Interview

Hebammenmangel: "Man hätte dreimal so viel ausbilden müssen"

Heute startet in Bremen Europas größter Hebammenkongress. Die Vorsitzende des Bremer Landesverbandes spricht über Fachkräftemangel und die Probleme im Land.

Baby in Frauenhänden
Hebammen sind derzeit heiß begehrt. Bild: DPA | Holger Hollermann

Der deutsche Hebammenkongress ist der größte in Europa. Dieses Jahr findet er in Bremen statt. Doch in der Hansestadt mangelt es an Hebammen. Das Problem ist bereits seit Jahren bekannt, auch viele andere deutsche Städte und Bundesländer sind davon betroffen. Jetzt versucht die Politik auf unterschiedlichen Wegen, die Lage in den Griff zu bekommen. Die Vorsitzende des Bremer Hebammenlandesverbandes, Heike Schiffling, gibt im Interview mit buten un binnen einen Einblick in alte Probleme und neue Lösungen.  

Frau Schiffling, in letzter Zeit hat sich eine große, öffentliche Debatte über Hebammenmangel in Bremen entwickelt. Wo liegen aktuell die größten Probleme?
Die größte Herausforderung sind momentan die unbesetzten Stellen in den Krankenhäusern. Es ist relativ schwer, Hebammen zu finden. Einerseits ist der Fachkräftemangel da, andererseits ist es schwer, die Kolleginnen in die Kliniken zu locken. Es gibt irgendwie eine Flucht aus dem Krankenhaus, weil die Arbeitsbelastung sehr hoch ist. Auch eben deshalb, weil nicht alle Stellen besetzt werden können.
Was sind die Ursachen dieses Fachkräftemangels?
Ich glaube, dass in den letzten Jahren nicht ausreichend ausgebildet worden ist und man jetzt die Auswirkungen einfach spürt. Man hat nicht hingeguckt. Beim Gesundheitsberufe-Monitoring 2016/2017 hat man zum ersten Mal, glaube ich, überhaupt angefangen zu zählen: Wie viele Hebammen gibt es überhaupt, wie sieht die Altersstruktur aus? Da hat man festgestellt: 'Oh, wir hätten dreimal so viel ausbilden müssen, um den Bedarf decken zu können'.
Wie viele Stellen fehlen in Bremen?
Es gibt wohl 19 offene Vollzeitstellen in den Krankenhäusern im ganzen Land. Das ist viel. Und man muss bedenken, dass 43 Prozent der Kolleginnen 50 Jahre alt oder älter sind. Sie werden also in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Ich gehe davon aus, dass wir 50 Hebammen mehr im Land gut gebrauchen könnten. Das ist aber meine persönliche Schätzung.
Wie würden Sie die Lage Bremens im bundesweiten Vergleich bewerten?
Ich glaube, dass wir im Durchschnitt sind. Das ist wirklich ein bundesweites Problem und hat auch mit den Arbeitsbedingungen im Kreißsaal zu tun. Die deutschen Hebammen begleiten im Durchschnitt dreimal so viele Geburten wie ihre europäischen Kolleginnen. Und die Entlohnung ist ohnehin nicht attraktiv. In Bremen sind wir aber bei der ambulanten Versorgung eher ein bisschen auf der positiven Seite. Gut ist, dass die Politik den Mangel erkannt hat und Gegenmaßnahmen einleitet.
Wie geht man das Problem jetzt in Bremen an?
Wenn der erste Hebammenstudiengang im Herbst 2020 kommt, wird es tatsächlich dreimal so viele Ausbildungsplätze geben wie jetzt. Im Moment befindet sich das entsprechende Gesetz noch im Entwurfsstadium, aber wir sind damit sehr zufrieden. Seit 20 Jahren fordern wir, dass das Gesetz überarbeitet und auf den aktuellen Stand gebracht wird. Und endlich passiert es. Wir sind auch darüber froh, dass das Studium einen hohen Praxisanteil hat und die Studenten über die ganze Studienzeit eine Vergütung bekommen. Und an der Hebammenschule in Bremerhaven lässt man dieses Jahr noch einen zusätzlichen Kurs laufen. Zudem gibt es ein Pilotenprojekt für ein Hebammenzentrum.

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Eine Hebamme betreut eine Patienten
Seit einigen Monaten gibt es eine digitale Plattform in Bremen, auf der Mütter nach einer passenden Hebamme suchen können. Wie war bisher Ihre Erfahrung?
Wir sind eigentlich sehr zufrieden damit. Wir können natürlich mit der Plattform nicht mehr Hebammen herzaubern. Aber für die Frauen war es bisher oft sehr frustrierend, dass sie 20 Hebammen anrufen mussten und 20 Absagen gekriegt haben. Bei manchen ist dann die Motivation, die einundzwanzigste anzurufen, auf der Strecke geblieben. Und auch für die Kolleginnen bedeutet die Plattform weniger Arbeit, weil sie abends nicht mehr so viele Anrufe abhören und Absagen erteilen müssen. Ab Mitte August wird es auch eine telefonische Vermittlung geben.
Gibt es sonst weitere Faktoren, die die Lage in Bremen verschärfen?
Seit 2011 gibt es einen deutlichen Anstieg bei den Geburten, gleichzeitig schließen im Umland immer mehr Kliniken. 30 Prozent der Frauen, die wir betreuen, kommen aus Niedersachsen. Und ein großes Problem im Kreißsaal ist die Überlastung mit der Ambulanz. Wir betreuen nicht nur die Geburten, sondern auch alle Frauen mit Problemen im Zuge der Schwangerschaft, die reinkommen. Das ist natürlich viel. In der Regel betreue ich zwei, drei Frauen bei der Geburt und muss trotzdem ans Telefon oder an die Tür gehen. Das bringt für alle Unruhe in den Prozess. Eine Lösung könnte sein, die Ambulanz auszulagern.
Und dann gibt es die Administration: Etwa 30 Prozent unserer Arbeit ist PC- und Dokumentationsarbeit. Da könnte man überlegen, ob man andere Fachkräfte dafür findet.

Nächste Entbindungsstation im Bremer Umland schließt

Die Eingangstür der Helios Klinik Wesermarsch mit vielen Demonstranten, die davor stehen.
Und wie sieht die Lage für Mütter nach der Geburt aus, wenn sie Störungen wie die postnatale Depression entwickeln?
Das ist ein Thema, das mich sehr bewegt. Die Frauen hier haben keine richtige Anlaufstelle. Dabei passiert das gar nicht so selten, die Zahlen schwanken zwischen vier und 20 Prozent. Diese Frauen, die eine psychische Krise rund um die Geburt erleben, sind in Bremen ziemlich alleine. Sie finden kaum jemanden in der ambulanten Betreuung, denn es dauert oft lange, Therapeuten zu finden. Es gibt Selbsthilfegruppen, die auch sehr gut sind, sowie Mutter-Kind-Heime. Diese Letzteren sprechen aber eher junge oder allein lebende Mütter an.
Und wenn die Mütter eine stationäre Betreuung brauchen, ist es oft so, dass keiner sie mit Kind nimmt. In der Regel sind die Frauen aber nicht bereit, ohne Kind zu gehen. Bisher haben wir die Frauen oft nach Oldenburg verlegt. Oldenburg nimmt aber keine Bremerinnen mehr, da sie schon mit Frauen aus Niedersachsen genug zu tun haben. Wenn es eine Tagesklinik in Bremen gäbe, würde es wahrscheinlich schon reichen.

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  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Mai 2019, 19:30 Uhr