"Fahrlässig": Kriminologe kritisiert tödlichen Bremer Polizeieinsatz

Drei Polizei-Experten kritisieren das Verhalten der Polizei bei dem tödlichen Einsatz in Bremen-Gröpelingen. Die Polizisten bekommen allerdings auch Rückendeckung.

Eine Polizistin steht mit dem Rücken zur Kamera. Vor ihr ist ein Tatort abgesperrt.
Haben sich die Polizisten bei dem Einsatz am vergangenen Donnerstag in Bremen-Gröpelingen richtig verhalten? Über diese Frage streiten die Experten. (Archivbild) Bild: DPA | Sina Schuldt

Der Kriminologe Thomas Feltes kritisiert die Art und Weise, wie die Polizisten den Einsatz in Bremen-Gröpelingen geführt haben, bei dem am vergangenen Donnerstag ein 54-jähriger offenbar psychisch kranker Mann tödlich verletzt wurde. * Der Mann war zuvor mit einem Messer in der Hand auf einen Polizisten zugelaufen, der daraufhin auf ihn schoss. Laut Feltes zeigt der Verlauf des Teils des Einsatzes, der auf Video festgehalten wurde, dass die Beamten den Einsatz fahrlässig angegangen seien. "Ich bin entrüstet", sagte Feltes im Gespräch mit buten un binnen.

"Wenn der Verdacht bestand, dass der Mann psychisch krank war, hätte man nicht zwei uniformierte Beamte dorthin schicken dürfen", sagt Feltes. Laut Staatsanwaltschaft waren zunächst die zwei Beamten in Uniform vor Ort, die dann Polizisten in Zivil zur Verstärkung gerufen hätten. In den Augen von Feltes hätten die Beamten in Uniform aber gar nicht vor Ort sein dürfen.

In den vergangenen Jahren musste wir feststellen, dass immer mehr Menschen mit psychischen Problemen unter denen sind, die bei Polizeieinsätzen getötet werden. Zuletzt waren es etwa acht von zehn.

Der Kriminologe Thomas Feltes steht im Studio der TV-Sendung "Maischberger".
Thomas Feltes, Kriminologe

Laut Marc Bohn, dem Vorstand der Vermietungsgesellschaft Espabau, sollte dem Mieter gekündigt werden. Eine Räumung sei nicht geplant gewesen. Bohn sagt, dass seinem Unternehmen bekannt war, dass der Mann unter Betreuung stand. Der Betreuer sei informiert worden, warum er nicht kam, kann er nicht sagen. Die beiden Espabau-Mitarbeiter seien vor Ort gewesen, da Wasser aus der Wohnung in den Keller geflossen sei. "Weil wir wussten, dass das kein einfacher Mieter ist, haben wir die Polizei dazu geholt", sagt Bohn.

"Polizei hätte komplett anders handeln müssen"

"Es klingt extrem, aber das wäre ein Einsatz für das SEK gewesen. Die hätten sich zumindest im Hintergrund aufhalten müssen", sagt Feltes. SEK-Beamte seien für Einsätze ausgebildet, in denen mit massiver Gewalt gerechnet werden muss – Streifenpolizisten nicht. In jedem Fall hätte ein Psychologe oder speziell geschulter Beamte den Einsatz führen müssen. Aus der Vergangenheit müsse die Polizei eigentlich wissen, dass Einsätze mit psychisch Kranken sehr häufig eskalieren. "Das sehen wir immer wieder", sagt Feltes.

Eine Einschätzung, die auch Martin Thüne teilt. Der Polizeiwissenschaftler gibt Seminare zum polizeilichen Umgang mit psychisch gestörten Menschen. "Bei Menschen in akuten psychiatrischen Krisen muss die Polizei komplett anders handeln als auf dem Video zu sehen ist." Diese Personen hätten eine andere Reizwahrnehmung, seien in einem Ausnahmezustand und fühlten sich sowieso schon bedroht oder verfolgt. Darum sei es wichtig, einen extrem großen Abstand zu halten, die Person nicht anzuschreien oder zu bedrohen. Je weniger Reize desto besser. Thüne betont, dass er den Beamten vor Ort keinen Vorwurf machen will. Er sieht aber "Optimierungsbedarf" in der Aus- und Fortbildung.

Auch im weiteren Verlauf erkennt sein Kollege Feltes Fehler bei der Einsatzführung. "Wieso sollte der Mann auf einer Wache psychologisch untersucht werden?" Er hätte zu einer psychologischen Ambulanz oder in eine entsprechende Klinik gebracht werden müssen, das wäre in solchen Fällen das richtige Vorgehen.

Auch der Bremer Rechtsanwalt Helmut Pollähne kritisiert, dass der Mann für eine Untersuchung auf eine Polizeiwache gebracht werden sollte. Einer von Pollähnes Schwerpunkten ist die Psychiatrie, außerdem ist er Honorarprofessor für Strafrecht an der Uni Bremen. Er sagt, dass die Polizei zwar Sofortmaßnahmen ergreifen könne, wenn jemand psychisch auffällig wird und eine Fremd- oder Eigengefährdung bestehe. Das ergebe nach den ihm vorliegenden Erkenntnissen aber keinen Sinn, da es offenbar schon bekannt gewesen sei, dass er psychisch krank ist.

Es gab keine rechtliche Grundlage den Mann mitzunehmen. Der Betreuer hätte eingeschaltet werden müssen.

Helmut Pollähne, Honorarprofessor für Strafrecht an der Uni Bremen, schaut in die Kamera.
Helmut Pollähne, Rechtsanwalt und Honorarprofessor für Strafrecht an der Uni Bremen

Zu guter Letzt war es laut Feltes auch ein Fehler gewesen, Pfefferspray gegen einen Mann mit psychischen Problemen einzusetzen. Denn es sei bekannt, dass Pfefferspray bei psychisch kranken Menschen nur eingeschränkt oder gegebenenfalls auch gar nicht wirke, dafür aber die Aggressivität deutlich erhöhe.

"Streifenpolizisten sind für kritische Einsätze ausgebildet"

Der Professor für Rechtspsychologie an der Uni Bremen, Dietmar Heubrock, sieht das anders. Heubrock hat langjährige Erfahrung mit kritischen Polizei-Einsätzen, wie etwa Geiselnahmen. Außerdem arbeitet er in der Polizei-Ausbildung und hat Deeskalationstrainings mitentwickelt. Er kann nach der Ansicht des Videos keine Fehler bei den Beamten erkennen. "Jeder Streifenpolizist ist für solche kritischen Einsätze ausgebildet und das müssen sie auch sein", sagt Heubrock. In der Praxis sei es nicht möglich zu jedem kritischen Einsatz ein speziell geschulten Fachmann hinzuzuholen.

Das ist nicht im Sinne der Sache. Streifenpolizisten müssen kritische Einsäzte bewältigen können. Theoretisch kann jeder x-beliebige Einsatz eskalieren. Darauf werden die Polizisten in der Ausbildung vorbereitet.

Rechtspsychologe Dietmar Heubrock gibt ein Interview
Dietmar Heubrock, Professor für Rechtspsychologie Uni Bremen

Nach Heubrocks Ansicht hätte die Situation auch ebenso eskalieren können, wenn die Beamten nicht versucht hätten, den Mann zu einer Wache zu bringen. Außerdem erkennt der Psychologe auf dem Video einige Anzeichen dafür, dass die Beamten sehr deeskalierend vorgegangen seien. "Die uniformierten Beamten hatten keine Mütze auf, sie sind zurückgewichen und haben angeboten, ihre Waffen niederzulegen, wenn der Mann sein Messer ablegt."

Die Bremer Innenbehörde will sich auf Nachfrage von buten un binnen nicht zu Details des Einsatzablaufs äußern. Sie begründet das mit den laufenden Ermittlungen des Referats Interne Ermittlungen. Zur Ausbildung der Bremer Polizisten und Polizistinnen teilt die Sprecherin der Behörde, Rose Gerdts-Schiffler, mit, dass der Umgang mit psychisch kranken Menschen während der Ausbildung der Polizeianwärter in mehreren Semestern im Lehrplan fest verankert sei. Weitere Angaben seien erst nach Abschluss der Ermittlungen möglich. Gerdts-Schiffler begründet das auch damit, dass in der Öffentlichkeit immer ein Bezug zu dem im Internet kursierenden Video hergestellt werden würde, ohne dass der gesamte Einsatz bewertet werden könne.

* Wir hatten vorher geschrieben: "Der Mann hatte zuvor einen der Beamten mit einem Messer attackiert [...]." Wir haben den Satz umformuliert.

Toter bei Polizei-Einsatz: Handy-Video zeigt Schüsse der Polizei

Video vom 19. Juni 2020
Einweghandschuhe liegen neben einer Plastikverpackung auf Kopfsteinpflaster.
Bild: DPA | Sina Schuldt

Autoren

  • Milan Jaeger
  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 23. Juni 2020, 23:30 Uhr