Meinungsmelder

Männer und Frauen sollen gleich verdienen – bloß wie?

Über gleiche Bezahlung wird viel diskutiert. Doch wie weit würden die Bremer dafür gehen? Wir haben die Radio Bremen Meinungsmelder gefragt.

Es werden vier 20€ Scheine und ein 10€ Schein in die Kamera gehalten.

Liest man die Kommentare der Teilnehmer an der Radio Bremen Befragung, scheinen sie alle einer Meinung zu sein: Wer gleich arbeitet, sollte auch gleich verdienen. Völlig unabhängig davon, ob man als Mann oder Frau geboren wurde. Doch wären die Bremer und Bremerinnen – vor allem aber die Bremer – bereit, auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten, damit ihre Kolleginnen genauso viel verdienen wie sie ?

Würden Sie für die Gleichberechtigung auf einen Teil Ihres Gehalts verzichten?

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Die Frage ist provokativ, sie polarisiert. Und ruft offenbar starke Emotionen hervor. Ein knappes Fünftel aller Interviewten zeigt sich absolut bereit, einen Teil des eigenen Gehalts für die "Causa Gleichberechtigung" zu opfern, während ein weiteres Fünftel sich kategorisch weigert. Darunter, vielleicht wenig überraschend, viele Männer (mehr als ein Viertel der Befragten).

Die Arbeitgeber in die Pflicht nehmen

Viele sehen die Arbeitgeber in der Verantwortung. Ein 33-jähriger Kommentator sieht in den Tarifverhandlungen den Schlüssel für die Gleichberechtigung: "Equal-Pay wird hergestellt über gute Tarife und weitgehende Tarifbindung und über eine dringend notwendige Aufwertung von 'Frauenberufen', die tendenziell immer noch unterbezahlt sind."

Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum immer die Angestellten oder die Arbeiter die Verantwortung übernehmen müssen. Nehmt endlich die Arbeitgeber in die Pflicht!

61-jähriger Meinungsmelder

Gleiche Bezahlung sollte selbstverständlich sein. Almosen von Männern braucht es da nicht.

67-jähriger Meinungsmelder

Wenn ich ein Mann wäre, würde ich auf einen Teil meines Gehalts verzichten, damit eine Frau, die die gleiche Tätigkeit ausführt, gleich bezahlt wird. Es müsste aber grundsätzlich geschlechtsneutral bezahlt werden, wobei der höhere Lohn der einzige Lohn wird.“

Meinungsmelderin

Gehaltslücke in Bremen leicht über dem Bundesdurchschnitt

In Bremen beträgt der sogenannte Gender Pay Gap, also der Gehaltsunterschied zwischen Mann und Frau, je nach Berechnungen 22 oder sechs Prozent. Sechs Prozent ist der bereinigte Wert: Hier werden nur gleiche Tätigkeiten bei gleichen Qualifikationen und Biografien verglichen. 22 Prozent ergibt sich hingegen durch ein auf EU-Ebene einheitliches Verfahren, bei dem solche Faktoren unberücksichtigt bleiben. Dafür werden aber strukturelle Ungleichheiten wie Teilzeit, Pflege- und Elternzeit, die häufiger auf Frauen zurückfallen, berücksichtigt.

Damit liegt Bremen leicht über dem Bundesdurchschnitt (21 Prozent). Die Gründe dafür liegen laut Uni-Professorin und Soziologin Karin Gottschall in der wirtschaftlichen Struktur Bremens: Hier sind mehrere große Industrien angesiedelt, in denen meist Männer arbeiten. Gleichzeitig sei die Infrastruktur für die Kinderbetreuung in manchen Stadtteilen unzureichend. Das müssten oft die Frauen selbst ausgleichen, indem sie zu Hause blieben.

Sorgearbeit in der Familie als wichtige Ursache des Gender Pay Gap

Im Gesundheits- und Sozialwesen beträgt die Lücke laut Arbeitnehmerkammer Bremen sogar 25,6 Prozent. Hier arbeiten meistens Frauen – aber nur selten in Führungspositionen. Die Daten zeigen auch, dass die Gehaltslücke mit dem Alter steigt und auch bei Führungskräften deutlich ausgeprägt ist. Einer der Gründe für den Gender-Pay-Gap ist laut Experten die Sorgearbeit in der Familie, die immer noch vorwiegend von Frauen ausgeübt wird.

Die Lösungen der Experten ähneln sich. Die Politikreferentin der Arbeitnehmerkammer, Marion Salot, sieht die Tarifverträge als ein wichtiges Instrument in der Bekämpfung der Gehaltslücke, sowie eine bessere Bezahlung von klassischen "Frauenberufen". Eine Aufwertung von Arbeiten, die vorwiegend von Frauen ausgeübt werden, wäre auch laut Gottschall notwendig. Berufe in Sozial- oder Dienstleistungswesen und in der Industrie würden schon auf Grundgehaltsniveau deutlich unterschiedlich vergütet. Und das nicht selten auch bei Tariflöhnen.

Berufe in Sozial- und Dienstleistungsbereichen werden oft deutlich schlechter bezahlt als in der Industrie. Nimmt man einen Metallbearbeiter und einen Krankenpfleger, wird der zweite häufig bereits beim Berufseintritt schlechter bezahlt. Obwohl er vielleicht sogar eine längere Ausbildung oder höhere Qualifikationen hat.

Karin Gottschall, Professorin an der Universität Bremen

Änderung in der Infrastruktur und in der Mentalität wichtig

Wesentlich wäre zudem eine Infrastruktur, die den Frauen erlaubt, mehr am Arbeitsleben teilzunehmen – vor allem bei der Kinder- und Altenbetreuung. "Außerdem sollten sich auch Männer daran beteiligen, sodass Frauen nicht 'bestraft' werden können, weil sie diejenigen sind, die sich um die Pflege der Familie kümmern", so Gottschall. Zudem sollte Teilzeitarbeit nicht per se schlechter vergütet werden, als wenn die Arbeit in Vollzeit ausgeübt würde.

Eigentlich sieht das Gesetz auch ein weiteres Instrument vor, um die Gehaltslücke zu schließen: das Entgelttransparenzgesetz. Damit dürfen Kolleginnen unter gewissen Bedingungen erfahren, was der männliche Kollege verdient – und umgekehrt. Doch nur wenige nutzen laut Umfragen diese Möglichkeit.

Frauensenatorin: "Wir wollen eine Senatsstrategie entwickeln"

Auch die Bremer Frauensenatorin, Claudia Bernhard, findet das Gesetz "weitgehend ineffektiv" und fordert Nachbesserung. "Es muss dringend nachgebessert werden, indem es mehr Verbindlichkeit erhält und vor allem auch kleinere Betriebe einbezogen werden", teilte sie auf Nachfrage mit. Auf Bundesebene wolle man sich zudem für ein Entgeltgleichheitsgesetz einsetzen, auf Landesebene eine Senatsstrategie für die Bekämpfung der Gehaltslücke entwickeln.

Wir benötigen eine bessere Unterstützung und Förderung von Frauen in der Wirtschaft. Wir brauchen mehr Tarifbindung und ein wirksames Entgeltgleichheitsgesetz, eine intensivere Förderung der Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Und wir brauchen mehr Vollzeitstellen für Frauen, ausreichend Kita-Plätze, Weiter- und Fortbildungsmöglichkeiten, die auch machbar und umsetzbar für die Frauen sind. Ohne diese Maßnahmen werden wir die Geschlechterordnung und die Machtstrukturen auf dem Arbeitsmarkt nicht überwinden können.

Claudia Bernhard
Claudia Bernhard, Senatorin für Frauen, Gesundheit und Verbraucherschutz

Dabei geben unsere Befragten an, dass sie gern über ihr Gehalt reden. Nur 27 Prozent finden die Verschwiegenheit über das eigene Einkommen gut.

Die Verschwiegenheit ist...

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Am häufigsten reden die Meinungsmelder darüber mit den eigenen Familienmitgliedern, gefolgt von Arbeitskollegen und Freunden. Weniger als zehn Prozent geben an, sich niemandem anvertrauen zu wollen. Nicht selten handelt es sich dabei um Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst. Für sie seien Gespräche über den Lohn überflüssig: Die Gehaltstabellen sind im Internet öffentlich zugänglich.

Mit wem reden Sie über Ihr Gehalt?

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Die Ergebnisse der Befragung im Überblick

Mehr zum Thema:

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. Oktober 2019, 19:30 Uhr