Bremer Studie: In Krankenhäusern geht Geld vor Patientenwohl

Das Patientenwohl steht nicht immer an erster Stelle bei Behandlungen im Krankenhaus. Unter den Folgen leiden Kranke und auch Ärzte. Die Autoren stellten ihre Studie jetzt in Bremen vor.

OP in einem Krankenhaus
In vielen Krankenhäusern werden Behandlungen angeordnet, die aus der Perspektive des Patientenwohls nicht nötig wären, besagt eine neue Studie. Dafür fehlt Zeit für Gespräche zwischen Arzt und Patient. Bild: DPA | Christian Charisius

Die Autoren der Studie "Medizin im Krankenhaus zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung" haben mehr als 60 Interviews mit Ärzten und Geschäftsführern deutscher Krankenhäuser geführt. Ausgangsfrage war, ob medizinische Entscheidungen durch andere Faktoren als das Patientenwohl beeinflusst werden und wenn ja, warum.

Ökonomisierung ist "häufiges" Phänomen

Ergebnis: Ja, in vielen Krankenhäusern werden Patienten so behandelt, wie es wirtschaftlich vorteilhaft ist. So gab es laut den Befragten in ihrem Alltag Patienten, die auch nach Kosten- oder Abrechnungskriterien im Krankenhaus verlegt wurden. Andere berichteten von Fällen, in denen Patienten ins Krankenhaus aufgenommen wurden, obwohl das nicht angezeigt war, um "lukrative" Behandlungsmethoden durchzuführen.

Ein Fazit der Studie: Entscheidungen über die Aufnahme von Patienten in Krankenhäusern, ihre Behandlungsart und ihr Entlassungszeitpunkt würden anders getroffen, wenn ausschließlich das Patientenwohl ausschlaggebend wäre. Dieses Phänomen sei "häufig" und nehme sogar zu, gleichwohl gebe es aber auch Ausnahmen, heißt es in der Studie.

"Verletzung medizinethischer Grundwerte"

Die Studienautoren, Professor Karl-Heinz Wehkamp vom Socium der Uni Bremen und Professor Heinz Naegler von der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, folgern: Es kommt in deutschen Krankenhäusern zu Verletzungen medizinethischer Grundwerte.

Sie empfehlen deshalb, einen neuen Kodex zu erarbeiten, dem sich alle Mitarbeiter eines Krankenhauses unterwerfen sollen. Er soll unter anderem vorsehen, dass Ärzte medizinisch nicht gebotene Handlungen unterlassen und die Selbstbestimmung des Patienten gewahrt wird. "Dann würden weniger Patienten aufgenommen, weniger unnötige medizinische Leistungen vollbracht und eine höhere Qualität sichergestellt", meinte Wehkamp, der selbst Arzt und Soziologe ist. Ganz klar sei dann aber auch: "Bestimmte Krankenhäuser werden dann vom Markt verschwinden."

Ärztekammer: Keine rechtswidrigen Handlungen in Bremen

Heidrun Gitter, Präsidentin der Bremer Ärztekammer, begrüßte die Studie. Sie habe den Mitarbeitern in Krankenhäusern eine Stimme gegeben. In Bremen komme es ihres Wissens nach nicht zu derart drastischen Situationen wie sie in der Studie genannt worden seien. "Dort wurde ja von rechtswidrigem Vorgehen in Krankenhäusern berichtet. Wir würden dem nachgehen, wenn jemand aus der Ärzteschaft auf uns zukäme."

Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt hält die Studie für einen wichtigen Denkanstoß. "Sie öffnet ein Fenster in den Klinikalltag aus Arztperspektive. Der wird in Bremen nicht grundlegend anders sein", sagt sie.

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 7. November, 23:20 Uhr