Kommentar

Liebe geimpfte, ältere Generation: Jetzt müsst Ihr solidarisch sein!

Ältere Geimpfte erhalten wohl schon bald viele Freiheiten zurück. Junge Menschen müssen warten. Unsere Kollegin Sophie Anggawi richtet einen Appell an die ältere Generation.

Ein Rentnerpaar sitzt in einem Cafe (Symbolbild)
Ältere Menschen mit vollständiger Impfung können wahrscheinlich schon bald wieder relativ normal leben. Bild: DPA | Britta Pedersen

Ich fange mal hiermit an: Ich bin 29 Jahre alt und folglich noch nicht geimpft. Aber ich gönne es älteren Menschen, dass sie bald vor dem Virus geschützt sind. Es ist richtig, dass sie womöglich Grundrechte zurückerhalten, von denen ich und so viele Jüngere träumen: Freunde treffen und einkaufen gehen können und – mit ein bisschen Glück – abends ins Kino oder Theater schlendern. Ich gönne ihnen diesen Luxus: Normalität.

Aber ich habe eine Bitte an die ältere Generation: Solltet Ihr bald wieder in Straßencafés Eure Weinschorlen trinken dürfen, dann vergesst nicht, dass wir jungen Menschen auch noch da sind. Denkt daran, wie es sich für uns anfühlt.

Für uns geht der Verzicht weiter

Wenn ich an das vergangene Jahr denke, dann denke ich daran, wie viel Mühe sich die jungen Menschen in meinem Umfeld gegeben haben, um Risikogruppen – also vor allem ältere Menschen – zu schützen. Wir sind zu Hause geblieben und haben zurückgesteckt.

Das ging auf Kosten unserer Ausbildung, denn meist waren Schulen und Universitäten kaum vorbereitet auf die digitalen Anforderungen, die die Pandemie mit sich brachten. Ein Missstand, den übrigens die ältere Generation zu verantworten hat. Ich denke an all die Studierenden in meinen Seminaren, die ihre ersten beiden Semester in ihrem Kinderzimmer verbracht haben. Ich denke an meine Patenkinder, die sich mit ihren Mitschülerinnen und Mitschüler online zum Spielen trafen. Ich denke an meinen Sohn, der in diesem Jahr ungefähr drei Mal bei der Kita eingewöhnt werden musste. An die jungen Menschen, denen es sowieso schon an Kontakt und Zuwendung und Chancen mangelt. Eine Jugend in der Warteschleife.

Wir warten auf unsere Impfungen

Bevor wir dran sind, stehen noch circa 20 bis 40 Millionen in der Warteschlange für eine Corona-Impfung. Ein langer Weg. Die erlösende Impfung liegt für uns noch weit entfernt.

Ja, wir beneiden Euch. Aber nicht um Eure Impfungen. Ich kenne niemanden, der oder die nicht die ältere Generation oder besonders gefährdete Menschen schützen will. Es geht nicht um den viel zitierten Impfneid. Wir beneiden euch um eure Jugend. Wir warten darauf, dass wir auch jung sein dürfen. Und viele warten darauf, dass ihr Leben überhaupt erstmal losgehen kann.

Wir haben an Euch gedacht. Also denkt bitte auch an uns. Auch nach der Pandemie, wenn Ihr unsere Zukunft plant und wenn Ihr euch darüber streitet, wie Klimapolitik auszusehen hat. Wir waren solidarisch, jetzt solltet Ihr es sein.

Rückblick: Bremer Forscher fordert mehr Chancen für "Generation Corona"

Video vom 5. Dezember 2020
Christian Palentien zu Gast im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autorin

  • Sophie Anggawi Volontärin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 30. April 2021, 7:36 Uhr