Kolumne

Liebe unbekannte Bremerin, unser Kolumnist bittet um Entschuldigung

Sie hatte wegen Corona Angst um ihre Angehörigen und Jochen Grabler hat ihr nur fünf Minuten zugehört – dabei hat er mit anderen viel zu viel Zeit verschwendet.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Bild: Radio Bremen

Die freundliche ältere Dame geht mir nicht aus dem Kopf. Leider hat sie ihren Namen nicht gesagt, leider kann ich sie nicht direkt ansprechen. Ein Anruf Anfang September: Sie kommt aus Bremen, sagt sie. Ihre Tochter ist Krankenschwester, ihre Enkelin Ärztin im Krankenhaus, irgendwo in Süddeutschland. "Die sind so weit weg. Ich habe so 'ne Angst um sie. Wenn das jetzt wieder losgeht, was wird dann?"

"Versteh ich", sag ich, "aber den Sommer über lief es doch gar nicht so schlecht. Und viele Leute verhalten sich vernünftig." – "Das stimmt", sie macht eine längere Pause, "aber diese Demonstrationen, das sind doch auch viele Leute. Ich mach mir solche Sorgen!"

Und dann versuche ich, die Frau zu beruhigen: Dass wir in Deutschland doch vergleichsweise gut durchgekommen sind und dass diese Demonstranten doch nur eine kleine Minderheit sind, die sind halt nur so laut... sowas hab ich gesagt. Sie ist gar nicht mehr drauf eingegangen.

Herzlichen Dank, dass Sie mir zugehört haben. Ich musste das irgendwo mal loswerden. Ich mach mir wirklich große Sorgen!

Unbekannte Bremerin am Telefon

Liebe freundliche ältere Bremerin mit Tochter und Enkelin in Süddeutschland, ich hoffe, Sie lesen das hier. Ich möchte um Entschuldigung bitten! Sie hatten komplett recht mit Ihrer Sorge, und ich hab Sie in Ihrer Not mit Zeugs zugetextet, an das ich in Wahrheit selbst nicht geglaubt habe. Auch nicht Anfang September, als noch für viele irgendwie alles gut war. Das war nicht anständig. Tut mir von Herzen Leid! Vor allem aber war es nicht anständig, dass wir gerade mal fünf Minuten geredet haben. Höchstens. Andere kriegen nämlich viel mehr Aufmerksamkeit.

"Er mag mich nicht, da kann man nichts machen"

Der Politiklehrer G. aus Hamburg beispielsweise. Dem der Tonfall einer Kolumne so gar nicht gefällt und mir mit windschief interpretierten Zitaten der verehrten Philosophin Hannah Arendt kommt. Es folgt ein seitenlanger Mailwechsel über die Frage, wo Polemik erlaubt ist, über den Begriff "Tatsachenwahrheiten" und so weiter und so fort. Hat nichts gebracht. Er findet, ich schreibe im Stil der Nazipropaganda, der Politiklehrer. Er mag mich nicht, da kann man nichts machen. 

Oder Herr B. aus Berlin. Der trotz sechsmaligem! Mailwechsel nebst Faktenchecks und allem Drum und Dran immer noch behauptet, es seien Kinder wegen der Masken gestorben. Die „WAHRHEIT“ käme schon noch ans Licht.

Oder Herr R. aus dem Bremer Gesundheitswesen, der schon vor Monaten mein Postfach zugemüllt hat mit allerlei kruden Behauptungen aus der Szene der Corona-Kritiker. Ich antworte natürlich. Mehrfach. Am Ende sind wir uns einig, dass wir uns nicht einig sind. Immerhin. Jetzt schickt mir Herr R. einen achtzehnseitigen Schriftsatz, in dem der Anwalt des Betreibers einer Berliner Karaokebar den Virologen Christian Drosten persönlich auf Schadensersatz wegen der lockdownbedingten Umsatzeinbußen verklagen will. Das "wichtige und brisante Dokument" wird bei den sogenannten "Querdenkern" gerade rumgereicht. Kann man sich nicht ausdenken!

Es nimmt kein Ende

Die Herren G., B.  und R. haben übrigens viele Freundinnen und Freunde, die ultimativ!!! und sofort!!! die abseitigste Berichterstattung verlangen, weil sonst ist unsereins kein Journalist!!! Und dann passiert, was immer passiert: Du nimmst ein Argument auseinander – zack, wechseln sie das Thema. Das entkräftest Du auch – zack, das nächste. Endlos! Fruchtlos!

Mit solcher Fanpost könnte ich nun den Rest meines aktiven Berufslebens verdödeln. Googeln Sie mal "Brandolinis Gesetz". Danach verbraucht es x-mal mehr Energie, Bullshit zu widerlegen als ihn einfach mal so in die Welt zu setzen. Kann ich bestätigen. Ist das angemessen? Auf der einen Seite fünf Minuten für echte Besorgnis – auf der anderen seitenlange zeitraubende Texte für die Tonne. Ist das gerecht? Eher nicht. Das ist eher bescheuert. Zeitverschwendung. Und respektlos obendrein.

Liebe freundliche ältere Bremerin! Ich hoffe, Sie können mir verzeihen. Das nächste Mal nehme ich mir mehr Zeit. Versprochen! Grüßen Sie bitte herzlich Ihre Tochter und Ihre Enkelin! Für mich sind das Heldinnen – wie all diejenigen, die jetzt ausbaden müssen, was in den vergangenen Monaten gründlich schief gegangen ist. Und was von Leuten wie G., B. und R. in die Grütze gequatscht wurde. Bleiben Sie gesund und tapfer!

Herr R. Aus Bremen hat übrigens selbstverständlich 'ne Antwort gekriegt. Dass er mich künftig bitte verschonen soll. Ich habe Besseres zu tun.

Trotz Verbots: "Querdenker" demonstrieren in Bremen

Video vom 5. Dezember 2020
Polizei-Einsatzwagen mit digitaler Demo-Verbot-Anzeige.
Polizei-Einsatzwagen mit Demo-Verbot-Anzeige. Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor