So gedenkt Bremen der Todesopfer in der Corona-Pandemie

Am Sonntag trauern die Menschen bundesweit um die Verstorbenen in der Corona-Krise. Dabei wird nicht nur der Opfer des Virus gedacht.

Video vom 18. April 2021
Bovenschulte legt vor der Bürgerschaft eine Kerze zum Gedenken an die Corona-Toten nieder
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Fast 80.000 Menschen sind in Deutschland seit Beginn der Pandemie Anfang 2020 an oder mit dem Coronavirus gestorben, mehr als 430 davon allein im Land Bremen. Am Sonntag soll ihnen und aller anderen Toten in der Corona-Krise gedacht werden. Die offizielle Gedenkfeier findet in Berlin statt, allerdings gibt es auch in der Hansestadt eine kleine Aktion: Bremer und Bremerinnen dürfen auf die Stufen vor dem Haus der Bürgerschaft Kerzen oder Lichter stellen, die an die Verstorbenen erinnern sollen. Am Sonntagmorgen legten unter anderem Bürgerschaftspräsident Frank Imhoff und Bürgermeister Andreas Bovenschulte Kerzen nieder.

Außerdem ist bereits am Freitag eine bundesweite Initiative gestartet: Am Freitag-, Samstag- und Sonntagabend sind die Menschen aufgerufen, eine Kerze ins Fenster zu stellen. Selbst wenn die Pandemie noch nicht überwunden sei, wolle Bremen damit ein Zeichen setzen, so Bovenschulte: "Wir lassen die Trauernden nicht allein und die Toten werden wir nicht vergessen." Das Licht sei ein Symbol für das Leben und die Solidarität mit allen, die einen Menschen verloren hätten.

Mehr als 400 Menschen starben an oder mit Covid-19, noch weitaus mehr Männer, Frauen und Kinder sind einsam gestorben – ohne dass ihre Angehörigen an ihrem Bett sitzen, sie in den Arm nehmen, ihnen Halt geben konnten.

Bürgermeister Andreas Bovenschulte in einem Interview-Setting
Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD)

Seelsorger: Eingeschränkter Zugang ist eine große Belastung

Dass die Abstandsregeln und die Besuchseinschränkungen in der Corona-Krise eine große Belastung für die Angehörigen von Sterbenden darstellen, erlebt Krankenhausseelsorger Bernhard Memering seit einem Jahr in seiner Arbeit. "Der eingeschränkte Zugang ist eine große Belastung für die Angehörigen, auch wenn er aus guten Gründen besteht. Ich erlebe schon deutlich, dass nahe Angehörige den Sterbeprozess mitbekommen wollen." Er habe schon mal erlebt, dass Menschen ihn gebeten hätten, einen schwerkranken Patienten für sie zu besuchen.

Das Besuchsverbot sieht zwar Ausnahmen bei Sterbenden vor, doch diese gelten erst ab dem Zeitpunkt, in dem sich der Zustand des Patienten verschlechtert. Zu wissen, dass ein geliebter Mensch in den Wochen vor seinem Tod keinen Besuch bekommen kann, fällt vielen Angehörigen schwer. So schildert es auch Martina Kuchenbecker, die ihren 87-jährigen Vater nach einer Covid-Erkrankung im November verloren hat.

Angehörige: Den Opfern ein Gesicht geben

"Jeden Tag haben wir mit ihm telefoniert. Er hat uns gesagt: 'Bitte, hört nicht auf, mich anzurufen'", erzählt sie. Als sich sein Zustand verschlechterte, durften sie und ihre Schwestern den Vater mit Schutzkleidung besuchen. "Er sah ganz schwach aus, wir haben seine Hand festgehalten und irgendwann gesagt: 'Wir lassen dich los, wenn du das willst'. Das war für mich gut; es war sehr wichtig, dass wir mit ihm reden konnten."

Trotzdem findet Kuchenbecker, dass der Abschied leichter gefallen wäre, wenn sie ihn in den zwei Wochen vor seinem Tod hätten besuchen können. Der Gedanke, dass er allein war, mache den Trauerprozess noch schwerer. Sie wünscht sich, dass man auf politischer Ebene schnellere Lösungen findet, damit die Älteren nicht alleingelassen werden müssen.

Der Gedenktag am Sonntag sei wichtig, sagt sie, um den Menschen hinter den Zahlen ein Gesicht zu geben.

Ich habe das Gefühl, dass sie [Verstorbene und Angehörige, A.d.R.] viel zu schnell in Vergessenheit geraten.

Martina Kuchenbecker, Angehörige

Man höre immer noch zu wenig über das, was den Erkrankten passiert sei und wie es den Angehörigen gehe. Für die Hinterbliebenen wie Kuchenbecker ist es ebenfalls schwierig, dass bei den Trauerfeiern Abstand gewahrt werden muss. Dass die Möglichkeit, die Angehörigen in den Arm zu nehmen, verwehrt bleibt. Die physische Distanz erschwere die Trauer. "Im Prinzip muss jeder für sich trauern. Das macht den Prozess noch schwerer."

Trauerbegleiterin: Sterben und Trauer sind unsichtbar geblieben

Trauerbegleiterin Tanja Brinkmann erlebt ebenfalls, dass die Kontaktbeschränkungen für die Angehörigen das Schwierigste seien. Für sie sei die aktuelle Lage "ziemlich die Hölle". Auch deshalb ist ihrer Meinung nach eine Gedenkfeier sehr wichtig: "Weil das Sterben unsichtbar geblieben ist – und so auch die Trauer." Andere Länder seien hier schon weiter als Deutschland. Italien, die USA, haben bereits Gedenktage und -feiern organisiert.

Aus der Forschung weiß man, dass ein soziales Netz wichtig ist, um die Trauer gut zu bewältigen.

Tanja Brinkmann, Trauerbegleiterin

Den Hinterbliebenen einen pauschalen Ratschlag zu geben, wie sie die Trauer am besten aufarbeiten können, sei nicht möglich, sagt die Expertin. "Jeder weiß, was für sich selbst wichtig ist. Man sollte das tun, was sich richtig anfühlt. Das, was hilft."

Medizinisches Personal ebenfalls belastet

Laut Krankenhausseelsorger Bernhard Memering, der als katholischer Pastoralreferent am Klinikum Bremen-Ost arbeitet, ist eine deutlich erhöhte psychische Belastung ebenfalls beim medizinischen Personal spürbar. Vor allem jetzt, da "jüngere Patienten behandelt werden, die eine höhere Nähe zum persönlichen Lebensbereich der Ärzte und Pfleger haben." In der Klinik gebe es gerade eine psychosoziale Notfallversorgung, die die Mitarbeiter zusätzlich zur Seelsorgeberatung in Anspruch nehmen können.

Ich finde es sehr wichtig, dass es gemeinsam an einem Tag innegehalten wird. Nicht nur für die Verstorbenen, sondern auch für das medizinische Personal, das die Belastung in besonderer Weise tragen muss. Dass man auch ihres Einsatzes gedenkt.

Bernhard Memering, Krankenhausseelsorger

Rückblick: Corona-Todesfälle: Wer sind die Verstorbenen?

Video vom 27. November 2020
Ein Bild eines Friedhofes. Mehrere Grabsteine sind zu sehen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. April 2021, 19:30 Uhr