Motorradfahren ohne Prüfung? Das sagen Bremer Verkehrsexperten dazu

Viele Autofahrer können jetzt Motorräder mit bis zu 125 Kubikzentimeter fahren. Ohne Prüfung. Nur mit ein paar Übungsstunden. Fachleute warnen vor den möglichen Gefahren.

Video vom 9. Januar 2020
Ein Mann sitzt auf einem Motorrad vor einer Reihe Garagen.
Bild: Radio Bremen

Für die einen Grund zur Freude, für die anderen ein verantwortungsloses Risiko: Autofahrer, die mindestens 25 Jahre alt sind und seit 5 Jahren über einen Führerschein der Klasse B verfügen, können seit dem 1. Januar 2020 ohne eine weitere Prüfung Motorräder mit bis zu 125 Kubikzentimeter Hubraum fahren. Diese Modelle haben zwar maximal 15 PS, können aber bereits über 100 km/h erreichen. Echte Flitzer also, die für Laien von größeren Maschinen oftmals kaum zu unterscheiden sind.

Bisher war dafür ein eigener Führerschein der Klasse A1 notwendig, für den Praxis- und Theoriestunden sowie eine Prüfung anstanden. Mit einem Führerschein der Klasse B durften lediglich Kleinkrafträder gefahren werden, die maximal 45 Stundenkilometer auf die Straße brachten. Das ist nun vorbei und ein PKW-Führerschein der Klasse B reicht aus.

Keine Prüfung, aber neun Unterrichtseinheiten

Ein Motorradfahrer fährt auf einem Motorrad mit 125 ccm über eine Landstraße (Symbolbild)
Leichtkraftrad: Solch ein Motorrad dürfen Autofahrer zukünftig ohne weitere Fahrprüfung fahren. Bild: DPA | Thomas Frey

Neun Unterrichtseinheiten zu je 90 Minuten gilt es nun noch zu absolvieren — vier Theorie- und fünf Praxisstunden. Es werden also nur die wesentlichsten Grundlagen, die für Motorräder im Straßenverkehr gelten, vermittelt. Danach wird die Schlüsselzahl 195 in den Führerschein eingetragen. Die Kosten für diese Führerschein-Erweiterung liegen bei etwa 500 Euro.

Das neue Gesetz soll für mehr Mobilität auf dem Land sorgen. Verkehrsexperten wie Ralf Spörhase von der Bremer Landesverkehrswacht kritisieren das neue Verfahren massiv. In erster Linie, weil Motorradfahrer jetzt schon an überdurchschnittlich vielen Verkehrsunfällen beteiligt sind.

Motorradfahrer gehören zu einer Risikogruppe im Straßenverkehr und sind an vielen Verkehrsunfällen beteiligt — sie sind teilweise sogar zu 70 Prozent der Verursacher.

Ralf Spörhase
Ralf Spörhase, Landesverkehrswacht Bremen

Außerdem seien unter Motorradfahrern schwere oder tödliche Verletzungen viermal so häufig wie bei allen anderen Verkehrsteilnehmern. Besonders deshalb habe es im Vorfeld viel Widerstand gegen das neue Gesetz gegeben.

Zu viel Risiko im Straßenverkehr?

Unfallstelle mit einem Leichtkraftrad.
Motorradfahrer sind besonders häufig an Verkehrsunfällen beteiligt. Bild: Polizei Herford

Auch der TÜV Nord zeigt kein Verständnis für das neue Gesetz. Die neue Regelung sei absurd, rufe die Bundesregierung doch sonst immer nach weniger Verkehrstoten in Deutschland. Das Beispiel Österreich macht da wenig Hoffnung: Hier gilt eine ähnliche Regelung bei sechs praktische Fahrstunden. Die Erfahrungen dort: Die Unfälle mit Motorradfahrern haben laut einer Stellungnahme der Bundesanstalt für Straßenwesen seitdem zugenommen.

Die technischen Prüfstellen haben im Vorfeld eher von der Gesetzesnovelle abgeraten, so Jens Staron vom TÜV Nord und sah sich zunächst auch vom Verkehrsausschuss des Bundesrates in seiner Einschätzung bestätigt.

Vielleicht mag sich jeder selbst mal fragen: Was ist mir lieber? Ich habe eine sehr gute Ausbildung mit einer Prüfung, in der ich Fähigkeiten und Kenntnisse nachweise. Oder ich lass das halt weg.

Jens Staron von TÜV Nord, Mann im Anzug in einer Werkstatt
Jens Staron, TÜV Nord

Der Bremer Fahrlehrer Michael Schallhorn sieht das gelassener. Er geht davon aus, dass die potentiellen Kunden ohnehin nicht an so schnellen Fahrzeugen interessiert sind. Alle anderen würden eher einen "richtigen" Motorradführerschein machen, mit dem sie dann nicht nur die Leichtkrafträder fahren dürfen: "Ich erwarte, dass das Klientel Rollerfahrer sein werden, die sich nicht mehr mit 45 km/h zufrieden geben."

Leistungsstärkere Maschinen für ältere Autofahrer

Ein alter, rosa Führerschein.
Wer noch in Besitz eines solchen Führerscheins ist, darf eventuell auch ohne Unterrichtsstunden Motorrad fahren. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Seit 21 Jahren gibt es den EU-Führerschein. Dennoch haben viele Autofahrer immer noch den rosa oder sogar den grauen Führerschein. Hier bringt das neue Gesetz eine Ausnahme mit sich: Wer seine Fahrprüfung in Deutschland vor 1980 gemacht und noch den alten rosa "Lappen" der Klasse 3 besitzt, darf bereits nach einer erneuten praktischen Prüfung Motorräder mit bis zu 48 PS fahren. Allerdings muss dieser Führerschein bis spätestens zum 19. Januar 2033 umgetauscht werden. Denn dann verlieren alle "alten" Dokumente ihre Gültigkeit. Der neue EU-Führerschein ist dann 15 Jahre gültig. Für eine Erneuerung ist keine erneute Prüfung notwendig.

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Autoren

  • Frido Essen
  • Laura Lippert
  • Annelie Sturhann
  • Madita Thomas

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Januar 2020, 19:30 Uhr