Interview

Bremer Wissenschaftler kritisiert Umgang mit Corona-Pandemie

In einem Thesenpapier bemängeln mehrere Wissenschaftler um den Bremer Gerd Glaeske, dass neben Virologen kaum andere Wissenschaftler in die Krisenplanung einbezogen wurden.

Video vom 7. April 2020
Zu sehen ist die Bremer Innenstadt komplett leer augrund des Corona Virus.

Mehrere Experten aus dem Gesundheitswesen haben Zweifel an der Aussagekraft der von den Behörden kommunizierten Zahlen geäußert – darunter auch der Bremer Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske.

Die epidemiologischen Daten, die es zu den gemeldeten Infektionen und der Sterberate gibt, reichten laut der Wissenschaftler nicht aus, um die Ausbreitung des Virus und die Art und Weise, wie es sich ausbreitet, festzustellen. Denn die Dunkelziffer sei dafür zu hoch. Die täglich gemeldeten Zahlen gäben nicht den tatsächlichen Stand, sondern den von zehn bis zwölf Tagen zuvor wieder. Auch an den bestehenden Kontaktbeschränkungen gibt es Kritik: Die Verfasser des Papiers sprechen sich eher dafür aus, Risikogruppen gezielt zu isolieren. Schließlich warnen die Wissenschaftler in dem Papier vor schweren sozialen Auswirkungen. Sie fürchten, dass die Ungleichheit im Land zunimmt. Die jetzt geltenden Maßnahmen müssten deswegen regelmäßig überprüft werden: Grundrechte dürften nicht zu lange beschnitten werden.

Einer der Verfasser ist der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske von der Uni Bremen. Wir haben mit ihm über die Kritik an dem Umgang mit der Corona-Pandemie gesprochen.

Sie und Ihre Kollegen behaupten – ich gebe das jetzt mal in meinen Worten wieder – dass diese Zahlen nicht viel taugen. Aber wie kommen wir denn an bessere Zahlen? Es sind doch im Moment die einzigen, die wir haben.
Das ist wohl richtig, dass wir möglicherweise auch einiges versäumt haben, wenn es um die Testungen geht. Und auch um die Interpretation der Zahlen, nämlich deutlich zu machen, was können diese Zahlen letzten Endes leisten? Darum haben wir ein relativ großes Kapitel zur Epidemiologie, also zur Fragestellung auch der Zahlen und der Daten in unserem Papier dargestellt, und haben vor allen Dingen eins herausgestellt: Dass wir im Prinzip wissen müssen, wer an Corona stirbt und wer mit Corona stirbt. Das heißt, wir haben natürlich auch Menschen, die unter vielen Krankheiten leiden, wo dann die Coronavirus-Infektion noch zusätzliche Belastungen bringt und das sind Menschen, die dann vor allen Dingen auch an Lungenerkrankungen oder Bluthochdruck oder Diabetes leiden. Und insofern müssen wir hier differenzieren. Sind es wirklich Coronavirustote oder sind es Menschen, die tatsächlich sehr krank waren und dann zusätzlich noch den Virus-Infekt bekommen haben? Das ist deshalb wichtig, weil wir davon auch unsere Entscheidungen abhängig machen müssen, wie eine Zukunft aussehen kann.
Nur ist ja die Frage, wäre das überhaupt umsetzbar? Also wäre es technisch und personell möglich jeden einzelnen Verstorbenen genauer zu untersuchen?
Es gibt Bundesländer, die machen diese Obduktionen und es gibt sicherlich Hinweise darauf, dass man intensiver testen muss. Denn Sie müssen sich vorstellen: Je mehr Menschen getestet werden, desto mehr Infizierte wird man finden. Die Anzahl der Toten ist relativ klar und relativ eindeutig. Das heißt aber, je mehr ich teste und Infizierte habe, desto problematischer wird es, allein von den Todesfällen auszugehen, die im Moment dargestellt werden, denn die Todesanzahl muss dann auf die große Anzahl von Getesteten und Infizierten umgelegt werden. Das heißt, es muss eine Relation feststehen zwischen denen, die tatsächlich die Corona-Infektion haben und die dann sterben. Und das sieht sicherlich dann anders aus, als die Zahlen, die jetzt kolportiert werden, insofern ist das eine wichtige Botschaft, auch für die Fragestellung der Folgen und für eine Fragestellung der Entscheidungen.

Ihre zweite These ist eine steile: Sie sagen nämlich im Prinzip, dass die Maßnahmen, die gerade getroffen werden, nicht greifen. Was sollen denn Bund und Länder stattdessen tun?
Das ist vielleicht sehr verkürzt, was sie darstellen. Wir haben schon gesagt, dass möglicherweise am Anfang der Situation auch keine anderen Maßnahmen möglich erschienen, oder dass man sich darauf verlassen hat, was eben auch die Virologen deutlich gemacht haben. Insofern sind die Bund- und Länder-Politikerinnen und Politiker den Experten gefolgt. Wir haben das Expertokratie genannt, wir haben vor allen Dingen die Virologen im Mittelpunkt gesehen und haben keine anderen Berufsgruppen oder Wissenschaftlergruppen befragt. Die Epidemiologen hätten befragt werden können, Public Health, also mein Fach, was ich an der Uni Bremen vertrete, und auch Gesundheitsökonomen bis hin zu den Pflegewissenschaften – und da hätte man sicherlich schon auch andere Maßnahmen finden können. Es ist kein Zufall, dass in Schweden andere Maßnahmen getroffen werden. Ich will das jetzt nicht gegeneinander ausspielen, aber Tatsache ist, dass bei unterschiedlicher Betrachtung von solchen Gegebenheiten auch sicher Alternativen gefunden werden können.
Nun sagen Sie auch, dass natürlich Bürgerrechte gewahrt werden müssen, das ist im Prinzip Ihre dritte These. Aber wird das nicht getan? Wir befinden uns doch in einem täglichen Abgleich der einzelnen Interessen und der Verhältnismäßigkeiten.
Wir müssen natürlich schauen, dass in der Zwischenzeit, in den letzten drei, vier Wochen, einige Stimmen sich zu Wort gemeldet haben, die dort mit Recht bestimmte Probleme sehen. Das ist interessant, dass sozusagen zunächst einmal eine gewisse Schockstarre da war, was die Kommentatoren betraf aus dem Bereich der Wissenschaft. In der Zwischenzeit ist es offener geworden, das heißt, wir haben Juristen, wir haben Bürgerrechtler, die deutlich machen, dass man sehr genau abschätzen muss, ob eigentlich diese Maßnahmen adäquat sind und adäquat mit den Zahlen verbunden sind. Insofern zeigt sich auch der Hintergrund der Zahlen erneut. Wenn ich unsichere Zahlen habe, dann ist natürlich die Fragestellung der Entscheidungen auch aus Rechtsgesichtspunkten relativ unsicher, insofern schließt sich der Kreis. Ich brauche vernünftige Daten, ich brauche vernünftige Bewertungen, ich brauche vernünftige Entscheidungen auf mehreren wissenschaftlichen Ebenen und dann kann ich sicherlich auch über die Einschränkung der Maßnahmen vor Ort oder auch über soziale Einschränkungen besser entscheiden, als das heute der Fall ist.

Autor

  • Felix Krömer

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. April 2020, 19:30 Uhr