Tabus brechen: Eine Bremerin über traumatische Geburts-Erlebnisse

Video vom 12. September 2021
In einem Kreißsaal liegt ein Neugeborenes dicht an seiner Mutter
Bild: DPA | Patrick Pleul
Bild: DPA | Patrick Pleul

Eine Geburt ist schmerzhaft, doch für einige Frauen wird sie zum regelrechten Albtraum. Das dürfe kein Tabu sein, findet eine Mutter aus Bremen. Man sollte darüber sprechen.

Sie lacht. Stimmlos, mit offenem Mund, in dem zwei kleine, einsame Zähne kürzlich gewachsen sind, tritt in ihrem pinken Strampler ein paar Mal in die Luft und blickt mit großen verwunderten Augen auf die junge Frau vor ihr.

Jetzt lacht Melanie Schwarz* zurück. Doch eine Zeit lang ist sie täglich in Tränen ausgebrochen, wenn sie ihre Tochter angesehen hat. Denn der Anblick brachte die Erinnerungen an ihre traumatische Geburt zurück. An die Schmerzen und das Gefühl, fremden Menschen schutzlos ausgeliefert zu sein.

Melanie Schwarz ist 31 Jahre alt, das sieben Monate alte Baby, das es inzwischen auf ihr Mikrofon abgesehen hat, ist ihr erstes Kind. Die junge Bremerin sagt, sie habe sich auf die Geburt gut vorbereitet. Leitlinien zur vaginalen Geburt, Gespräche mit Hebammen und Müttern, Hypnose.

Ich habe mich sehr auf die Geburt gefreut, war frei von Sorgen und Ängsten

Melanie Schwarz, Mutter

Betroffene: keine Erlaubnis vor Untersuchungen und Medikamentengabe

Und doch war die Geburt für sie kein freudiges Erlebnis, sondern ein erniedrigendes. Schmerzliche vaginale Untersuchungen ohne Einwilligung, Wehenmittel ohne vorherige Absprache, wiederholte Aufforderungen, sich gegen ihren Willen auf den Rücken zu legen. "Ich hatte viele Wehenstürme unter der Geburt und währenddessen wurde ich untersucht. Ich habe sogar versucht, mich körperlich dagegen zu wehren, aber die Hebamme hat oft einfach weiter gemacht", erinnert sie sich. "Ich mach doch nichts", soll ihr die Fachkraft gesagt haben und sie weiter betastet haben.

Als die letzten Wehen kamen, erzählt Schwarz, habe man von ihr verlangt, dass sie sich vom Vierfüßlerstand auf den Rücken legt. Ein Nein habe man nicht akzeptiert. Und als das Kind da war, führt sie fort, habe man ihr ein Wehenmittel gespritzt, das die Nachgeburt beschleunigt – ohne ihr Einverständnis.

Doch das Kind war endlich da. Es war gesund. Schwarz war froh. Aber von einer selbstbestimmten Geburt war nicht mehr viel übrig. Hilflos, beschämt habe sie sich gefühlt. Den Schutz, den sie, eine Frau, jede Frau in einem so schutzlosen, empfindlichen Moment braucht, habe sie nicht bekommen.

Das war ein sehr bedrückendes und ganz schreckliches Gefühl.

Melanie Schwarz, Mutter

Bremer Ärztin erklärt: "Geburtshilfe ist in Deutschland nichts wert"

Video vom 12. September 2021
Die leitende Oberärztin für Geburtshilfe Katharina Lüdemann im Gespräch bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Verein: keine genauen Zahlen, aber systemisches Problem

Über Gewalt unter der Geburt zu sprechen, fällt vielen nicht leicht. Zu viele Tabus, zu viele veraltete Vorstellungen, noch immer gibt es zu viele Vorurteile. Auch deshalb möchte Melanie Schwarz, die in Wirklichkeit anders heißt, anonym bleiben.

Die Details der Geschichte von Melanie Schwarz sind nicht unabhängig überprüfbar. Doch Schwarz ist nicht allein. Der Verein Mother Hood, der sich bundesweit für die Rechte von Müttern und Eltern einsetzt, schätzt, dass zwischen 20 und 45 Prozent der Frauen in Deutschland belastende oder traumatische Erfahrungen unter der Geburt erleben. Sehr viele davon, weil ihnen Gewalt angetan wurde.

Was als Gewalt gilt, dazu gibt es keine einheitliche Definition. Praktiken, die von einem medizinischen Gesichtspunkt keinen Sinn ergeben – wie der sogenannte Husband Stitch, bei dem das Gewebe nach einem Dammriss enger zugenäht wird als nötig. Die die Würde der Frau verletzen. Aber auch Beleidigungen, Demütigungen, respektlose Bemerkungen. Sprüche wie: "Schöner ist rein als raus", "Andere haben es auch schon geschafft". Oder eben medizinische Eingriffe, die ohne die Zustimmung der Frau vorgenommen werden. Die Kommunikation, oder ihr Mangel, spielt dabei oft eine große Rolle, sagt Katharina Desery von Mother Hood.

Die Kommunikation ist ein ganz großes Problem. Manche Frauen werden beschimpft oder bekommen keine korrekte Aufklärung. Das heißt: Sie wissen gar nicht, was mit ihnen passiert.

Katharina Desery, Vorstand Mother Hood

Frauen dürfen mitentscheiden

Manchmal werde in solchen Fällen "über ihren Kopf hinweg entschieden". Der Wille der Patientin wird ignoriert oder gar nicht abgefragt. Alternativen werden nicht aufgezeigt. Dabei regelt das Patientenrechtegesetz, dass die Patienten das Recht haben mitzuentscheiden, ob sie sich eine gewisse Behandlung, Medikament oder Untersuchung wünschen. Es gibt Ausnahmen, zum Beispiel, wenn die Behandlung unaufschiebbar ist und die Erlaubnis des Patienten nicht rechtzeitig eingeholt werden kann. Doch solche Fälle seien relativ selten, sagt Desery.

Die Gefahr im Verzug, dass wirklich sofort das Kind aus der Mutter herausgeholt werden muss, das ist so selten… Damit kann man nicht begründen, die Frauen nicht vernünftig aufgeklärt zu haben.

Katharina Desery, Vorstand Mother Hood

Konkrete Zahlen darüber zu finden, wie viele Frauen betroffen sind, ist schwierig. Unterschiedliche Studien und Umfragen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Doch für Desery ist klar: Das sind keine Einzelfälle, keine Pechmomente. Die Wurzeln des Problems stecken tief im System. Und die Ursachen sind vielfältig.

Gewalt bei der Geburt kein neues Phänomen

Einerseits gebe es in den Kliniken oft feste Strukturen, Routinen, Abläufe, die dem Persönlichen einer Geburt "oft nicht gerecht werden". Andererseits seien natürliche Geburten nicht gut genug vergütet, zeitlich kürzere Operationen würden teilweise viel besser honoriert. Der Personalmangel führe zudem dazu, dass Hebammen manchmal überlastet sind. Das kann solche Vorfälle begünstigen.

Manchmal reicht schon die Hand auf die Schulter zu legen, wenn es der Frau angenehm ist, und zu sagen: 'Sie schaffen das. Sie machen das gut'.

Katharina Desery, Vorstand Mother Hood

Gewalt unter der Geburt ist allerdings kein neues Phänomen. Die Vorsitzende des Bremer Hebammenlandesverbands, Heike Schiffling, sagt, solche Vorfälle hätten mit der Zeit tendenziell abgenommen.

"Ich glaube, dass die Gewalterfahrungen unserer Großmütter und Mütter unter der Geburt viel häufiger waren als es heute der Fall ist", sagt sie. Was gestiegen sei, sei das Bewusstsein über die Rechte der Frauen. Dass ein Kind gesund geboren wurde, ist nicht mehr das einzig Wichtige. "Zu Recht", sagt Schiffling.

Hebamme: Wir sind für beide, Frau und Kind, verantwortlich

Für Hebammen ist das Thema auch kein leichtes. "Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat. Für uns ist klar: Die Auftraggeberin ist immer die Frau, und ich orientiere mich an dem, was die Frau wünscht." Trotzdem müsse man auch das Wohlbefinden des Kindes im Auge behalten.

Es geht schließlich um Macht, das weiß die Hebamme. Die Geburt ist ein Moment, in dem das medizinische Personal ungeheuer viel Macht hat. Und was mit Macht kommt: gleich viel Verantwortung.

Wir bewegen uns als Hebammen auf diesem schmalen Grat, dass uns gefühlt der Richter im Nacken haucht und haftbar zu machen droht, wenn wir auf bestimmte Sachen nicht reagieren.

Heike Schiffling, Vorsitzende des Bremer Hebammenlandesverbands

Gleichzeitig trage man diese Verantwortung auch der Frau gegenüber. Und häufig, das betont auch Schiffling, liege das Problem in der Kommunikation. Dass der Frau nicht gut genug erklärt wird, was gerade passiert und wieso eine gewisse Prozedur in dem Augenblick notwendig sei. Dabei weniger fördernd: Dass die Hebammen in den Krankenhäusern die Gebärenden kaum kennen. Und dass sie vielleicht zwei weitere Frauen in anderen Zimmern parallel betreuen müssen. Der Druck, dass alles – und alle – reibungslos funktionieren, steigt.

"Man versucht in der Kürze der Zeit mit der Frau angemessen umzugehen, ohne sie oder ihre Vorgeschichte wirklich zu kennen", sagt Schiffling.

Hebammenmangel auch in Bremen ein Problem

Der Hebammenmangel wird seit Jahren beklagen – auch in Bremen. Der Verband schätzt, dass in Bremen im Augenblick 20 Stellen unbesetzt sind. In letzter Zeit haben einige Kliniken Fachpersonal aus Italien rekrutiert. Auch die Bremer Arbeitsagentur, bei der zehn offene Stellen aktuell gemeldet sind, spricht von einem "akuten Fachkräfteengpass".

Die Coronapandemie und die Besuchseinschränkungen haben die Situation sicherlich nicht verbessert. Schwarz schildert, dass sie damals zwei Stunden allein in einem Raum warten musste, während die Wehen bereits eingesetzt hatten. Welche Lösungen könnte es dann für das Problem geben? Mehr Personal könnte für Schiffling  die Betreuung deutlich verbessern. Das würde auch manche Fortbildungen ermöglichen, die zurzeit nicht möglich sind, weil "die Personaldecke so dünn ist". Für Desery sind eine bessere Kommunikation, aber auch eine bessere Vergütung und mehr Personal notwendig. Eine Eins-zu-Eins-Betreuung wäre nötig.

Betroffene: Gespräch mit Hebamme hat geholfen

Schwarz sagt, am dritten Tag nach der Geburt sei bei ihr "alles eingestürzt". Ihre Hebamme hat dann geholfen, die Trümmer aufzuräumen. Schwarz hat die Geburtenakte angefordert, sie mit ihr besprochen. Das habe geholfen.

Ich habe plötzlich nur noch geweint, fast den ganzen Tag. Ich habe meine Tochter gesehen, und habe geweint.

Melanie Schwarz, Mutter

Deshalb will sie jetzt offen über ihre Erfahrung reden. Auch, weil sie durch das Gespräch mit Verwandten gemerkt hat, wie wenig Menschen über Selbstbestimmung während der Geburt wissen. Die junge Frau sagt, sie will auf jeden Fall weitere Kinder haben. Doch diesmal lieber in einem Geburtshaus.

*Name von der Redaktion geändert.

Rückblick Hausgeburten in Bremen: "Können Bedarf gar nicht bedienen"

Video vom 17. Januar 2021
Die Vorsitzende des Hebammenlandesverband Heike Schiffling im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. September 2021, 19:30 Uhr