Weniger Kontakte, keine Struktur: Wie Corona Behinderte beeinträchtigt

In Wohnheimen herrscht Besuchsverbot, die Werkstätte haben zu: Für Menschen mit Behinderungen ist die Corona-Zeit nicht leicht. Betroffene berichten.

Sevda und Rainer stehen auf einem Balkon
Für Menschen mit Beeinträchtigungen bringt die Corona-Zeit besondere Herausforderungen mit sich. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Sevda sitzt im Schatten auf der Terrasse unter dem Sonnenschirm. Sie starrt konzentriert mit den dunklen Augen nach links, ins Leere. Dann richtet sie den Blick wieder zu den anderen Menschen am Tisch und sagt: "Eigentlich fehlen mir meine Freunde, meine Kollegen."

Sevda ist 34 Jahre alt, hat schwarze, wellige Haare und wohnt in einem betreuten Wohnheim für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Sie denkt über ihre Worte gut nach, bevor sie sie ausspricht. Das Interview ist ihr wichtig, sie will alles richtig machen. "Sevda ist schon aufgeregt", sagt die Vizeleiterin des Wohnheims, Margarethe Jakubiec, mit einem Lächeln.

"Ja, das wünsche ich mir: meine Freunde wieder zu treffen. Selbst, wenn ich auch froh bin, manchmal alleine zu sein", führt die junge Frau aus. Wegen der Corona-Krise herrscht in der Einrichtung des Martinsclubs Besuchsverbot. Darauf weist ein Schild in klaren, roten und schwarzen Buchstaben an der gläsernen Eingangstür hin. Besucher dürfen nur in Ausnahmefällen rein. Um das Verbot einzuhalten, findet das Interview auf der Terrasse einer Wohnung statt. Eine Wendeltreppe aus Eisen, die offenbar als Notausgang dient, führt über drei Etagen zum Balkon.

Besuchsverbot erschwert soziales Leben

Im Hintergrund herrscht reges Leben, auch wenn die Menschen sich an die Abstandregeln halten. Es fehlt hier nicht an menschlichem Kontakt, das ist klar. Es mangelt eher an Freiheit. Freiheit in der Gestaltung des sozialen Lebens. Denn wegen der Kontaktbeschränkungen und des Besuchsverbots können die Bewohner ihre sozialen Kontakte außerhalb der Einrichtung schwerer aufrechterhalten. "Viele können nicht alleine vor die Tür", erklärt Jakubiec.

Das weiß auch Rainer, der ebenfalls in gebotenem Abstand auf der Terrasse sitzt. Er hat eine Wohnung für sich alleine in der Einrichtung. Sein Ziel ist es, eines Tages ganz alleine wohnen zu können. Für ihn war sein 49. Geburtstag anders als alle anderen. Denn dieses Jahr konnte er seine Großmutter nicht besuchen. "Ich vermisse meine Oma sehr. Ich wäre sonst mit dem Zug zu ihr gefahren. Mein Geburtstag dieses Jahr im April war nicht so schön", sagt er.

Struktur und Beschäftigungen fehlen

Doch nicht nur das soziale Leben kommt für die Bewohner derzeit zu kurz. Gleichzeitig fehlt es ihnen an Struktur, wie die Vizeleiterin betont. Die Werkstätten sind geschlossen, die Freizeitangebote eingeschränkt, Kurse abgesagt. Viele Betroffene haben plötzlich keinen geregelten Tagesablauf mehr.

Am meisten fehlt ihnen die Struktur. Aufstehen, zur Arbeit gehen… Später wird es für einige schwer sein, in die Struktur wieder reinzukommen.

Margarethe Jakubiec, Vizeleiterin des "Haus Halmerweg"

Das merkt Sevda ebenfalls. Auch, wenn sie positiv bleibt. "Ich gucke viele DVDs, ich habe keine Langeweile. Und ich stehe später auf", sagt sie und kichert. Sie duckt sich ein wenig in die rosa Jacke. "Ich finde es aber blöd, dass ich gerade nicht arbeiten darf", sagt sie. Sie erzählt, dass sie normalerweise in einer Werkstatt arbeitet. Sie verpackt Schokolade, Kerzen und ähnliches für den Verkauf. "Es macht Spaß", fügt sie hinzu. "Das hast du vor Corona noch nie gesagt, Sevda", scherzt Jakubiec. Die junge Frau lacht.

Behinderte schneiden Zitronen
Werkstätte für behinderte Menschen sind derzeit geschlossen. Bild: Radio Bremen

Auch Rainer arbeitet nicht mehr, seitdem das Coronavirus Bremen mit voller Wucht erreicht hat. Vorher habe er drei Stunden am Tag in der Bäckerei eines Inklusivbetriebs gearbeitet. "Ich bin traurig, ich möchte gern wieder arbeiten. Es war mein Traumberuf, ich habe lange dafür gekämpft", sagt der 49-Jährige mit den kurzen, grauen Haaren. Es sei nicht einfach gewesen, bestätigt die Vizeleiterin. Er habe mehrere Praktika absolvieren müssen, eher er eine Stelle bekommen hat.

Ebenfalls weggefallen sind die Schwimm- und Lesekurse, erzählt Rainer. "Ich gehe jetzt früher ins Bett", sagt er resigniert. Auszubildende und Schulassistenten würden in dieser Zeit die Bewohner unterstützen, damit sie eine gesonderte Aufmerksamkeit bekommen, erläutert Jakubiec. Ein Betreuer geht jetzt oft mit Rainer einkaufen und spazieren und kocht mit ihm. Aktivitäten, für die man früher weniger Zeit hatte. Damit der Tag nicht leer ist.

Für uns Mitarbeiter ist es eigentlich ganz gut gelaufen. Es war stressig am Anfang. Dann hat sich aber alles entschleunigt. Doch für die Bewohner wünschen wir uns Lockerungen oder ein Konzept für die Werkstätte.

Margarethe Jakubiec

Die Werkstätten schickten Briefe, riefen an, erzählt Jakubiec. Sie erkundigten sich nach dem Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter. Das sei schön, doch eine Tagesstruktur fehle weiterhin.

Lockerungen noch unklar

Dass die Maßnahmen zu ihrem Schutz getroffen wurden, ist Rainer und Sevda klar. Noch unklar ist allerdings, wann die Träger wieder mit Öffnungen oder Lockerungen rechnen können. Erst kommende Woche wolle man mit den Verbänden und Vereinen über das Besuchsverbot in Pflegeheimen beraten, sagt das Sozialressort.

Der neue Bremer Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Arne Frankenstein, sagt dazu: "Ich glaube, dass man das Infektionsgeschehen im Blick behalten sollte. Aber meine Linie ist: Was für die gesamte Gesellschaft gilt, sollte auch für Menschen mit Behinderung gelten." Sprich: Wenn Biergärten und Arbeitsplätze wieder aufmachen, könnte man über eine Öffnung der Werkstätten nachdenken.

Dreistufiges Verfahren für Werkstätten gerade in der Diskussion

Gerade sei ein dreistufiges Verfahren in der Vorbereitung, erläutert Frankenstein. In der ersten Phase könnte demnach ein Viertel der Beschäftigten die Arbeit wieder aufnehmen. Und zwar diejenigen, die mit den Abstandsregeln am einfachsten klarkommen könnten. In einem zweiten Schritt könnte noch etwa 40 Prozent der Belegschaft die Arbeit wieder aufnehmen. Die restlichen Mitarbeiter könnten erst zurückkommen, wenn die Abstandsregel fällt. Ein Problem mit diesem Modell sei jedoch, dass Menschen, die am meisten einen geregelten Tagesablauf benötigten, womöglich als letzte dran wären.

Ein genauer Zeitpunkt für die Umsetzung steht noch nicht fest. Auf Nachfrage teilte das Sozialressort außerdem mit, die genannten Zahlenangaben könne die Behörde nicht bestätigen.

Die größten Probleme seien derzeit laut dem Landesbeauftragten, dass für die Werkstätten ein grundlegendes Konzept fehle. Außerdem sei wichtig, dass die Mitarbeiter an den Entscheidungen teilnehmen könnten.

Was das Besuchsverbot angeht, plädiert Frankenstein für eine differenzierte Betrachtung. Denn nicht alle Pflegeeinrichtungen hätten dieselben Wohnformen und Angebote. "Man könnte schauen, ob Ausnahmen sinnvoll wären – immer mit Blick auf das Infektionsgeschehen."

Es kann nicht sein, dass sie [alle Menschen mit Behinderungen, NdR.] langfristig sozial isoliert werden.

Der neue Landesbehindertenbeauftragte Arne Frankenstein im Porträt.
Arne Frankenstein, Landesbehindertenbeauftragter

Doch vor allem zeige die Coronakrise laut Frankenstein eines: Wo das System festgefahren ist und wo die Probleme liegen. Welche strukturellen Änderungen notwendig seien. Er sagt: "Die Krise zeigt, dass wir noch keine inklusive Gesellschaft sind."

Corona-Krise: Auswirkungen für Menschen mit Beeinträchtigungen

Video vom 3. Mai 2020
Die blinde Sängerin Corinna May mit Nase-Mund-Schutz im Supermarkt.
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 5. Mai 2020, 10:15 Uhr