Fragen & Antworten

Warum es in Bremen eine Korallenkonferenz gibt

Weltgröße Korallenkonfernz in Bremen

Eine Fotomontage zeigt lebendige und abgestorbene Korallen unter der Wasseroberfläche.
Bild: The Ocean Agency
Bild: The Ocean Agency

Die Korallen in den Weltmeeren sterben; mit dramatischen Auswirkungen. Die Uni Bremen hat nun die weltgrößte Konferenz organisiert – mit Forschern, die Schlimmeres verhindern wollen.

Eigentlich sollte die Konferenz in Bremen schon im vergangenen Jahr stattfinden. Wegen der Pandemie wurde sie verschoben – aber nun gleich zwei Mal von der Universität Bremen aus organisiert. Im nächsten Jahr werden Tausende Wissenschaftler persönlich vor Ort sein, dieses Jahr treffen sie sich virtuell. Das habe sogar Vorteile, sagen der Organisator Professort Christian Wild, Leiter der Abteilung Marine Ökologie an der Universität Bremen und Pressesprecher Heinz Krimmer. Welche das sind und andere Fragen und Antworten rund um die Weltkorallenkonferenz.

Herr Krimmer, wie kommt so eine Konferenz nach Bremen? Warum richtet die Universität hier den Weltkorallenriff-Kongress aus?
Der Leiter der Abteilung Marine Ökologie an der Universität Bremen, Professor Dr. Christian Wild, forscht seit Jahrzehnten zu Riffen und ist ein weltweit bekannter und anerkannter Wissenschaftler. Bremen ist zudem ein bedeutender Standort für die Meeresforschung. Neben der Universität Bremen gibt es hier auch das Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung und das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut.

Wild hat sich bereits 2016 mit seinem Team um die Ausrichtung der 14. Internationalen Korallenriffkonferenz (ICRS) beworben und den Zuschlag bekommen. Diese Konferenzen finden seit 1967 statt, aber bisher nicht in Europa. Eigentlich sollte sie 2020 stattfinden, musste aber wegen der Corona-Pandemie verschoben werden.
Ein Mann mit Brille blickt in die Kamera.
Heinz Krimmer koordiniert die Öffentlichkeitsarbeit im Organisationsteam der Korallenriff-Konferenz. Bild: Gerd Pfeiffer
Bei Korallen denkt man an Urlaub und Schnorcheln, warum gehen sie uns alle an?
Die Bedeutung von Korallenriffen ist groß. Sie schützen die Küsten von über 100 Ländern und auch Inseln. "Würde die Kraft der Wellen bei den Malediveninseln nicht an den vorgelagerten Riffen um 90 Prozent abgefangen, würden die Inseln innerhalb weniger Tage im Meer verschwunden sein", sagt Heinz Krimmer, Koordinator für Öffentlichkeitsarbeit im Organisationsteam der Konferenz. Ohne diesen Küstenschutz würden auch Länder wie Australien viele Küstenabschnitte verlieren. "Das wäre eine Katastrophe."

Korallenriffe sind Konzentrationspunkte der Artenvielfalt. In ihnen leben und entstehen mehr als eine Million unterschiedlicher Tiere und Pflanzen. Die Riffe sind laut Krimmer ebenfalls wichtig als Nahrungsquelle für die Bevölkerung. Außerdem sind sie ein enormer Tourismusfaktor. Das Great Barrier Reef trägt jährlich 6,4 Milliarden Dollar zur australischen Wirtschaft bei, in Ägypten leben bis zu 30 Prozent der Bevölkerung vom Küstentourismus. Ein vierter Aspekt ist der medizinische: "An Land kennen wir fast alle pflanzlichen Medikamentenwirkstoffe, in Korallenriffen steckt aber noch viel Potenzial."

Im Hinblick auf die gegenwärtige globale Bedrohung und ungewisse Zukunft der Korallenriffe wird dieses Symposium vielleicht zum wichtigsten in seiner Geschichte werden. Denn wir befinden uns in einer weltweiten Korallenriff-Krise.

Prof. Christian Wild, Leiter Abteilung Marine Ökologie an der Universität Bremen
Ein Mann blickt in die Kamera.
Professor Dr. Christian Wild von der Universität Bremen ist Vorsitzender der 14. Weltkorallenriff-Konferenz. Bild: Harald Rehling
Was sind die Kernpunkte der Konferenz?
"Es ist schwierig, Höhepunkte aus dem Programm zu nennen", sagt Krimmer. Jede Forschung ist wichtig. Dem Sprecher zufolge geht es darum, dass Korallenriffe in einer schweren, existenzbedrohenden Krise sind. Nur noch 30 Prozent der weltweiten Riffe sind intakt und es besteht die Gefahr sie komplett zu verlieren. Nun sei es die Aufgabe von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft das zu verhindern. "Im Hinblick auf die gegenwärtige globale Bedrohung und ungewisse Zukunft der Korallenriffe wird dieses Symposium vielleicht zum wichtigsten in seiner Geschichte werden", sagt Professor Wild, der den Vorsitz der Konferenz inne hat. "Denn wir befinden uns in einer weltweiten Korallenriff-Krise." Ursachen für das Absterben seien vor allem der Klimawandel, die Überfischung und die Verschmutzung der Meere.

Während des Treffens will ein internationales Expertenteam ein "bedeutendes Strategiepapier" der Öffentlichkeit vorstellen. Auch Vertreter des Umweltministeriums, anderer politischer Institutionen oder aus dem Umweltschutz sind vertreten.
Wie funktioniert ein solcher Kongress während der Pandemie organisatorisch?
Es gibt zwei Konferenzen: in diesem Jahr virtuell mit etwa 1.200 Teilnehmern und im nächsten Jahr in den Bremer Messehallen. "Da erwarten wir dann bis zu 3.000 Besucher", sagt Krimmer. "Es wird die bisher größte Konferenz zum Thema Ozeane in Deutschland." Vorteil der virtuellen Konferenz: Jetzt können viele Wissenschaftler teilnehmen, die sich eine Anreise nicht hätten leisten können. Ebenso alle, die auf Grund der Pandemie nicht reisen dürfen. Auch die Australier hätten laut Krimmer wegen Corona wohl nicht kommen können. "Ohne Vertreter des Landes mit dem größten tropischen Korallenriff ist eine Korallenriff-Konferenz kaum vorstellbar." Nun schalten sich die Experten aus aller Welt online zu, hören aufgezeichnete Beiträge und tauschen sich anschließend per Live-Chat aus. Dadurch sei der CO2-Fußabdruck minimal. Das wenige CO2, das für den Betrieb von Servern und Computern produziert wird, werde kompensiert, so die Veranstalter.
Was kann jeder einzelne konkret zur Rettung der Riffe beitragen?
Zu den Hauptursachen für das Korallensterben gehören Klimawandel und steigende Emissionen. Hauptsächlich durch entwickelte Länder verursacht, betreffen die Folgen laut Krimmer vor allem Entwicklungsländer wie zum Beispiel die Philippinen – ein Inselstaat mit unzähligen Korallenriffen. "Wir alle sind Mitverursacher der Krise, ohne je vor Ort gewesen zu sein." Jeder kann laut Krimmer helfen, bewusster leben und CO2 einsparen. Was für uns selbst wichtig sei, um den Klimawandel aufzuhalten, helfe auch den Riffen.

Außerdem helfe ein Engagement im Riff- und Naturschutz. Man kann die Korallenriffe nur schützen, wenn die Bevölkerung vor Ort davon profitiert, sagt Krimmer. Sie leben oft von den Riffen, zum Beispiel als Fischer. Überfischung schade Riffen aber auch. Also muss ihnen finanziell geholfen werden. Auch könnten sie in die Verwaltung und Betreuung von Schutzgebiete eingebunden werden.

Die NASA hat ein Onlinespiel entwickelt: "Nemo-Net". Es soll helfen, 3D-Karten des Meeresbodens zu erstellen. Nutzer lernen dabei Korallen kennen und trainieren beim Spielen die künstliche Intelligenz eines Supercomputers. So sollen Veränderungen verstanden und künftig verhindert werden.

"Wer sich für Korallenriffe interessiert, sollte auch die laufende, große Ausstellung im Übersee-Museum Bremen besuchen", empfiehlt Krimmer. "Sie zeigt die aktuelle Situation und spricht alles wichtige an." Über das ganze Jahr bis zur nächsten Konferenz wird es ein Programm mit Ausstellungen und Vorträgen im Übersee-Museum und im Haus der Wissenschaft geben.

Ausstellung zu Korallenriffen im Bremer Übersee-Museum

Video vom 20. Mai 2021
Zwei kleine Fische vor bunten Korallen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Juli 2021 19:30 Uhr