"Ich habe mich mittlerweile an den Hass gewöhnt"

Der Bremer Journalist Dennis Leiffels hat einen Film über Cybermobbing gemacht – und wurde selbst zum Hassobjekt. Täglich wird er verleumdet und beleidigt.

Ein Mann steht im Winter vor einem Haus
Ein Tweet reichte und Dennis Leiffels bekam 1.500 Hass-Nachrichten. Bild: ARD

Es begann mit der Recherche für das Reportageformat Y-Kollektiv von funk, dem jungen Angebot von ARD und ZDF. Dennis Leiffels begab sich in die Welt von Rainer Winkler. Der junge Mann aus dem bayerischen Altschauerberg ist auf Youtube als "Drachenlord" bekannt geworden und seitdem ein Internetphänomen. Um Winkler herum hat sich in den letzten Jahren das sogenannte "Drachengame" entwickelt.

Alles was mit Winklers Leben zusammenhängt wird unweigerlich Teil dieses "Spiels". Ob der Pizzabäcker im gleichen Ort, Nachbarn oder eben Journalisten wie Leiffels, die über das organisierte Mobbing berichten wollen. Sie alle geraten ins Fadenkreuz der Hater. Deren Hobby ist der kollektive Hass. Dafür nutzen sie überwiegend soziale Netzwerke wie Twitter und Youtube.

Die Reportage:

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Morddrohungen im Internet

Pro Woche pilgern bis zu 150 Hater zum "Drachenlord" nach Alterschauerberg. Ihr Ziel? Spaß durch Provokation. Sie beschmieren Häuserwände und zünden Böller. Alles wird als Video festgehalten, so geht das "Drachengame" immer weiter. Der Nachbar von Rainer Winkler, Thomas Schweighöfer, ist mittlerweile in therapeutischer Behandlung, nachdem er mehrere Nervenzusammenbrüche hatte.

Man geht einfach in einer Wut da raus, will es beenden, kann aber nichts erreichen.

Thomas Schweighöfer, Bürger in Altschauerberg

Der ehemaliger Betreiber eines örtlichen Restaurants ist mittlerweile arbeitslos.

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einer Parkbank und unterhalten sich
Katrina Reichert erhält Morddrohungen: Sie setzt sich im Internet für Transsexuelle ein. | Bild: Radio Bremen Bild: ARD

Auf seiner Reise durch die Hater-Szene Deutschlands hat Dennis Leiffels auch Katrina Reichert getroffen. Sie setzt sich seit Jahren für die Rechte Transsexueller ein. "Man sollte Dich vergasen" – solche Kommentare sind schon fast Alltag für sie. Nachdem ihre Adresse im Netz veröffentlicht wurde, schläft sie nur noch mit einer Waffe unter ihrem Kopfkissen. "Einige Morddrohungen nehme ich ernst", sagte sie.

Eine Äußerung, 1.500 Reaktionen

Dennis Leiffels blieb an den Geschichten dran. Montagabend, 4. Juni, läuft sein Film "Hass ist ihr Hobby" im Rahmen der Reportagereihe Rabiat um 22:45 Uhr im Ersten. Seine monatelangen Recherchen blieben von den Hatern nicht unbemerkt. Eine Äußerung von Leiffels auf Twitter reichte aus, um 1.500 Reaktionen aus der Hater-Szene zu provozieren. Beleidigungen, Verunglimpfungen, massive Versuche, sein Leben zu zerstören. So wird unter anderem behauptet, Leiffels hätte Frauen vergewaltigt oder würde Selbstbefriedigungsvideos an Dritte verschicken.

Dennis Leiffels hat im Laufe seiner Recherche immer wieder Dinge zur Anzeige gebracht. Gebracht hat das wenig: "Die Ermittlungen sind eingestellt" – eine häufige Reaktion der Behörden. Der Schutzmantel der Anonymität verhindert hier meist, dass einzelne Personen zur Rechenschaft gezogen werden können.

Ich habe mich mittlerweile an den Hass gewöhnt.

Dennis Leiffels, Journalist

Das Gesagte kann er selbst kaum glauben. Vielmehr beschäftigt ihn die Frage, wie Gesellschaft und Politik darauf reagieren wollen. Mittlerweile haben die meisten Bundesländer sogenannte Cyberkriminalstellen eingerichtet, wo Menschen Fälle von Hass im Netz melden können. Für besonders wirkungsvoll hält Leiffels die Arbeit der Ermittler allerdings nicht. "Die Gesetze sind alle da. Es mangelt nur an Leuten, die sie umsetzen und die sich in dieser Welt auskennen."

Oberstaatsanwalt Thomas Goger widerspricht: "So anonym, wie viele Leute glauben, ist das Internet ja nicht. Jeder Täter hinterlässt irgendwelche Spuren." Und trotzdem bleibt bei vielen Mobbing-Opfern das Gefühl, dem Hass frei ausgesetzt zu sein.

Eine Studie aus dem Jahr 2017 hat ergeben:
Quelle: „Bündnis gegen Cybermobbing“, Mai 2017

Mehr über Rabiat

  • Torben Ostermann

Dieses Thema im Programm: Das Erste, 4. Juni 2018, 22.45 Uhr