtweite von beliebten Stränden. Bei einem Schluck Seewasser bestünde keine Gefahr für Menschen, dennoch wurden schon mögliche Lösungen getestet. "In Schleswig Holstein wurde Munition bereits mit Robotern geborgen und emissionsfrei unter Wasser unschädlich gemacht", erklärt Brenner. Einen Prototyp für die Ostsee gebe es also. In der Nordsee herrschten allerdings andere Strömungsverhältnisse. "Da betreten wir Neuland."

Die Story im Ersten: Bomben im Meer

Titel: Bomben im Meer - Ein Film von Frido Essen

Autor

  • Joschka Schmitt

Dieses Thema im Programm: Nachrichten, Bremen Eins, 21. Oktober 2019, 6:00 Uhr