MSC Zoe: Sie wollen Container bergen – und fischen nach Müll

Wie ein Insekt lauert der Bagger – doch er greift nur Schrott. Reste der Container der havarierten MSC Zoe bleiben im Meer. Die Bergung ist ein Kraftakt, die Folgen wiegen schwer.

 Das Msc-Schiff auf dem Meer.

Selbst bei bestem Wetter lassen sich die Container der "MSC Zoe" 20 Kilometer nördlich von Borkum nicht komplett, sondern nur noch als Schrottstücke bergen. Ihr Inhalt lässt sich nicht gänzlich aus dem Meer holen. So liegt unter Wasser ein Müllberg zwischen den Inseln Terschelling im Westen und Langeoog im Osten direkt vor dem Biosphärenreservat Wattenmeer – bestehend aus all dem, was von 341 verlorenen Containern übrig ist.

Helmut Olthoff hat eine Kontrollfahrt angesetzt. Der Leiter der Revierzentrale im Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Emden (WSA) will sich draußen vor Borkum selbst davon überzeugen, wie die Container-Bergung durch das niederländische Spezialschiff "Atlantic Tonjer" läuft. Ablegen um neun Uhr am Außenhafen Emden mit der knapp 50 Meter langen "Gustav Meyer", dem Flaggschiff des WSA-Emden, Baujahr 1967. Mit zwölf Knoten Marschfahrt geht es raus aus der Ems.

Legal – aber unklug

Mann zeigt auf eine Schiffahrskarte
Helmut Olthoff leitet die Revierzentrale im WSA Emden.

Zeit genug, sich in der Messe des Tonnenlegers mal die Seekarten auszurollen und die Nacht vom ersten auf den zweiten Januar noch einmal zu rekapitulieren. Olthoff fährt mit dem Finger den Kurs der "MSC Zoe" ab. Das 396 Meter lange und 59 Meter breite Riesenschiff der Reederei MSC ist von Antwerpen nach Bremerhaven unterwegs und nimmt die südlichere Küstenautobahn – der Nautikfachbegriff ist "Verkehrstrennungsgebiet". Das Fahrwasser führt ziemlich nah an den westfriesischen und dann nach einem Knick auch an den ostfriesischen Inseln entlang. Olthoff nickt auf die Frage, ob das eigentlich legal war: Mit einem Schiff, das 16 Meter Tiefgang haben kann, bei Sturm und hohen Wellen in nur zwanzig Meter tiefem Wasser zu fahren? "Ja, legal war das. Die Frage ist nur, ob das auch schlau war. Hier vor Terschelling und dann noch einmal weiter hier vor Ameland hat der Kapitän dann Probleme gekriegt und die Container verloren." Die Seekarte zeigt hier sogar einige Stellen mit unter zwanzig Metern Wassertiefe.

Als dann klar war, dass eine ganze Reihe der Container an der Wasseroberfläche oder knapp darunter treibt, mussten wir zunächst einmal die komplette Schifffahrt auf der Westerems sperren. Wer da überhaupt noch unterwegs war, hat sich langsam und höchst aufmerksam durch das Wasser bewegt.

Helmut Olthoff, Leiter der Revierzentrale im Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Emden

Helmut Olthoff ist trotz seines Ranges bei der WSA nicht der Unfalluntersucher. Das hat das Havariekommando Cuxhaven in Abstimmung mit ähnlichen Stellen in den Niederlanden gemacht. Er muss mit seinen Leuten aber schon in der Unglücksnacht die Gefahr für Küste und Schifffahrt einschätzen und reagieren: "Als dann klar war, dass eine ganze Reihe der Container an der Wasseroberfläche oder knapp darunter treibt, mussten wir zunächst einmal die komplette Schifffahrt auf der Westerems sperren. Wer da überhaupt noch unterwegs war, hat sich langsam und höchst aufmerksam durch das Wasser bewegt."

Tausende Helfer reinigen die Strände

Was danach kam, konnte man sich in der Medien ansehen: Strandreinigung im Sturm. Blechkisten, die sich in der Brandung wälzen und Tausende Helfer zwischen Terschelling und Langeoog überall im Einsatz der Strandreinigung.

Jetzt geht es an Borkums Weststrand entlang. Das Land scheint von der Position der "Gustav Meyer" zum Greifen nah. Alles sieht sauber aus. Aber es weht eben auch kein Lüftchen und es schieben auch keine Wellen schieben Treibgut auf den Strand. 45 Minuten vor Eintreffen bei dem Bergungsschiff fragt Kapitän Menno Hajen schon einmal bei den Niederländern nach, ob sie heute schon Erfolg hatten. Aus dem Lautsprecher am Funkgerät knarzt eine Stimme in Englisch mit starkem niederländischen Akzent auf die Brücke: "Wir stehen gerade über einer Position mit einem ganzen Haufen von mindestens drei Containern. Eine schwierige Sache. Aber das Gebiet hier ist genau richtig." 45 Container sind bisher insgesamt auf deutschem Meeresgrund mit Fächersonaren geortet worden, heißt es.

Wie ein Insekt lauert der Bagger

Die "Atlantic Tonjer" steht genau neben der Tonne "TG 1" an der südlichen Kante der Küstenautobahn "Terschelling – Deutsche Bucht" mit über 25 Metern Wassertiefe unter dem Krangreifer. Von weitem scheint das mehr als 80 Meter lange Spezialschiff mit seinem signalrotem Rumpf fast zu schweben – so sehr zerfließt im leichten Dunst das Himmelsblau mit dem Blau des Wassers hier draußen. Näherkommend werden Details deutlicher: Der markante Vorbau mit einer Hubschrauberplattform, das ausladendende Achterdeck hinten und dann ist da dieser gelbe Kran. Der ähnelt im Aufbau fast einer Gottesanbeterin, die sich immer wieder gen Wasseroberfläche neigt. Stahldrähte reichen ins Wasser. Dann kräuselt sich die Wasseroberfläche und ein riesiger blauer Greifer taucht auf: mit einem Happen von durchlöchertem orangefarbenem Containerschrott im Maul. An Deck wartet wie ein zweites Insekt ein Bagger darauf, die Beute zusammenzuschieben, immer wieder zu stauchen und so transportfähig zu machen.

Als die "Gustav Meyer" in 200 Meter Abstand querab von der "Atlantik Tonjer" ihren Motor stoppt, taucht der Greifer gerade wieder aus der Nordsee. Diesmal hat er einen mintfarbenen Motorroller erwischt und einige Stoffbahnen. Dann sind da verdrehte Gestänge, die wohl vor sieben Wochen noch als Kleiderständer durchgegangen wären. Aus dem Greifer fallen kleinere Teile wieder hinunter ins Wasser. Ein Fischerboot mit der Kennzeichnung "LO 28" naht mit heruntergelassenen Netzen heran, um aufzufischen, was sich eben einfangen lassen will. Aus der Luft sieht man, dass sich schon eine Müll- und Sandfahne mit der Meeresströmung in Richtung Südosten vom Bergungsschiff abgesetzt hat. Da hinten kommen irgendwann die Strände der Ostfriesischen Inseln.

Mikroplastik wird im Meer bleiben

Helmut Olthoff steht vorne im Bug des WSA-Schiffes. Er runzelt die Stirn, als er sieht, dass der Greifer ein weiteres Mal nur zerfetzte Containerschrottteile nach oben bringt: "Die Container sind aus sehr großer Höhe von dem Schiff auf die Wasseroberfläche geprallt, dann mit ihrem Gewicht schnell weiter zwanzig, dreißig Meter tief gesunken. Sie sind wahrscheinlich teilweise schon sofort auf dem Meeresboden zerschellt," sagt Olthoff und erläutert weiter, was für Kräfte auf die Blechkisten eingewirkt haben.

Da konnte man auch als Optimist nicht erwarten, dass wir hier intakte Container bergen würden.

Helmut Olthoff, Leiter der Revierzentrale im Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Emden

Mit der niederländischen Wasserbehörde Rijkswaterstaat definiere man momentan gerade, ab wann eine Seestelle mit verlorenen Containern behördlicherseits überhaupt wieder für "sauber" erklärt werden könne. Bisher gab es dafür keine Standards. Olthoff schaut hinüber, wo der Greifer gerade wieder Wasser und Müll verliert: "Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass man hier alles rausbekommt. Kleinteile und Mikroplastik werden im Wasser bleiben und uns sicher noch ziemlich lange beschäftigen. Man kann eben nicht mit einem Staubsauger den Meeresboden absaugen und dann ist alles wieder gut. So funktioniert das nicht."

Ein plattgedrückter fast kompletter 40-Fuss-Container ist der Fang des Tages für die "Atlantic Tonjer". Aber wo ist der Inhalt? Sieben Wochen lang hatte das Meer Zeit, viel von dem Inhalt der 341 verlorenen Container über den Meeresgrund zu verstreuen. Die beiden Gefahrgutcontainer sind auch noch nicht gefunden. Kann man da bei solch einer Müll- und Schrottfischerei überhaupt von erfolgreicher Bergung sprechen? Olthoff zuckt mit den Schultern: Die Berger und er und seine Männer vom WSA tun, was sie können. "Und ich bin froh über jedes Teil, was wir jetzt aus dem Wasser ziehen können."

Politikerin wünscht sich Küstenwache auf Borkum

Die Borkumer Politikerin Meta Janssen-Kucz (Grüne).
Wünscht sich eine Küstenwache auf Borkum: Meta Janssen-Kucz (Grüne).

Fünf Stunden später: Meta Janssen-Kucz ist Borkumerin und bekommt zum ersten Mal die Bilder von der Containerbergung zu sehen. Die Niedersächsische Landtagsabgeordnete der Grünen ist sauer: "Es war Augenwischerei so zu tun, als ob man hier komplette Container einfach wieder aus dem Wasser holen könnte." Sie hat den wochenlangen Einsatz der Feuerwehrleute und der vielen hundert Freiwilligen inklusive Teams von Greenpeace zu Jahresanfang miterlebt: "Aber ganz ehrlich: Alle machen das ehrenamtlich, bei uns auch die freiwilligen Feuerwehrleute. Wir können nicht durchgehend so etwas wie einen Katastrophenschutz auf solch einer kleinen Insel vorhalten. Das alles überfordert unsere Infrastruktur."

Aus Sicht der Politik machenden Insulanerin muss die Lehre sein, dass solche großen Containerschiffe nicht mehr die Fahrrinnen so nah unter den Inseln benutzen dürfen: "Stattdessen sehen wir von Jahr zu Jahr, wie der Verkehr da vor unserer Haustür noch zunimmt." Und sie wünscht sich den Aufbau einer echten Küstenwache mit allem drum und dran, um noch schneller und besser auf solche Unfälle reagieren zu können. Meta Janssen-Kucz sieht das Bild, wie der Greifer Müllteile im Meer verliert: "Durch das Heben der Containerreste wird jetzt noch mehr Müll im Meer freigesetzt. Das haben wir alles mit den nächsten Stürmen wieder bei uns an den Stränden. Und noch gefährlicher ist das, was wir nicht finden und dass irgendwo landet, bis es richtig schadet: Ich nenne mal das Stichwort Mikroplastik." Sie jedenfalls geht auf ihre regelmäßigen Strandspaziergänge nur noch mit einer großen Mülltüte.   

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  • Volker Kölling

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Februar 2019, 19:30 Uhr.