Corona-Lockerungen: Bremer Lehrervertreter greifen Bildungsbehörde an

Ab Montag sollen Grundschüler wieder in normaler Klassengröße unterrichtet werden. Lehrergewerkschaft und Personalrat sprechen von einer Gesundheitsgefahr.

Video vom 19. Juni 2020
Eine Grundschulklasse, die mit Abstand zueinander im Klassenraum sitzen.
Bild: Radio Bremen

Nach den Bremer Kitas, die am Montag in den eingeschränkten Regelbetrieb gestartet sind, sollen nun auch die Grundschulen in Bremen langsam wieder zur Normalität zurückkehren: Ab kommenden Montag soll der Unterricht in Kleingruppen aufgehoben werden und die Klassen wieder zu ihrer üblichen Größe anwachsen. Das hat Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) angekündigt.

Wegen der Coronakrise waren die Bremer Schulen zeitweise geschlossen worden, in den vergangenen Wochen fand der Unterricht nur eingeschränkt und in kleiner Klassenstärke statt. Ab Montag sollen die Grundschüler dann wieder mit allen Klassenkameraden im Unterricht sitzen. Der Mindestabstand muss dann unter den Kindern nicht mehr eingehalten werden. Eine komplette Rückkehr zur Normalität wird es aber noch nicht geben: Laut Bildungsbehörde soll sich der Unterricht auf vier Stunden pro Tag an vier Tagen in der Woche beschränken.

Deutliche Kritik an den geplanten Lockerungen gibt es von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW): "Die Öffnung der Grundschulen kommt viel zu schnell", sagt Elke Suhr, Landesvorstandssprecherin der GEW in Bremen. In den Kleingruppen würden momentan noch viele Lehrkräfte arbeiten, die zur Risikogruppe gehören, denn dort könnten sie die Abstände einhalten. "In dem Moment, wo sie ganze Klassen vor sich haben oder große Gruppen betreuen müssen, geht das nicht mehr."

Lehrergewerkschaft warnt vor Personalausfall

Die GEW geht daher davon aus, dass nun Personal an den Schulen ausfallen wird. "Wir ermutigen die Lehrkräfte dann auch tatsächlich, nicht mehr zur Arbeit zu gehen und ihre Gesundheit zu riskieren", sagt Suhr. Die Gefahr bestehe zudem nicht nur für die Lehrkräfte selbst, sondern auch für die Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern. Laut Suhr gebe es bislang in Deutschland keine aussagekräftigen Studien, ob sich Schülerinnen und Schüler nur untereinander oder aber ob sie auch Lehrkräfte anstecken würden.

"Viele Lehrerinnen und Lehrer befürchten, dass sie jetzt zu Versuchskaninchen werden."

Elke Suhr, Landesvorstandssprecherin GEW

Laut Suhr hat sich der bisherige Unterricht in Kleingruppen zudem bewährt: "Es kommen ganz viele Rückmeldungen von Lehrkräften, dass die Kinder unter diesen Kleingruppen-Bedingungen bessere Lernfortschritte als sonst machen und dass sie das, was sie durch den Lockdown verpasst haben, auch teilweise wieder aufgeholt haben." Ähnliches würden auch die Eltern berichten. Und hinzukomme, so Suhr, dass leistungsschwächere Kinder in den Kleingruppen besser mitkommen würden. Auch deshalb will die GEW an dem Modell der Kleingruppen festhalten.

Kleingruppen sollten bestehen bleiben

Am Freitagabend soll deshalb eine Online-Petition unter dem Motto "Weniger ist mehr" starten. "Die zentrale Forderung ist, dass die Kleingruppen beibehalten werden sollen, bis es wirklich sichere Erkenntnisse über das Ansteckungsrisiko gibt oder die Pandemie soweit abgeschwächt ist, dass kein Risiko oder nur ein ganz geringes Risiko besteht, sich anzustecken", sagt Suhr. Das Ziel sei es ja auch, aus der Coronazeit zu lernen. "Und die zeigt uns gerade: Die Kleingruppen wirken sich sehr positiv auf die Lernerfolge der Kinder aus".

Der Personalrat Schulen geht sogar noch einen Schritt weiter: Er rät Lehrkräfte zu sogenannten Gefährdungsanzeigen bei der Bremer Bildungsbehörden - denn aus seiner Sicht steigt die Infektionsgefahr mit den angekündigten Lockerungen: "Das größte Problem ist natürlich, dass zu viele Menschen gleichzeitig im selben Raum sind - und dann auch noch kleine Kinder. Die singen vielleicht auch mal oder reden laut, da haben wir dann das Problem mit den Aerosolen. Und nicht alle Fenster in den Schulgebäuden kann man so öffnen, dass richtig gelüftet werden kann", sagt Angelika Hanauer, Vorsitzende des Personalrats Schulen in Bremen.

Die Gefährdungsanzeige sei eine Möglichkeit auf das Gesundheitsrisiko aufmerksam zu machen und eine Aufforderung an die Bildungsbehörde:

Wir wollen, dass die Behörde noch einmal überdenkt, ob es wirklich der richtige Weg ist, die Klassen jetzt voll zu machen oder ob man nicht nach klügeren Konzepten suchen muss.

Angelika Hanauer, Vorsitzende Personalrat Schulen

Für Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) dagegen ist es genau die richtige Entscheidung: "Kinder haben ein Recht auf Bildung und jede Stunde Unterricht, die wir im Moment nicht erteilen, ist verlorene Lernzeit für die Kinder." Eine Gefahr sieht sie in der Rückkehr zur normalen Klassengröße nicht: In den vergangenen Wochen haben sich eine ganz neue Reihe von Erkenntnissen zum Coronavirus ergeben", so die Senatorin. So wisse man heute, dass Aerosole bedeutend zum Infektionsgeschehen beitragen würden. "Das heißt, dass weniger die Frage des Mindestabstands als viel stärker die Frage einer guten Raumbelüftung eine Rolle spielt." Auf Basis dieser Erkenntnisse habe man, im Einklang auch mit anderen Bundesländer, die entsprechende Entscheidung getroffen.

Möglichst viel Lernzeit für jüngere Kinder

Den Unterricht in Kleingruppen fortzusetzen, wie es die GEW fordert, ist für Bogedan angesichts der aktuellen Personalsituation keine Option: "Wir haben Lehrkräfte, die zur Risikogruppe gehören und die deshalb momentan nicht für den Präsenzunterricht zur Verfügung stehen, das heißt, wir müssen wir so viel Unterricht wie möglich mit einem beschränkten Personalkörper an die Kinder bringen." Gerade den jüngeren Kindern müssen man jetzt möglichst viel Lernzeit bieten. "Weil wir wissen, dass das Fernlernen dort am schlechtesten funktioniert hat", so die Senatorin.

Schon jetzt steht fest: Nach den Sommerferien sollen dann auch alle anderen Schulen in Deutschland wieder ganz öffnen, das haben am Donnerstag die Kultusminster der Länder beschlossen. Auch dort soll dann das Abstandsgebot wegfallen.

Mitschnitt der Senats-PK zur Öffnung von Kitas und Grundschulen

Video vom 9. Juni 2020
Senatorin Claudia Bogedan
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Sebastian Manz
  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Juni 2020, 19:30 Uhr