Fragen & Antworten

Bremer Eltern zweifeln Corona-Maßnahmen in Schulen an – zurecht?

Mindestens zwei Selbsttests pro Woche, dazu die Maskenpflicht im Unterricht: Einige Eltern finden, dass die Notbremse den Kindern zu viel abverlangt. Das sagen Fachleute dazu.

Grundschüler sitzen mit Schutzmasken im Schulunterricht (Symbolbild)
Müssen die Masken während des Unterrichts wirklich sein? Einige Eltern stellen das in Frage. Bild: DPA | Keystone/Ennio Leanza

Zwar hat das Oberverwaltungsgericht Bremen die Maskenpflicht an Grundschulen am Mittwoch vorläufig ausgesetzt. Den grundsätzlichen Sinn der Masken im Unterricht aber stellt das Gericht nicht infrage. Anders einige Eltern: Sie fürchten, dass die vielen Corona-Schutzmaßnahmen den Kindern eher schaden als nützen. Das zeigt sich auch in Zuschriften, die buten un binnen über Social-Media-Kanäle bekommt. Wir haben Experten mit den meist formulierten Ängsten der Eltern konfrontiert.

Können Kinder sachgemäß mit den Tests umgehen oder besteht womöglich ein Verletzungsrisiko?
Wenn man Kinder gut anleitet und ihnen zeigt, wie es geht, kommen sie sehr gut mit den Corona-Selbsttests zurecht, sagt Frank Forstreuter, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Bremen-Ost. Das gelte auch für die jungen Patientinnen und Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wie sich auch an der Schule des Klinikums immer wieder zeige: "Die kriegen das alle wunderbar hin, auch psychisch auffällige Grundschulkinder", so Forstreuter.

Annette Kemp, Sprecherin des Bildungsressorts, versichert, dass dem Ressort kein Fall bekannt sei, in dem sich ein Kind in Bremen bei einem Corona-Selbsttest in der Schule verletzt habe.
Schülerinnen führen vor Unterrichtsbeginn einen Corona-Selbsttest durch (Symbolbild)
Corona-Selbsttests sind für die meisten Schulkinder in Bremen längst Routine. Bild: DPA | Jörg Carstensen
Muten wir den Kindern mit den ständigen Coronatests psychisch nicht zu viel zu, traumatisieren sie vielleicht sogar?
Dass die Corona-Pandemie massive Auswirkungen auf die Psyche von Kindern hat, ist spätestens seit der Veröffentlichung des zweiten Teils der Copsy-Studie im Februar unstrittig. Auch die Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Bremen-Ost wird derzeit von sehr vielen Kindern und Jugendlichen mit großen seelischen Nöten aufgesucht, berichtet Frank Forstreuter, einer der beiden Leiter der Klinik. Die Corona-Schnelltests in den Schulen aber betrachtet Forstreuter noch als geringstes Übel in der Pandemie. Das gelte gerade für die einfachen, nasal zu verwendenden Tests, wie sie an Bremens Schulen eingesetzt werden: "Die sind für die Kinder unproblematisch", sagt der Kinderpsychiater.

Forstreuter räumt allerdings ein, dass die jeweils ersten Tests für viele Kinder schwierig seien, weil einige Jungen und Mädchen Angst hätten, dass es wehtun könne. "Aber die lernen dann schnell, dass es harmlos ist, tauschen sich ja auch mit anderen Kindern aus und sehen, dass das ganz normal ist."

Umso wichtiger, sei, dass möglichst alle Kinder mitmachen, findet Forstreuter. Das stärke das Gemeinschaftsgefühl. Aus demselben Grund möchte das Bremer Bildungsressort, dass möglichst viele Kinder die Coronatests in der Schule machen. In Ausnahmefällen könnten die Jungen und Mädchen aber auch zuhause einen Test machen, sagt Ressort-Sprecherin Annette Kemp.
Was passiert, wenn ein Kind trotz der Testpflicht keinen Coronatest macht?
Dann darf es nicht mit den anderen Kindern in der Schule unterrichtet werden. Allerdings könne die Schule trotz der Testpflicht kein Kind dazu zwingen, den Test zu machen, erklärt Bildungsressort-Sprecherin Annette Kemp. Daher würden Kinder, die sich nicht testen ließen, per Internet zuhause unterrichtet. Dies geschehe allerdings nur in Einzelfällen. Genaue Zahlen dazu lägen dem Ressort noch nicht vor, so Kemp.
Ein Schülerin führt einen Corona-Schnelltest durch (Symbolbild)
Corona-Selbsttests verlangen den Schülerinnen und Schülern Sorgfalt ab. Doch fast alle kämen damit wunderbar zurecht, sagt der Bremer Kinderpsychiater Frank Forstreuter. Bild: DPA | Sven Hoppe
Wie verhindere ich, dass positiv getestete Kinder stigmatisiert werden?
Corona sei mittlerweile ein weit verbreitetes Thema. Auch die meisten Kinder wüssten, dass es um ein gefährliches Virus geht, mit dem man sich anstecken kann, sagt Frank Forstreuter: "Aber mittlerweile ist auch allen klar, dass man nichts dafür kann, wenn man daran erkrankt."

Das Risiko einer Stigmatisierung nach einem positiven Test sei daher gering. "Das hat nichts Schmuddeliges. Ich glaube, das täte den anderen Kindern eher leid", vermutet der Kinderpsychiater. So habe er es bislang auch in entsprechenden Fällen unter den Patientinnen und Patienten der Kinderpsychiatrie erlebt.

Davon unberührt findet Forstreuter wichtig, dass Eltern ihren Kindern die Zusammenhänge in der Pandemie immer wieder erläutern. "Man kann ihnen zum Beispiel erklären, wieso es gut ist, wenn man mit den Tests jemanden findet, der infiziert ist – und dass ein Infizierter die anderen schützt, indem er sich in Quarantäne begibt."
Sind Selbsttests überhaupt zuverlässig?
"Die Selbsttests sind leider nicht so gut, wie man sich das wünschen würde", sagt der Kinderarzt Marco Heuerding, zugleich Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Bremen: "Diese Tests detektieren Patienten, die ohne Symptome sind, nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 bis 50 Prozent."

Anders gesagt: Ein Kind, das durch einen Selbsttest negativ getestet ist, kann trotzdem infektiös sein. "Die Tests gewinnen aber an Aussagekraft, wenn man wiederholt testet", erklärt Heudering. Umso wichtiger sei es, die Kinder möglichst häufig, zumindest zwei- bis dreimal wöchentlich zu testen.

Besser als bei symptomfreien Kindern sei es um die Zuverlässigkeit der Tests bei kranken Kindern bestellt, die allerdings ohnehin nicht in die Schule geschickt werden sollten, wie Heuerding betont. "Wenn Sie ein krankes Kind haben, das Husten, Schnupfen oder andere Infektsymptome hat, dann haben sie mit dem Test etwa eine 80prozentige Wahrscheinlichkeit, um einen mit Corona Infizierten zu detektieren", sagt Heuerding. Entscheidend für die Zuverlässigkeit der Tests sei die Symptomstärke, die Frage, wie hoch die Viruslast in den Sekreten und im Speichel der Kinder sei.
Warum muss eine Schulklasse, die negativ getestet wurde, während des Unterrichts eine Maske tragen?
Wegen der beschränkten Aussagekraft der Selbsttests, sagt Kinderarzt Marco Heuerding: "Wenn jemand einen negativen Schnelltest hat, dann zeigt das nur, dass er mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit als andere infektiös ist."
Man hört immer mal, dass Masken für Kinder gesundheitsschädigend seien, auch psychisch. Stimmt das?
"Kinder passen sich an neue Situationen und Kontexte sehr viel besser und schneller an als wir Erwachsenen", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Frank Forstreuter. Daher hätten sich die meisten Kinder längst an das Tragen von Masken gewöhnt, ohne einen Schaden davongetragen zu haben.

Allerdings hat die "Monatsschrift der Kinderheilkunde" kürzlich eine große Studie veröffentlicht, nach der relativ viele Kinder über Beeinträchtigungen durch Masken klagen. Dazu gehörten etwa Konzentrationsstörungen und Schwindelgefühle, berichtet Kinderarzt Marco Heuerding.

Daher sei es wichtig sicherzustellen, dass die Kinder die Masken in den Pausen und an der frischen Luft zwischendurch absetzen. "Dann ist das sicherlich auch für Grundschulkinder eine tolerable Geschichte", findet Heuerding. Daher stellten die allermeisten Kinderärztinnen und Kinderärzte Atteste nur für Kinder aus, die diese, etwa infolge einer geistigen Behinderung, nicht tragen könnten.

Davon unberührt findet Heuerding, dass die Schulen den Unterricht, wenn möglich, nach draußen verlegen sollten, wo Masken normalerweise unnötig seien. Er verweist auf einen Brief, den die Gesellschaft für Aerosolforschung kürzlich an die Bundesregierung geschickt hat. Danach finden Corona-Infektionen nahezu ausnahmslos in Innenräumen statt.

"Unterricht an der frischen Luft fände ich super. Da kann man viel mehr machen, und da ist die Wahrscheinlichkeit von Übertragungen sehr gering", sagt Heuerding dazu. An dem notwendigen Platz für Mathe-Unterricht im Freien mangele es in Bremens Parks und auf den Schulhöfen nicht.

Wie sicher sind die Corona-Selbsttests für Bremer Schüler?

Video vom 15. März 2021
Der Kinder-und Jugendarzt Marco Heuerding im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. April, 19.30 Uhr