Interview

Sorge um Bremens Kinder: Corona schürt Gewalt

Jetzt, wo Schulen und Kitas nach und nach öffnen, tritt zu Tage, wie viele Kinder in Bremen und Bremerhaven während des Lockdowns zuhause Opfer von Gewalt geworden sind.

Video vom 24. Mai 2020
Graues Schattenspiel: Zwei weibliche Personen mit langen Haaren.

Obwohl weder bei der Bundesregierung noch bei der Polizei Zahlen vorliegen, geht die Bundesregierung davon aus, dass die Zahl der häuslichen Übergriffe während der Coronakrise zunimmt. Zuständig für eine Datensammlung ist Familienministerin Franziska Giffey (SPD), die für eine rasche Wiederöffnung von Kitas und Schulen eintritt. Bereits Mitte April berichtet das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" von einer 17,5 Prozent höheren Nachfrage. Auf der Station für Kinder- und Jugendpsychatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des Klinikums Bremen-Ost sank hingegen die Nachfrage während des Lockdowns. Kathrin Moosdorf, Geschäftsführerin des Bremer Kinderschutzbundes und Marc Dupont, Chefarzt der Station erklären, warum sie davon ausgehen, dass sich die tatsächlichen Auswirkungen der Coronakrise erst nach und nach zeigen.

Gehen Sie von höheren Fallzahlen bedingt durch die Coronakrise aus?
Kathrin Moosdorf: In den letzten Wochen haben wir vor allem bei der Nummer gegen Kummer und beim Kinder- und Jugendnotdienst einen Anstieg der Gespräche wahrgenommen. Die Themen, mit denen sich Ratsuchende an uns wenden, sind meist die gleichen wie sonst auch. Unser Eindruck ist, dass insbesondere Kinder aus Familien, in denen schon vor Corona Schwierigkeiten waren, besonders gefährdet sind. Neben den psychischen kommen oft auch finanzielle und existenzielle Probleme hinzu, wodurch Konflikte schneller eskalieren. Wir gehen davon aus, dass "die Welle" der Anfragen mit einiger Verzögerung eintritt.
Marc Dupont: Das Problem ist, dass wir es derzeit real nicht wissen. Durch die Coronakrise und die damit verbundenen Kontakteinschränkungen können wir nicht mehr so in die Familien gucken: Schulen, Jugendhilfe, Krankenhäuser und Kinderärzte sind nicht mehr so dicht dran. [...] Es gibt Hinweise, dass bei Kinderärzten vermehrt Kinder mit Schütteltraumata und Verletzungen vorgestellt wurden, die ein Resultat häuslicher Gewalt sein könnten. Gleichzeitig sind die Anfragen in Psychiatrien mit Eintritt des Shutdowns zurückgegangen. Erst seitdem die Schule wieder offen ist, ist sowohl auf der hiesigen Akutstation, wo Kinder und Jugendliche mit schweren psychischen Problemen sind, als auch in der Institutsambulanz die Nachfrage normal bis leicht erhöht.
Was sind erste Anzeichen, dass Kinder oder Jugendliche Opfer häuslicher Gewalt wurden?
Marc Dupont: Das kann alles sein. Das kann Weinen, Toben, sehr extrovertiertes oder auch extrem introvertiertes Verhalten sein. Wenn Kinder durch auffälliges Verhalten – wie zum Beispiel Prügeln, Stören oder Unkonzentriertheit – auffallen, dann hält unsere Gesellschaft das nicht lange aus und das Kind bekommt recht schnell Unterstützung. Die Stillen, Leisen, nach denen müssen wir schauen.
Was für Faktoren begünstigen häusliche Gewalt?
Marc Dupont: Enge Räumlichkeiten, Unklarheiten über die berufliche Situation und die insgesamt große Unsicherheit begünstigen emotionale Ausbrüche. Zudem fehlt den Kindern das soziale Umfeld. Das sind Dinge, die zu einer gesamtgesellschaftlichen Verunsicherung führen. Je jünger der Mensch, desto mehr ist er verunsichert und umso schwieriger fällt es ihm, die aktuelle Lage einzuordnen. 
Kathrin Moosdorf: Die gegenwärtig sozial zugespitzte Situation verbunden mit einer Unsicherheit und teilweise Perspektivlosigkeit forcieren soziale Konflikte und innerfamiliale Konfliktdynamiken. Es ist zu erwarten, dass daher auch gewalttätiges Handeln in Familien stärker werden wird. Die neue familiale Nähe schafft somit auch ein Potential für sexuelle, körperliche und andere Formen der Gewalt innerhalb von Familien.
Fördert die Coronakrise also psychische Probleme?
Marc Dupont: Ja, allerdings kommen die Probleme in der Regel nicht aus dem Nirgendwo, sondern waren schon vorher unterschwellig da und brechen durch die Krise aus. Je jünger das Kind, desto leichter kommt es zu solchen emotionalen Krisen. Kinder bekommen Selbstbewusstsein zunächst durch ausreichend souveräne Erwachsene, die sicher sind und ihnen etwas zutrauen. Doch momentan sind selbst die Erwachsenen unsicher, was die Kinder sofort bemerken. Den Kindern fällt es schwer, Gesichter zu "lesen", da durch die Masken die Mimik viel schlechter erkennbar ist. Ein dreijähriges Kind wird sich vielleicht fragen, ob die Großeltern wohl sauer auf es sind, schließlich haben sie sich schon so lange nicht mehr gesehen. All diese Dinge reichen aus, um Kinder zu verunsichern. Wenn dann noch Mama und Papa häufig streiten, reicht das schon für eine Anpassungsstörung.
Kathrin Moosdorf: Die derzeitige Situation und die Folgen des Umgangs mit der Covid-19-Pandemie betreffen alle gesellschaftlichen Bereiche, vor allem aber auch das familiale Zusammenleben. Familien müssen ihren Tagesablauf neu strukturieren und ihr Zusammenleben umgestalten. Sie müssen sich in dieser Zeit häuslicher Beschränkung neu erfinden und Rituale der Gemeinsamkeit entwickeln. Den meisten Familien gelingt das gut, aber die Verunsicherungen in der aktuellen Krise, die enge Familiensituation und existentielle Sorgen können auch zu Konflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen führen. 

Gewalt während Corona: "Es sind Situationen, die eskalieren"

Video vom 24. Mai 2020
Der Kinderschutzmediziner Jan-Ole Gehrmann im Interview bei buten un binnen.
Kann man hoffen, dass mit Ende der Krise auch die Probleme langsam wieder verschwinden?
Marc Dupont: Ich glaube nicht, dass wenn die Coronakrise vorbei ist, alles wieder gut wird. Ich glaube aber auch nicht, dass Corona die psychosoziale Katastrophe ist. Es sollten neue Wege und Lösungen gesucht werden, dabei ist viel Phantasie, gute Vernetzung und Zusammenarbeit der drei Ressorts Bildung, Soziales und Gesundheit gefragt.

Autorin

  • Johanna Ewald

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Mai 2020, 19:30 Uhr