Interview

Angehörige üben scharfe Kritik nach tödlichem Polizeieinsatz in Bremen

Tochter und Schwägerin des Mannes, der in Gröpelingen durch Polizeischüsse zu Tode kam, kritisieren den Einsatz. Sie sagen: Sein Tod sei vermeidbar gewesen.

Video vom 3. Juli 2020
Mehrere rote Grabkerzen stehen und liegen am Rand einer Straße. Im Hintergrund ein grüner Busch.
Bild: Radio Bremen

Eine Wohnungsbegehung hat am 18. Juni 2020 einen Polizeieinsatz ausgelöst. Dieser endete tragisch. Der gekündigte Mieter Mohamed I. war psychisch krank, was auch aktenkundig war. Die Polizei wollte den 54-Jährigen laut Staatsanwaltschaft vom sozialpsychiatrischen Dienst untersuchen lassen. Als er sich weigerte, eskalierte die Situation. Als Mohamed I. mit einem Messer in der Hand auf einen Beamten zulief, wurde zwei Mal auf ihn geschossen. Er verstarb im Krankenhaus an seinen Verletzungen.

Die Angehörigen des Toten haben die Initiative "Justice for Mohamed" (Gerechtigkeit für Mohamed) gegründet. Buten un binnen hat mit der Tochter, Aicha Meisel-Suhr, und seiner Schwägerin, Nadia Rachchag, gesprochen.

Ein Mann mit Schnurbart drückt ein Kind an sein Gesicht
Mohamed I. mit seiner Tochter Aicha im Jahr 1994. Bild: Privat
Wie fühlen Sie sich jetzt?
Nadia Rachchag: Es wäre schon traurig genug, wenn einer eines natürliches Todes gestorben wäre. Aber bitte, bitte nicht töten und nicht unter diesen Umständen. Für mich ist das ein Fehleinsatz. Das ist nicht richtig gelaufen. Jeder normal denkende Mensch, der drauf guckt, sagt: Das ist schiefgelaufen. Das hätte man anders regeln können. Bitte, bitte, wenn ihr das müsst, schießt ihm ins Bein.
Was ist aus Ihrer Sicht passiert?
Nadia Rachchag: Es gibt Videos, die im Internet kursieren (Anmerkung der Redaktion: Ein Anwohner oder eine Anwohnerin filmte während des Polizeieinsatzes. Das Video dokumentiert, was rund eine Minute vor den tödlichen Schüssen passierte). Da sind vier junge Polizeibeamte zu sehen, die einen psychisch kranken Menschen mit einer Waffe bedrohen. Das Video zeigt deutlich, dass da erst mal kein Messer war, sondern er irgendwas in der Hand hatte. Das war das Messer in einer Messerscheide.
Was ist bei dem Polizeieinsatz aus Ihrer Sicht schief gelaufen?
Nadia Rachchag: Wo war bitte der sozial-psychiatrische Dienst? [...] In dem Moment wollte er sein Hab und Gut schützen. Er hat sich schützend vor seine Wohnung, vor seinen Keller gestellt. Dann darf das einfach nicht passieren, dass vier junge Beamte mit einer Pistole vor ihm stehen. Ich bin nicht vom Fach, nur Laie. Aber ich weiß, dass man einen psychisch kranken Menschen eben nicht provoziert, indem man ihn mit Pfefferspray attackiert. Sondern viel mehr deeskalierend wirkt. [...]

Aicha Meisel-Suhr: Es war doch keine zeitliche Eile geboten. Man hätte doch jemanden hinzuführen können, der geschult ist, wie dieser sozial-psychiatrische Dienst. Und das war ja bekannt.
Eine Frau mit schwarzer Kleidung und braunen, langen Haaren.
Nadia Rachchag kritisiert den Einsatz der Polizei. Bild: Radio Bremen
Wie hat sich die psychische Krankheit bei ihm gezeigt?
Nadia Rachchag: Seine psychische Auffälligkeit, die kannte jeder. Die kann man nicht leugnen. Er hatte paranoide Züge. Er war gänzlich schizophren. Er hat einen großen Reinlichkeitszwang entwickelt und hat ständig seine Wohnung geputzt. Mit ganz viel Wasser, sodass dadurch dann auch Schäden im Keller entstanden sind.
Gab es vorher Situationen, in denen er bedrohlich oder aggressiv war?
Nadia Rachchag: Überhaupt nicht. Meinen Schwager habe ich immer als ganz liebvollen, ruhigen, netten Menschen erlebt. Der auch nicht die Stimme erhebt. Der schreit nicht. Der ist nicht laut. Der tut keiner Fliege was zu Leide. Und jeder mochte ihn. Seine Nachbarn haben gesagt, das war ein toller Mann.
Glauben Sie, dass die Herkunft Ihres Schwagers eine Rolle gespielt hat?
Nadia Rachchag: Wir distanzieren uns ganz weit davon, in Rassismus-Ecken gedrängt zu werden. Wir fragen uns aber schon: Wenn er weiß gewesen wäre oder ein Deutscher, wäre das dann so passiert? Wären vier Beamte mit einer Waffe auf ihn losgegangen? Oder hätte man dann anders reagiert? Wenn der reich gewesen wäre? Wenn der woanders gewohnt hätte? Wenn es andere Informationen gegeben hätte, hätte man dann so reagiert? Ich wage es zu bezweifeln.
Was genau muss jetzt aufgeklärt werden?
Nadia Rachchag: Was ist passiert? Wie ist es passiert? Wer hat entschieden, diese vier Beamten dort hinzuschicken? Wo war der sozial-psychiatrische Dienst? Wo war die Betreuerin? Wer steht uns Rede und Antwort? Die sind alle irgendwie nicht zuständig. Die gehen alle nicht ans Telefon. Kann nicht jemand kommen und sagen: 'Was habt ihr für Fragen? Wir schreiben uns die auf. Wir klären diese Fragen mit euch. Wir lassen euch da nicht in der Ecke stehen.'
Eine schwarz gekleidete Frau mit Brille und langen schwarzen Haaren.
Aicha Meisel-Suhr fühlt sich mit ihren vielen Fragen alleingelassen. Bild: Radio Bremen
Was wünschen Sie sich jetzt?
Aicha Meisel-Suhr: Ich wünsche mir, dass er seinen Frieden kriegt. Ich wünsche mir, dass es Gerechtigkeit gibt und so etwas niemals einem Menschen passieren sollte. Gerade einem Menschen, der in so einer misslichen Lage ist. Das hat kein Mensch verdient. Wirklich nicht. Das hat niemand verdient. Egal, wie er aussieht, egal wo er herkommt. Ich hab meinen Vater verloren. Er ist ein Teil von mir. Es tut weh, so etwas zu sehen. Ich habe diese Fragen und keiner kann mir die beantworten. Wo können wir helfen mit dieser Geschichte? Was können wir verbessern, dass so etwas nie wieder passiert? Niemanden. Das wünsche ich mir. Ich wünsche jedem Frieden.

Toter nach Polizeieinsatz in Bremen-Gröpelingen

Video vom 18. Juni 2020
Zwei Polizisten stehen vor einem Absperrband, daeben ein Polizeiauto.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Juli 2020, 19:30 Uhr