Interview

Hebamme im Flüchtlingsheim: "Ich war Mutter, Freundin, Therapeutin"

In der Bremer Erstaufnahmestelle Lindenstraße wohnen mehrere Schwangere und junge Mütter. Sie haben mit besonderen Problemen zu kämpfen, erzählt eine Hebamme.

Frauke Schukat hält im Schutzanzug ein Baby im Arm.
Hebammen in der Erstaufnahmestelle in der Lindenstraße müssen in der Corona-Krise besondere Vorkehrungen treffen. Bild: privat

In der Erstaufnahmestelle Lindenstraße in Bremen-Vegesack sind 16 von 80 Frauen schwanger. Einige mussten über Wochen in Quarantäne bleiben. Mehrere Frauen haben zudem Babys und Neugeborene, die sie versorgen müssen. In der Corona-Zeit keine einfache Aufgabe. Dabei werden sie von Hebammen vor Ort unterstützt. Eine von ihnen ist Frauke Schukat. Die 40-jährige Bremerin hat buten un binnen von den Schwierigkeiten der geflüchteten Frauen in der Corona-Krise erzählt.

Frau Schukat, die Corona-Krise stellt Schwangere und junge Mütter vor besondere Herausforderungen. Sie haben erwähnt, dass die Frauen in der Lindenstraße mit besonderen Problemen zu kämpfen haben. Welche sind das?
Das größte Problem war eine mangelnde Information über die Erkrankung mit dem Coronavirus. Viele Frauen hatten in der Tat Angst zu sterben, sobald sie positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Auch hatten sie Angst um ihre ungeborenen beziehungsweise ihre neugeborenen Kinder, was ja nur allzu gut verständlich ist. Diese Unwissenheit hat viele Frauen stark verunsichert. Ein großes Problem war auch, dass die Frauen sich wenig schützen konnten. Wie soll das möglich sein, wenn man mit mehreren fremden Menschen Waschräume, Toiletten, Speisesaal und Zimmer teilt? Auch der Mundschutz ist viel zu spät an die Bewohnerinnen verteilt worden. Dieses Gefühl, sich selbst nicht schützen zu können, war für viele Frauen sehr schwierig auszuhalten. Zudem haben viele in ihrer Fluchtgeschichte schlimme Erfahrungen mit dem Eingesperrtsein gemacht. Die Zeit in der Quarantäne war für manche ein Auslöser für viele dieser Erinnerungen.
Von anderen Hebammen haben wir gehört, dass die Frauen aus der Lindenstraße Schwierigkeiten hatten, in die Kliniken aufgenommen zu werden. Stimmt das?
Es war und ist leider immer noch schwierig, Frauen zur Geburtsplanung oder zu speziellen Vorsorgeuntersuchungen in den Kliniken in Bremen unterzubringen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen spiegelt es die Situation in den Krankenhäusern und den Kreißsälen wider: zu hohe Auslastung und zu wenig Personal. Um diesen hohen Auslastungen gerecht zu werden, haben die Kliniken ein Anmeldeverfahren eingerichtet. Nur ist es leider oft so, dass schwangere Frauen aus der Lindenstraße keine Möglichkeit mehr haben, an diesem Anmeldeverfahren zeitgerecht teilzunehmen. Oft kommen sie schon hochschwanger zu uns. Oder es braucht seine Zeit, bis sie einen überweisenden Facharzt haben. Die Frauen werden dann oft abgelehnt mit der Begründung, dass sie sich zu spät melden. Und durch die Corona-Infektionswelle hat sich diese Situation noch mal deutlich zugespitzt, da die Frauen unter Quarantäne noch schwieriger an Versicherungen und Facharzttermine kommen. Zudem bedeutet eine positiv getestete Frau für den Kreißsaal deutlich mehr Arbeit.
Ich kann das alles schon nachvollziehen, trotzdem war ich manchmal sehr wütend über die Lage. Jede Frau hat ein Recht auf eine selbstbestimmte Geburt und darauf, adäquat behandelt zu werden. Es gab einfach vermehrt Situationen, die zeigten, dass eine bessere Zusammenarbeit vonnöten ist. Daran arbeiten wir gerade auf mehreren Ebenen.
Einige Bewohner berichten von Problemen mit dem Essen für Neugeborene. Haben die Frauen mit Ihnen darüber gesprochen?
Die Mütter und die Schwangeren in der Lindenstraße wurden natürlich immer mit Essen versorgt. Allerdings wissen wir alle, dass Essen aus Großküchen niemals den eigentlichen Wünschen entspricht. Auch die Nährstoffversorgung für Schwangere oder Stillende ist natürlich hierbei nicht ausreichend gewährleistet. Ganz zu schweigen von speziellen Ernährungsplänen für Frauen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Das war und ist weiterhin ein großes Problem.
Und wie war die Lage für Sie als Hebamme?
In der akuten Corona-Phase im April stand in der Lindenstraße natürlich erstmal alles auf dem Kopf. Ich kam gerade aus der Quarantäne und fand mich in einem großen Chaos wieder. In den ersten Tagen war es für mich sehr schwierig, den Überblick zu behalten. Ich war für knapp 25 Neugeborene beziehungsweise knapp 40 schwangere Frauen alleine als Hebamme verantwortlich, da meine Kollegin auch in Quarantäne war.
Manche Frauen waren zu der Zeit noch nicht einmal bei einem Frauenarzt gewesen oder in einer Klinik zur Geburt angemeldet, obwohl sie schon hochschwanger waren und zum Teil eine Risikoschwangerschaft hatten. Unter anderem, weil sie eben positiv auf Corona getestet worden waren beziehungsweise unter Quarantäne standen. Auch war es für mich manchmal schwierig, genaue Informationen darüber zu bekommen, welche Frau beziehungsweise welches Baby positiv auf Corona getestet wurde. Die Informationen kamen meistens verzögert oder viel zu spät.
Trotz dieses Chaos muss ich sagen, dass wir Mitarbeitende aus allen Bereichen, so gut es ging, als Team zusammengearbeitet haben. Aber wir waren und sind weiterhin alle an unserem Limit. Es ist vielleicht glimpflich ausgegangen, aber das haben wir nicht irgendwelchen Maßnahmen zu verdanken, sondern lediglich der Tatsache, dass viele Verläufe mild waren. Bei über 140 Corona positiv getesteten Bewohner*innen hätte schon eine Hälfte schwerer Verläufe gereicht, um das Gesundheitssystem in Bremen auf eine harte Probe zu stellen.
Zu guter Letzt darf man auch nicht vergessen, wie anstrengend es ist, zehn bis zwölf Stunden am Tag im Schutzanzug zu stecken. Eine der größten Herausforderungen für mich war es allerdings mit ansehen zu müssen, wie sehr die Frauen unter der Quarantäne zu leiden hatten. Viele Frauen waren ja über mehrere Wochen in Quarantäne und somit wirklich am Ende ihrer Nerven. Da war man dann alles gleichzeitig: Hebamme, Mutter, Freundin, Therapeutin.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 26. Mai 2020, 23:30 Uhr