Interview

Brot, Bier und Benzin: Warum auch in Bremen die Preise steigen

Video vom 4. Juli 2021
Eine Frau mit Handschuhen und Mundschutz schiebt einen Einkaufswagen durch einen Supermarkt und greift in ein Regal.
Bild: Imago | Eibner Europa
Bild: Imago | Eibner Europa

Annabel Oelmann von der Bremer Verbraucherzentrale weiß, warum Menschen derzeit mehr für ihren Einkauf bezahlen. Wer muss hier besonders aufpassen und wozu rät sie?

Ist nach den beiden Corona-Lockdowns alles teurer geworden? Diesen Eindruck haben jedenfalls viele Bremerinnen und Bremer. Annabel Oelmann von der Bremer Verbraucherzentrale bestätigt, dass dies nicht nur ein Gefühl, sondern Fakt ist. Der Grund: Die Inflation betrug im Mai 2021 im Vergleich zu Mai 2020 bundesweit 2,5 Prozent, in Bremen sogar 3 Prozent. Doch was bedeutet das?

Frau Oelmann, warum ist die Inflationsrate im Moment sehr hoch?
Im Moment spielt vieles rein. Wir haben Sondereffekte durch Corona, beispielsweise werden Materialien knapp. Dann beginnt immer das Gleiche: Im Laden werden die Sachen teurer und knapp. Das kann nur ein regionaler oder saisonaler Effekt sein, oder beispielweise eine Krise im Ausland. Aber im Moment ist es so, dass durch Corona viele Lieferketten Störungen haben. Das merken wir.
Was bedeutet ganz grundsätzlich "Inflation"?
Inflation bedeutet die Entwertung des Geldes. Für das gleiche Geld bekomme ich weniger als vorher. Das heißt, 100 Euro sind zwar immer noch 100 Euro. Aber für die 100 Euro kriege ich nicht mehr das Gleiche, wie noch vor einem Jahr.
Ist das gut oder schlecht?
Das lässt sich pauschal schwer beantworten. Eine gewisse Inflation ist gut für die Wirtschaft. Aber es ist ein Problem, wenn die Löhne nicht mitgehen oder ich beispielsweise Arbeitslosengeld kriege und es vorher schon sehr knapp mit dem Geld war. Dann kann so eine Inflation für mich persönlich natürlich auch sehr schnell von großem Nachteil sein.
Dr. Annabel Oelmann
Annabel Oelmann ist seit April 2016 die Leiterin der Verbraucherzentrale Bremen. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden
Wie kommt es dazu?
Auf verschiedenen Wegen. Es kann durch die Angebot-und-Nachfrage-Spirale, beziehungsweise meistens Angebot-und-Lohn-Spirale, laufen. Angebote werden teurer, die Löhne werden angepasst. Dadurch, dass die Löhne angepasst werden, werden die Angebote wieder teurer weil natürlich der Anbieter die Preissteigerung im Lohn wieder weiter gibt. Es kann aber sehr wohl auch politisch oder über die Notenbanken gesteuert sein.
Woran merken die Verbraucherinnen und Verbraucher als Erstes, dass es eine Inflation gibt?
Meistens merken wir es nicht. Wir hören es und lesen es in der Zeitung. Dann kommt die Erinnerung und das kennen wir wohl alle: Vor fünf Jahren haben ich für das Gericht noch einen ganz anderen Preis gezahlt. Ich habe doch mal für einen Euro getankt, wann war denn das noch? Es ist aber tatsächlich eher der längere Zeitraum, über den wir es nachvollziehen können. Ich habe früher meine Eltern immer ausgelacht, wenn sie gesagt haben, dass sie damals noch für 20 Mark Essen gegangen sind. Heutzutage geht es mir ganz genauso.
Kurzzeitige Preiserhöhungen bemerken wir also gar nicht so sehr?
Genau. Die zwei Prozent im Jahr nehmen wir kaum wahr. Aber das Ganze dann auf fünf oder zehn Jahre gerechnet, ist dann doch ein deutlicher Unterschied.
Im Moment liegt die Inflation in Deutschland bei 2,5 Prozent, in Bremen sogar bei 3 Prozent. Das muss man doch merken, oder?
Nein, in aller Regel merken wir das gar nicht. Regionale Ausschläge, dass man zum Beispiel nicht regionales Gemüse, sondern eingeflogenes Gemüse oder Obst bestellt, sind da deutlicher im Ausschlag, als die Inflationsrate. Wenn wir ehrlich sind, sind ein bis fünf Prozent eine leichte Inflation, das ist völlig normal. Wir hatten nur in der jüngeren Vergangenheit eine sehr geringe Inflationsrate – deswegen reden wir heute überhaupt über diese drei Prozent.

In diesen Bereichen sind die Preise im Mai 2021 besonders stark gestiegen

inflation-preisentwicklung-bremen- + 2,5 % + 3,7 % + 2,8 % + 22,6 % + 5,2 % + 3,1 % Quelle: Statistisches Landesamt Lebensmittel Dienstleistungen Freizeitgestaltung Kraftstoff Tabak und Alkohol Gaststätten- und Hotelbesuche
Was bedeutet die Inflation konkret für Menschen?
Für uns bedeutet das natürlich erstmal: Wir haben das gleiche Geld im Portemonnaie und müssen mehr bezahlen. Wenn sich mein Lohn entsprechend anpasst, ist das kein Problem, dann habe ich nur unter dem Strich nicht mehr Geld. Ich merke es aber auch nicht. Schwierig wird es gerade bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern, bei denen die Kohle vorher schon knapp war. Menschen, die beispielsweise in Kurzarbeit sind, Solo-Selbstständige, denen immer noch die Einnahmen fehlen. Da ist es fatal, wenn so etwas dazu führt, dass sie eigentlich in Richtung Überschuldung wandern.
Wie kann man sich auf eine solche Inflation gut einstellen?
Man hat selber wenig Spielraum. Es ist aber natürlich immer ein Weg, bewusst auf seinen eigenen Warenkorb zu gucken. Wenn man dann merkt, dass zum Beispiel die Paprika in diesem Monat extrem teuer ist und mein Salat auch ohne Paprika schmeckt, nehme ich von etwas Anderem mehr. Ich habe also durchaus Möglichkeiten, gewisse Effekte zu umgehen. Aber am Endes des Tages haben die wenigsten von uns alle Preise im Kopf.
Was raten Sie?
Das wichtigste ist der bewusste Umgang mit dem eigenen Budget. Hier würde ich auch immer zum Haushaltsbuch raten und akribisch Zettelchen und Bons sammeln, Einnahmen und Ausgaben gegenüber stellen und gucken, wie es sich auf mein Budget auswirkt.

Rudolf Hickel zur Inflation: "Es ist eine Sondersituation"

Video vom 4. Juli 2021
Der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorinnen

  • Anna Pajak Redakteurin und Autorin
  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Juli 2021, 19:30 Uhr