Das verdient man zwischen Festzelt und Karussell

Happy Sailor
Der "Happy Sailor" ist seit 39 Jahren auf dem Freimarkt dabei. Bild: Radio Bremen | Alexander Drechsel

"Junger Mann zum Mitreisen gesucht": Solche Schilder hängen immer wieder an Karussells – auch auf dem Bremer Freimarkt. Aber was heißt das? Wie sieht der Arbeitsalltag aus, was verdienen "junge Männer", und was müssen sie an Wissen mitbringen?

"Wer bei uns klargekommen ist, der kommt überall klar." Rudolf Robrahn, Vorsitzender des Bremer Schaustellerverbands, denkt dabei vor allem an die Aushilfen in den Festzelten. Bratwurst und Bier durch die Reihen balancieren, Bestellungen aufnehmen, richtig abrechnen – Robrahn ist sich sicher, wer das auf dem Freimarkt gemeistert hat, hat die Feuertaufe hinter sich. "Das Personal ist dann gefragt." Trinkgeld und Stundensatz zum Mindestlohn, der auch auf dem Freimarkt gezahlt wird. Es lohnt sich für Studierende und andere, auf dem Freimarkt zu jobben. Aber was ist mit den jungen Männern, die immer wieder zum "Mitreisen" gesucht werden? Mit eben jenen, die die Karussells, Achterbahnen, Riesenräder und andere Fahrgeschäfte aufbauen?

Learning by Doing

Einstellungsvoraussetzungen gibt es kaum. Es ist ein "Learning by Doinig" – mit Schulungen und Fortbildungen. Mancher Vorarbeiter oder Betriebsleiter hat eine handwerkliche Ausbildung. Sie sind aber die klare Ausnahme. "Schausteller ist nun einmal kein Lehrberuf. Wenn eine Saisonarbeitskraft schon länger auf dem Jahrmarkt gearbeitet hat, dann ist sie qualifiziert", so Robrahn. Das Einkommen richtet sich nach der Tätigkeit. "Wer Bierfässer nach vorne rollt, verdient anders als einer, der selbstständig arbeiten kann. Aber der Mindestlohn wird immer berücksichtigt. Es gibt auch Mitarbeiter, die mehr als 2.400 Euro im Monat verdienen."

Manfred Howey vom "Happy Sailor"
Manfred Howey beschäftigt im "Happy Sailor" acht Mitarbeiter. Bild: Radio Bremen | Alexander Drechsel

Manfred Howey ist seit 39 Jahren mit dem Familienkarussell "Happy Sailor" auf dem Freimarkt. "Unsere Mitarbeiter, die mit Null anfangen und weder berufliche Qualifikationen noch einen Führerschein haben, bekommen inzwischen etwas mehr als 1.900 Euro brutto" sagt der 74-Jährige. "Wir haben Leute, die bei über 3.000 brutto sind." Die Personalkosten lagen zuletzt in seinem Unternehmen bei 265.000 Euro pro Jahr.

Wie steht es um den Mindestlohn?

Häufig hieß es, der Mindestlohn werde auf vielen Jahrmärkten nicht gezahlt. In Bremen fanden sich bislang keine Hinweise. Der Zoll in Bremen vertraut auf die Gesetzestreue der Schausteller. Die Behörde, die den Mindestlohn überwachen soll, hat nach eigener Auskunft auf dem Freimarkt bisher keine Kontrollen durchgeführt. In Hamburg wird das anders gehandhabt. Dort gehen Zollbeamte regelmäßig über den "Dom", fragen nach Stundenlohn und der Dokumentation von Arbeitszeiten. Im Großen und Ganzen werde der Mindestlohn auf dem Hamburger Jahrmarkt gezahlt, sagt ein Zoll-Sprecher. Hier und da gebe es mal Nachfragen, tatsächliche Verstöße seien aber sehr selten.

"Mindestlohn war für die Schausteller eigentlich nie ein Thema", sagt Robrahn. Die Dokumentation der Arbeitszeit sei jedoch ein Problem, weil sie viel Zeit verschlingen und auch schwierig sei. "Es gibt in der Schaustellerei keine echte Trennschärfe zwischen Arbeit und Privat. Da muss ich als Unternehmer ständig hinterherlaufen und gucken, ist das Arbeit oder Freizeit."

Strenge Arbeitszeitvorgaben treiben Personalkosten hoch

Nachdem der Mindestlohn eingeführt und damit der Arbeitsschutz schärfer wurde, stockte Howey sein Personal auf. Heute habe er acht Mitarbeiter, früher seien es sechs gewesen. "Damit wir einigermaßen mit dem Acht-Stunden-Tag in der Arbeitszeit klarkommen, fangen wir nun morgens erst um 10 Uhr an. Früher war 9 Uhr für uns absolute Pflicht."

Auch Robrahn kämpft als Schausteller mit den Arbeitszeiten: "Es wäre verlogen zu sagen, wir richten uns ganz streng nach den 8,5 Stunden am Tag. Es gibt Tage, da muss zwangsläufig zwei oder drei Stunden länger gearbeitet werden. Wir versuchen aber, das an anderen Tagen wieder rundzuschleifen." Der Ausgleich werde mit freien Tagen oder Urlaub nach den Jahrmärkten geschaffen.

Immer wieder langjährige Mitarbeiter

Die Begeisterung für die Schaustellerei ist bei Robrahn als auch bei Howey ungebrochen. Sie lieben ihren Beruf und stehen damit nicht allein da. Eine kleine Zufallsumfrage in Freimarktsgeschäften zeigt, dass viele Mitarbeiter oftmals über Jahrzehnte ihren Betrieben treu bleiben. "Viele sind Saisonmitarbeiter, die acht bis zehn Monate für uns arbeiten", sagt Robrahn. In seiner Firma gebe es einen Mann, der seit 16 Jahren für ihn tätig sei. "Wir haben schon seit vielen Jahren osteuropäische Mitarbeiter, die immer wiederkommen." Es werde zunehmend schwieriger, deutsche Arbeitskräfte zu finden, die bereit seien, längere Zeit von zu Hause weg zu sein.

Ähnliches berichtet auch Howey, sein polnischer Vorarbeiter sage: Die jungen Leute in Polen wollen ebenso wenig wie die jungen Deutschen körperlich arbeiten. "Wir hatten im vergangenen Jahr einen tollen Trupp aus Rumänien. Aber in diesem Jahr habe ich schon zwölf Mann eingestellt, die aber bald wieder weg waren."

Und was verdient ein Schausteller, der Chef eines Fahrgeschäfts ist oder eines Essstands? Robrahn will nicht sagen, was er selber verdient. Was seine Kollegen einnehmen, weiß er nicht. Konkrete Zahlen nennt zwar auch Karussell-Chef Howey nicht, aber er umschreibt es hanseatisch:

Ich nage noch nicht am Hungertuch. Ich sage immer, 20 Bötchen haben mich 39 Jahre über Wasser gehalten, und ich hatte immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Manfred Howey, Familienkarussell "Happy Sailor"

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  • Alexander Drechsel Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, 9. Oktober 2017, 8:20 Uhr