Faxgeräte, Papierstapel und Computer: So arbeitet das Gesundheitsamt

Die Befunde aus den Laboren und Corona-Ambulanzen werden immer noch per Fax geschickt. Das soll sich bald ändern – ein Blick ins Bremer Gesundheitsamt.

Eine Büroangestellte sitzt vor einem Berg Akten.
Digitalisierung wird auf dem Bremer Gesundheitsamt noch kleingeschrieben. Bild: DPA | Christin Klose

In der Pandemie ist es wichtig, Zeit zu gewinnen. Je länger ein Corona-Infizierter aus dem Haus geht, andere Menschen trifft, desto mehr Personen kann er anstecken. Eine der wichtigsten Aufgaben im Wettlauf mit der Zeit in der Pandemie hat das Gesundheitsamt: Die infizierten Personen zu informieren und diejenigen, die Infizierte getroffen haben, nachzuverfolgen.

Wie genau funktioniert das? Und warum arbeitet das Gesundheitsamt immer noch mit viel Papier? Verliert man durch Fax, Brief und Papierstapel nicht wichtige Zeit? Um darauf Antworten zu finden, lohnt sich ein Blick ins Geschehen, ins Gesundheitsamt zu Papierstapeln, Computern, zu vielen Experten und zu den Scouts, die seit Anfang Mai in der Kontaktverfolgung arbeiten.

Wie arbeiten die Containment-Scouts?

Person sitzt am PC und telefoniert
Kevin Mahlstedt bei seiner Arbeit als Containment-Scout. Bild: Radio Bremen

Angekommen im Gesundheitsamt geht es über einen langen Flur mit vielen Türen in ein anderes Gebäude. Folke Becker, Leiter des Gesundheitsamts, zeigt den Weg von seinem Büro zu den Containtment-Scouts. Hinter einem großen grauen Vorhang sitzen fünf junge Mitarbeitende an für sie neu eingerichteten Arbeitsplätzen. Eigentlich ist der große Raum mit Blick ins Grüne ein Besprechungsraum, seit vier Wochen arbeiten dort zehn der 35 Bremer Containment-Scouts in zwei Schichten, immer in Fünfer-Teams.

Einer von ihnen ist Kevin Mahlstedt. Er sitzt vor Zetteln und Bildschirm – sein wichtigstes Arbeitsinstrument ist das Telefon. Er schreibt einen Namen, Geburtsdatum und Adresse auf einen Zettel. "Als nächstes würde ich dann die Kontaktperson anrufen und sie nach ihrer Berufstätigkeit befragen oder ob sie zum Beispiel eine vulnerable Einrichtung besucht, ein Krankenhaus, Pflegeheim oder Kita und dann erfrage ich auch zusätzlich, ob sie sich hat testen lassen, ob sie irgendwelche Symptome hat und wann sie zuletzt ihre mutmaßliche Kontaktperson getroffen hat", erzählt er.

Detektivarbeit vom Schreibtisch aus

Seine Hauptaufgabe ist es, die Kontaktpersonen von Corona-Infizierten zu informieren, manchmal auch zu ermitteln, wenn ein Infizierter nur den Ort nennt, an dem er war, aber nicht von allen Personen, die sich dort aufgehalten haben, den Namen weiß – ein bisschen Detektivarbeit vom Schreibtisch aus. Der 27-Jährige ist gelernter OP-Pfleger und studiert eigentlich Mediziningenieurwesen. Damit gehört er zu den Scouts mit medizinischer Vorerfahrung und arbeitet mit Papierakten und dem digitalen System im Gesundheitsamt.

Eine andere Gruppe der Scouts sitzt in der Alten Post in Bremen, hat dort keinen Zugriff auf das digitale System, arbeitet nur mit Papier. Zettel von Verdachtsfällen müssen händisch mit positiven Testergebnissen abgeglichen werden. Hat Bremen hier die Digitalisierung verschlafen?

Nein, so einfach ist das nicht, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts. Das Meldewesen im Gesundheitsbereich sei das Fax und Botenwesen, und zwar bundesweit. Dieses Verfahren sei nicht nur in Bremen so. "Behördenintern ist es möglich, per Mail zu kommunizieren. Da wir die Befunde aus externen Laboren bekommen, ist das Mailwesen dafür nicht vorgesehen. Es muss per Fax erfolgen oder eben auf dem Botenwege, nur dann werden datenschutzrechtliche Aspekte eingehalten", sagt er. Dem stimmt die Bremer Datenschutzbeauftragte Imke Sommer zu.

Medizinische Daten dürfen nicht einfach per Mail geschickt werden.

Landesdatenschutzbeauftragte Imke Sommer

Die Befunde kommen zwar in Papierform im Gesundheitsamt an, werden dann aber in eine digitale Plattform eingetragen. Neben den 35 Scouts sind 80 Mitarbeitende des Gesundheitsamtes damit beschäftigt, Corona-Infizierte und deren Kontaktpersonen zu informieren. Auf den ersten Blick erscheint der Ablauf kompliziert, auf den zweiten hat er gute Gründe.

Ein Test ist positiv - und dann?

Wenn jemand positiv auf Corona getestet wird oder auch bei einem begründeten Verdachtsfall, wird er als erstes angerufen, über den Befund informiert und in Quarantäne geschickt. Auch da werden schon die ersten Kontaktpersonen abgefragt. Nach dem Telefonat bekommt der oder die positiv Getestete noch einmal Post. Das ist zum einen die offizielle Quarantäne-Anordnung vom Ordnungsamt. Die muss, so steht es im Infektionsschutzgesetz, mit der Post kommen.

Das Gesundheitsamt schickt dann noch einen Fragebogen an die Infizierten, der ein zweites Mal abfragt, mit wem sie Kontakt hatten. Warum das Bremer Gesundheitsamt diesen doppelten Weg wählt, erklärt Bülent Brandes. Er ist Infekionsepidemiologe im Gesundheitsamt. "Wir haben gesehen, dass wenn die Menschen zu Hause in Ruhe überlegen, dann kommen doch mehr Kontaktpersonen zu Stande als man uns am Telefon gesagt hat. Bei dem ersten Anruf, wenn sie auch gesagt bekommen, dass sie positiv getestet wurden, sind sie zu sehr unter Stress und vergessen einige Angaben."

Kein Zeitverlust

Einige Zettel werden also durch die Hansestadt geschickt, wenn eine Person positiv auf das Corona-Virus getestet wird. Dadurch verliert das Amt aber keine Zeit, sagt Brandes. Denn auch die begründeten Verdachtsfälle und deren Kontaktpersonen werden sofort angerufen und in Quarantäne geschickt. "Die Verdachtsmeldungen von den Ärzten kommen nie zeitgleich mit den Ergebnissen, und das ist gut so, weil wir in der Zeit schon die Möglichkeit haben, die Maßnahmen einzuleiten", sagt er.

Ein Testergebnis aus dem Labor dauere ein bis zwei Tage, aber schon sobald eine begründete Verdachtsmeldung von den Ärzten komme, werden Kontaktpersonen ermittelt und nachverfolgt. "Das machen wir, wenn die Verdachtsmeldungen begründet sind", sagt Brandes. Wenn die Testergebnisse aus den Laboren kommen werden die mit den Verdachtsfällen gematcht – eine Aufgabe für die Scouts, denn die zwei Stapel müssen per Hand abgeglichen werden.

Der Grund für das viele Papier ist, dass es bei den Gesundheitsämtern im Moment noch keine sicheren digitalen Systeme für den Weg zwischen Labor, Gesundheitsamt, Ambulanzen und Arztpraxen gibt. Das soll sich in Bremen bald ändern, sagt Lukas Fuhrmann vom Gesundheitsressort.

Digitales System kommt im Juni

Seit mehreren Wochen habe die Digitalisierungsabteilung des Finanzressorts und das Gesundheitsressort die Entwicklung einer Digitalplattform hier in Bremen vorangetrieben. "Das Programm nennt sich Bremis und wird diesen Matching-Prozesse von Verdachtsmeldungen und Labormeldungen und vor allem auch den Datentransfer von Laboren, den Teststellen aber auch innerhalb des Gesundheitsamtes an das Robert-Koch-Institut verbessern", sagt Fuhrmann.

Das System Bremis ist kompatibel mit dem digitalen Melde- und Informationssystem Demis, das derzeit vom Robert-Koch-Institut (RKI) entwickelt wird. Damit würden die Abläufe im Gesundheitsamt vereinfacht und die externen Laborbefunde können digital ausgetauscht werden. Das soll die Arbeit der Mitarbeiter im Gesundheitsamt und der Containment-Scouts deutlich erleichtern, sagt Fuhrmann. "Im Endeffekt können wir mit Bremis genau diese Schritte digitalisieren, das heißt wir können auf das Fax als einzigen Übermittlungsweg oder den Boten verzichten und kriegen hier von vornherein nochmal digitale Datensätze geschaffen, die zu einer deutlichen Beschleunigung dieses ganzen Verfahrens beitragen werden."

Damit sei Bremen bundesweit ein Vorreiter in puncto Digitalisierung im Gesundheitsamt. Wenn es gut funktioniert, könnten andere Bundesländer das System übernehmen. Ein Schritt der, wie wir jetzt in der Pandemie sehen, aber lange überfällig war, sagt auch Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard: "Lange ist die Digitalisierung im öffentlichen Gesundheitsdienst vernachlässigt worden, jetzt schieben wir sie in Bremen verstärkt an." Die Berge von Faxen aus Arztpraxen und Laboren gehören dann wohl bald der Vergangenheit an.

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Autorin

  • Lieselotte Scheewe

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 29. Mai 2020, 8:40 Uhr