Interview

So schlüpft ein Profiler in die Köpfe der Verbrecher

Der Bremer Axel Petermann ist Deutschlands bekanntester Profiler. Im Gespräch über sein neues Buch verrät er, wie mit seiner Hilfe eine Mordserie gestoppt werden konnte.

Axel Petermann liest aus seinem neuen Thriller vor
Ihrem neuen Buch "Die Elemente des Todes" liegt ein wahrer Fall zugrunde. Eine Mordserie, die damals vor allem in Norddeutschland für ziemlich viel Aufsehen gesorgt hat. Was für ein Fall war das?
Es sind eigentlich drei Fälle. Es geht darum, dass zwei junge, sehr intelligente und sozial gut eingebundene Familienväter drei Menschen aus unterschiedlicher Motivation heraus töten. Es war sehr schwierig, diese Täter zu überführen, da sie uns lange an der Nase herumgeführt hatten. Erst mit dem letzten Mord, bei dem eine junge Frau getötet und anschließend in einem Ofen verbrannt werden sollte, gelang es uns, diese Serie zu stoppen.
Basiert Ihr Roman ausschließlich auf Fakten oder haben Sie auch ein bisschen künstlerische Freiheit einfließen lassen?
Es ist schon künstlerische Freiheit mit eingeflossen, aber was wirklich authentisch ist, sind die Charaktere. Die Täter sind natürlich anonymisiert, so dass man keine Rückschlüsse auf die wahren Personen ziehen kann. Das Grauen, was diese Taten bereitet haben, bei dem ich auch Unbehagen empfand, das ist tatsächlich geblieben. Und ich denke, es ist nun eine ganz spannende Abhandlung über menschliche Gedanken, Gefühle, über Empathielosigkeit, über die Gabe, andere manipulieren zu können und auch über einen Schuss Überheblichkeit der Täter. Letztendlich wäre ohne diese die Tat nie geklärt worden.
Sie haben damals an der Aufklärung des Falles maßgeblich mitgearbeitet. Was genau war Ihre Rolle?
Meine Rolle bestand darin, dass ich mit den Tätern sprach und die Beweise analysierte. Sie müssen sich das so vorstellen: Zwei Männer, die drei Morde begangen haben, und beide wollten dem jeweils anderen die Schuld in die Schuhe schieben. Die Schwierigkeit bestand darin, herauszufinden, wer von den beiden letztendlich der Drahtzieher war.
Sie sind Deutschlands bekanntester Profiler, schlüpfen in die Köpfe der Täter und verstehen, wie sie ticken. Wann haben Sie gemerkt, dass das Ihre Berufung ist und dass Sie so etwas können?
Ich wollte eigentlich nur 18 Monate bei der Polizei bleiben, und dann passierte hier in Bremen ein Mord. Das war 1971. Eine junge Frau wollte mit dem Zug nach Hause fahren und wurde dann am Bahndamm ermordet. Da merkte ich, dass mich dieses Thema sehr fesselte und ich eine Affinität für die Lösung der Rätsel, die hinter Taten steckten, entwickelte.
Was macht das mit Ihnen, wenn Sie sich von Berufswegen in die Köpfe von gewalttätigen Kriminellen begeben? Was fühlt denn der Profi, wenn er versucht, so zu denken wie ein Mörder?
Ich orientiere mich an den Spuren. Mein Ansatz ist, dass Täter Bedürfnisse haben. So wie wir in unserem Leben auch, nur, dass sie nicht kriminell sind. Und das, was ihm wichtig ist, wird er versuchen, bei der Tat zu realisieren, was wiederum Spuren hinterlässt. Am Tatort und am Opfer selbst in Form von Verletzungen oder eben der Art des Tötens. Oder nachdem das Opfer gestorben ist, an dem, was er dann mit dem Leichnam macht. Und ich denke, dass man diese Spuren lesen und interpretieren kann, um so über eine Rekonstruktion auf das Motiv des Täters zu kommen.
Hat der Beruf Sie verändert? Entdecken Sie manchmal in ganz normalen Menschen ein Serienmörder-Potenzial oder sind Sie auch mal privat?
Privat zu sein, ist tatsächlich schwierig. Das bedeutet aber nicht, dass ich mir überlege, was Sie vielleicht für böse Gedanken im Kopf haben könnten. Ich bin eigentlich ziemlich naiv. Erstmal unterstelle ich keinem Menschen etwas Böses. Meine Frau hingegen würde sagen, ich hätte mich verändert, dass ich nachdenklicher geworden sei. Mich beschäftigen diese Fälle und das Schreiben der Bücher wirklich ungemein, und in der Regel gehe ich damit auch ins Bett und wache auch mit diesen Gedanken wieder auf. Abschalten ist bei mir schlecht.
  • Sabine Szimanski

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 1. Oktober 2018, 9:40 Uhr