Sensationsfund im Bremer Staatsarchiv erzählt bestürzende Geschichte

Ein Siegel-Stempel, der bei Ausgrabung bei Bruchhausen-Vilsen entdeckt wurde, stammt aus dem mittelalterlichen Bremen. Er spricht Bände über das Leben und Leid der Juden.

Video vom 2. Januar 2021
Ein antisemitischer Stempel. Er zeigt eine sogenannte "Judensau".
Bild: Radio Bremen

Es gibt für das Stück, das bei der Ausgrabung in Heiligenfeld gefunden wurde, keine Vorbilder, sagt Konrad Elmshäuser. Er ist der Leiter des Bremer Staatsarchives. Der Stempel ist im 14. Jahrhundert in Bremen angefertigt worden. Handwerklich auf hohem Niveau, moralisch allerdings schockierend. Denn sein Stempelbild zeigt eine sogenannte "Judensau": ein Schwein kotet auf die Nase eines durch einen spitzen Hut kenntlich gemachten Juden.

Darstellung von Juden mit spitzen Hüten im Bremer Dom.
Männer mit spitzen Hüten: Solche Darstellungen sieht man insbesondere in Kirchen. Bild: Radio Bremen

Ähnlich Darstellungen von Juden waren vor allem in Süddeutschland verbreitet, üblicherweise finden sich solche erniedrigenden Darstellungen als zweifelhafte Dekoration in Kirchen. So auch im Bremer Dom, in dem Juden mit spitzen Hüten abgebildet sind. "Es sind in der Regel Abbildungen, die innerhalb der Kathedralen waren oder manchmal auch außen sind." Aber als Siegel, den ein jüdischer Mitbürger nutzte?

Das ist wirklich weltweit das erste Mal, dass dieses beleidigende Motiv ein Jude tragen musste.

Weißhaariger Mann mit Bart und Brille.
Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchives

Der Bremer Rat hat offenbar den Bremer Pfandleiher Jacob einst gezwungen, das Siegel als Geschäftssiegel zu verwenden.

Juden durften hauptsächlich als Pfandleiher tätig sein

Beiger Abdruck eines mittelalterlichen Siegel-Stempels mit Inschrift.
So einzigartig das Fundstück, so erschütternd ist seine Geschichte. Bild: Radio Bremen

In den Städten des Mittelalters durften Juden nur wenige Berufe ausüben. Üblicherweise waren sie Pfandleiher. Als in der Mitte des 14. Jahrhunderts die Pest in Europa wütete, gab es in vielen Städten Pogrome. Ganze jüdische Gemeinden wurden ausgelöscht. Perfide: Man schob den jüdischen Gemeinden einerseits die Schuld an der Pest in die Schuhe – und man entledigte sich noch seiner lästiger Kreditgeber.

In diesem Zusammenhang steht auch der Bremer Siegelstempel, der zu dieser Zeit entstanden ist. Ob es auch in Bremen zu Pogromen kam, ist unbekannt. Doch wie vielerorts so reißt auch in Bremen die Geschichte der Juden mit der Pest ab. Nach Jacob, dem Pfandgeber, ist für Jahrhunderte keine jüdische Präsenz mehr in der Stadt nachgewiesen.

Ein kleines Stück Messing zeugt von dunkler Geschichte

Der Stempel zeigt nicht nur ein Schwein. Die Inschrift vermittelt auch die hasserfüllte Botschaft, dass er der Besitzer eines ist: PIG steht da. Englisch für Schwein. Und kommt vom lateinischen Pignerator, dem Pfandleiher,

Dass man nur dieses Wort so radikal abgekürzt hat, kann nur bedeuten, dass man auf diese drei Buchstaben kommen wollte, nämlich das englische Wort für Schwein.

Weißhaariger Mann mit Bart und Brille.
Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchives

So erzählt dieses kleine Stück aus Messing vom Schicksal der Juden im mittelalterlichen Bremen. Ob es auch mal Teil einer Ausstellung wird, ist im Moment noch nicht geplant.

Autorin

  • Susanne Brahms Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Dezember 2020, 19:30 Uhr