Schlangen vor Schuldnerberatung: Wie Corona Bremer in Finanznot bringt

Eine junge Frau telefoniert, während sie eine Rechnung in der Hand hält (Symbolbild)
Immer mehr Bremerinnen und Bremer verschulden sich durch Käufe auf Rechung, berichtet die Verbraucherzentrale Bremen. Bild: DPA | Christin Klose

Viele Bremerinnen und Bremer, denen es vor Corona gut ging, haben Schulden.Verbraucherschützer raten Betroffenen, sich frühzeitig Hilfe zu suchen.

Medizinisch gesehen bekämen wir die Pandemie derzeit offenbar langsam in den Griff, glaubt Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen. "Aber die Wirtschaft wird noch brauchen, um Corona hinter sich zu lassen", fügt sie hinzu. Immer öfter müssten die Verbraucherzentralen in Bremen und Bremerhaven Menschen in Geldnot beraten. Auffallend viele Verbraucherinnen und Verbraucher seien auch durch Käufe auf Rechnung in die Bredouille geraten. Ein Beispiel.

Kurzarbeitergeld sorgt für böses Erwachen

Tom Frehses Geschichte beginnt mit dem ersten Lockdown in der Pandemie, im März 2020. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet der heute 27-Jährige für ein Bremer Logistik-Unternehmen. Doch auf einmal stehen fast überall die Bänder still. Auch Tom geht in Kurzarbeit, hat nun jede Menge Zeit. Er tummelt sich viel im Internet, sagt sich schließlich: "Gönn' Dir doch mal was!"

Gesagt, getan. Tom bestellt sich Kleidung, Kopfhörer und ein Teleobjektiv für seine Kamera, Artikel für über 1.000 Euro – Geld, das er gar nicht hat. Das böse Erwachen kommt mit der Lohnabrechnung über den März. Statt der gewohnten 1.700 Euro erhält Tom nur 1.100 Euro. "Da bin ich ins Straucheln gekommen", sagt er heute. Zwar habe er in der Theorie gewusst, dass mit dem Kurzarbeitergeld Einschnitte einhergingen. Wie genau er sich diese Einschnitte vorstellen müsse, sei ihm aber erst mit Blick auf die nackten Zahlen klar geworden. Nach Abzug von Miete, Nebenkosten sowie Fixkosten für Auto, Internet und Handy bleiben von Toms 1.100 Euro nur noch 100 übrig: zu wenig, um davon zu leben.

Mahnungen flattern ins Haus

Dunkelhaariger Mann, Mitte 20, blickt vor grauem Hintergrund für Portrait in Kamera
Steckte bis zum Hals in Schulden, hat aber die Kurve bekommen: Tom Frehse. Bild: Tom Frehse

Doch seine Bank gewährt ihm einen kleinen Dispokredit. Damit, glaubt Tom, wäre das Problem gelöst. Er geht davon aus, dass sich die Lage bald normalisieren werde und er wieder zu vollen Bezügen würde arbeiten können. Sein Kater wird krank, muss eingeschläfert werden. Die Tierarztrechnungen belaufen sich auf 400 Euro. Eine Autoreparatur schlägt mit 700 Euro zu Buche.

Doch die Bank erhöht seinen Dispo. Zwei Wochen verhält sich Tom diszipliniert, kauft nur, was er braucht. Dann aber rutscht er wieder in den alten Trott: "Wenn man auf Rechnung bestellt, muss man ja nicht sofort bezahlen", beschreibt Tom die Versuchung.

Und wenn dann der Paketbote ein Päckchen vorbeibringt, ist es jedes Mal ein bisschen wie Weihnachten.

Tom Frehse

Mahnungen flattern ins Haus. Ein paar Artikel, die Tom bestellt hat, schickt er zurück. Trotzdem steht ihm das Wasser bis zum Hals. Seine Schulden belaufen sich im Spätsommer 2020 auf etwa 12.000 Euro. So ungewöhnlich Toms Geschichte auch klingt, ist sie doch absolut typisch für unsere Zeit, versichert Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen. Sie spricht gar von einem "Klassiker", der durch Corona noch begünstigt werde: "Viele Menschen haben jetzt zwar weniger Geld, aber auch viel mehr Zeit. Das verleitet zu Fehlern aus Langeweile", sagt sie.

Ordnung im Chaos gefragt

Dr. Annabel Oelmann
Hält viel von Ordnung im Chaos: Annabel Oelmann, Leiterin der Verbraucherzentrale Bremen. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Hätten sich die meisten Schuldner früher mit Küchen- und Autokäufen verschuldet und ausschließlich Banken als Gläubiger gehabt, so sei es heute insbesondere für junge Menschen typisch, dass sie sich viele kleinere Artikel für vermeintlich wenig Geld im Internet kauften und auf diese Weise am Ende 25 oder mehr Gläubiger hätten.

"Die verlieren dann den Überblick", sagt Oelmann. Und genau darin liege das Problem. Daher sei es umso wichtiger, dass die Betroffenen sich Hilfe holten: "Man muss mit jemandem darüber reden, braucht jemanden, der mit Abstand auf die Dinge guckt." Das müsse nicht unbedingt ein professioneller Schuldnerberater sein, unbedingt aber jemand, der vertrauenswürdig sei und Ordnung ins Chaos bringen könne.

Schlangen vor der Schuldnerberatung

Wie Schuldnerberater aus dem Land Bremen übereinstimmend berichten, sind nach gut 15 Monaten in der Pandemie immer öfter auch Erwerbstätige von Überschuldung betroffen. Zwar fehlen präzise Zahlen. Dass die Lage aber dramatisch sei, lasse sich schon daran ablesen, dass sich zuletzt sogar Schlangen vor der Beratungsstelle gebildet hätten, sagt Heiko Bödeker von der a conto Schuldnerberatung. Corona treibe die Spaltung der Gesellschaft voran, so Bödeker. Für Menschen aus dem Niedriglohnsektor bleibe schlicht zu wenig zum leben übrig, wenn sie von Kurzarbeitergeld leben müssten.

Ganz ähnlich äußern sich Thilo Brandt von der Verbraucherhilfe Bremen und Corina Lechner von der Schuldnerhilfe Bremen. Kleinstgewerbetreibende, Selbstständige, Studierende sowie Menschen mit Kündigung und in Kurzarbeit bildeten neue Gruppen in der Schuldnerberatung. Sowohl Lechner und Brandt als auch Bödeker gehen davon aus, dass das Schlimmste sogar erst noch kommen werde: "Ich rechne damit, dass wir die Auswirkungen der Pandemie erst in ein, zwei Jahren richtig sehen werden, ähnlich wie bei der Finanzkrise 2008", sagt Bödeker.

"Ich bin jetzt fast schuldenfrei"

Doch so düster die Prognosen der Schuldnerberaterinnen und -berater auch ausfallen mögen: Es muss nicht immer alles schlecht ausgehen. Tom Frehse etwa hat die Kurve gekriegt – und das, nachdem er im Oktober 2020 auch noch seinen Job verloren hatte.

Dank der Hilfe aus der Familie sowie dank einer Abfindung in Höhe von 10.000 Euro konnte er noch 2020 den Großteil seiner Schuld begleichen. Auch hat er eine neue, etwas besser bezahlte Stelle gefunden. "Ich bin jetzt fast schuldenfrei", sagt Tom. Mit Ratschlägen für andere wolle er sich dennoch zurückhalten. Mit einer Ausnahme: "Besser, man kauft gar nichts auf Rechnung", findet Tom.

Trotz Antragspflicht: Befürchtete Pleitewelle bleibt aus

Video vom 1. Juni 2021
Küchenprodukte im Einzehandel.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, Next am Morgen, 18. Mai 2021, 9:10 Uhr