"Ich will nicht am Katzentisch sitzen": Bremer über digitale Barrieren

Für Menschen mit Behinderungen sind die Chancen durch die Digitalisierung groß. Kaum sichtbar sind die Hürden. Vier Bremerinnen und Bremer erzählen, wo sie stecken bleiben.

Eine Junge liest an einem Bildschirm mit sehr großer Schrift. Daneben sitzt eine Lehrerin, die ihm etwas erklärt.
Die Digitalisierung ermöglicht Menschen mit Behinderungen eine größere Teilhabe – doch es gibt noch Barrieren. (Symbolbild) Bild: DPA | Hendrik Schmidt

Spricht man von Digitalisierung, meinen viele deren Fortschritte, die Chancen. Dass nicht alle den gleichen Zugang zu den Möglichkeiten haben, bleibt oft verborgen. Auch Menschen mit Behinderungen erleben immer noch digitale Barrieren, sagt Joachim Steinbrück, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe behinderter Menschen e.V. (LAGS). Steinbrück will jetzt sogar ein Schlichtungsverfahren nach dem bremischen Behindertengleichstellungsgesetz gegen die Stadt einleiten, um die gesetzlichen Regelungen einzufordern, weil er eine deutliche Benachteiligung erlebe, sagte er buten un binnen. Er und drei weitere Menschen mit unterschiedlichen Handicaps erzählen, wo es für sie digital nicht weiter geht.

Hürden bei Behörden

Harald Kellner ist ein moderner Mensch, auch digital geht er mit der Zeit. Er nutzte schon früh, vor 24 Jahren, eine Sprach-Software. Die braucht er, weil er eine körperliche Schädigung von 100 Prozent hat. Wegen einer Spastik bewegen sich seine Arme unkontrolliert – das Tippen einer Tastatur ist nahezu unmöglich. Zwar hat der 56-Jährige auch eine Sprechstörung, "bei der Einarbeitung in die Sprachsoftware hat das relativ lange gedauert, und ich habe mich gefragt, was das wohl wird", erinnert er sich. Aber wenn er sich konzentriere, verstehe die Künstliche Intelligenz gut, was er sagt, und so ist der Computer ein wichtiger Kommunikationskanal.

Harald Kellner
Harald Kellner wünscht sich Online-Formulare statt Papier. Bild: Harald Kellner

Tatsächlich ist seine Arbeit zum Beispiel im Aufsichtsrat der Assistenzgenossenschaft nur mithilfe der Software möglich. "Längere Texte mache ich alle mit Spracherkennung", sagt er. Auch, wenn Digitalisierung für ihn nur ein "wichtiges Hilfsmittel, aber kein Ersatz für eine persönliche Kommunikation" ist, wünscht sich Kellner weitere digitale Fortschritte, vor allem bei Behörden. "Dass in der Verwaltung das Papier zugunsten von Online-Formularen verschwinden würde." Um sich zu authentifizieren schlägt er statt einer persönlichen Unterschrift biometrische Verfahren vor – zum Beispiel die Fingerabdruck-Erkennung.

Harald Kellner erhält Grundsicherung. Die Behörde fragt einmal jährlich die Vermögensverhältnisse ab. "Das ist immer papierbasiert", sagt Kellner. "Da will die Behörde wissen, ob ich reich geworden bin." Das Papierformular kann er mit der Hand nicht ausfüllen, erst kürzlich habe er sich anders beholfen: "Ich habe das in meinen wunderbar schnellen Rechner eingescannt, selbst digitalisiert und ausgefüllt. Und jetzt kommt die Authentifizierung – ich habe das mit der Maus unterschrieben." Das war am 12. Februar. Ob die Behörde das jetzt so durchwinkt, weiß er noch nicht.

  • Laut Finanzressort, das für die Anschaffung barrierefreier Zugänge zuständig ist, wird der Antrag auf Grundsicherung mit einer Vorlesefunktion unterstützt, allerdings gebe es noch keine Hilfe beim Ausfüllen. Federführend für alle Bundesländer arbeite Nordrhein-Westfalen an einer Online-Lösung und plant, bis Ende 2021 auch eine Nutzungsmöglichkeit für alle Länder zu schaffen.

Nicht lesbare Studien-Unterlagen

Nicole Francke
Nicole Francke wünscht sich, dass es keine Barrieren mehr gibt – online und offline. Bild: Nicole Francke

Nicole Francke studiert Klinische Psychologie in Osnabrück. Wie aktuell alle Studierenden arbeitet sie von zu Hause aus, sie in Delmenhorst. Weil die 24-Jährige blind ist, gehen die Herausforderungen über die alltäglichen hinaus. "Grundsätzlich kann ich online gut studieren", sagt sie. Das Videokonferenz-Tool sei sehr gut bedienbar. "Was aber immer noch ein Thema ist", so Francke weiter, "sind barrierefreie Materialien". So nutzten Dozentinnen und Dozenten häufig noch Folien und PDF-Formulare, die eine Software nicht erkennt und ihr nicht vorlesen kann. Das müssen Assistenzen für die junge Studierende aufbereiten. "Das geht von einfachen Folien über Statistikunterlagen mit Formeln bis hin zu Output-Tabellen – alles was halt grafisch ist."

Ich will nicht jedes Mal hinterher eine Mail schreiben, die Lage erklären, weil ich nicht immer meine Lebensgeschichte erzählen möchte, dass ich blind bin – für mich ist das oft unangenehm.

Nicole Francke, Psychologie-Studentin

Auch in der Kommunikation mit den Dozierenden gibt es online Hürden. In einem echten Hörsaal könnten Lehrkräfte von sich aus auf Menschen mit Einschränkungen achten, sie fragten auch immer wieder mal nach, ob alles verstehbar ist. Online wüssten die Lehrenden aber nicht, wer genau zuhört und zusieht. Offene Fragen stelle sie dann häufig nicht mehr: "Ich will nicht jedes Mal hinterher eine Mail schreiben, die Lage erklären, weil ich nicht immer meine Lebensgeschichte erzählen möchte, dass ich blind bin – für mich ist das oft unangenehm."

Auch in den sozialen Netzwerken stößt Nicole Francke auf Barrieren. Dabei ist sie mit ihren 24 Jahren eigentlich die Zielgruppe für die Foto-Plattform Instagram. "Ich würde es schon mehr nutzen, wenn die Bilder auch vernünftig beschrieben werden", sagt sie. Zwar würden ihr Texte angezeigt, "aber dann steht da 'Schuhe, Brille, Glas' – wo ich denke: 'Wozu? Das nützt überhaupt gar nix'." Sie wolle eher die Dynamik verstehen. "Mich interessiert nicht, ob die Menschen auf dem Bild groß oder klein sind, oder welche Klamotten sie anhaben. Mich interessiert eher die Interpretation dieses Bildes. Die Körpersprache, die Mimik. Also: Was sagt das Bild aus?" Sie nutzt deshalb eher Twitter, wo das geschriebene Wort im Mittelpunkt steht.

[Nicole Francke wünscht sich] dass online und offline alles gleichberechtigt möglich ist, barrierefrei und benutzerfreundlich.

Nicole Francke, Psychologie-Studentin Delmenhorst

Francke profitiert insgesamt sehr von der Digitalisierung, wie sie sagt. Menschen mit Behinderungen könnten mehr teilhaben – in Corona-Zeiten würde dies auch ausgebaut. Einen Fehler dürfe man dabei aber nicht machen: Weil online vieles barrierefrei zugänglich werde, dieses als grundsätzliche Lösung zu betrachten. "Dann könnten Menschen mit Behinderungen langfristig ausgeschlossen werden, weil man sagt: 'Wenn Du nicht kommen kannst, nimm' doch online teil!'" Was sie sich am meisten wünscht? "Dass online und offline alles gleichberechtigt möglich ist, barrierefrei und benutzerfreundlich. Dass man nirgends hinterherlaufen muss, fragen muss, Literatur aufarbeiten lassen muss. So, wie andere Menschen auch damit arbeiten."

Chancen für Hörgeschädigte – zu teuer?

Screenshot einer Videokonferenz mit zwei Teilnehmern
Mithilfe einer Sprachsoftware übersetzt das Video-Tool die gesprochene Sprache in Schriftsprache für das Interview mit Patrick Hennings. Bild: Birgit Reichardt

"Für uns als Hörgeschädigte, ganz klar, gibt es auch Chancen", sagt Patrick Hennings über die Digitalisierung. Für den Bremer ist das Smartphone eine Bereicherung, weil es mithilfe von Apps gesprochene Sprache übersetzen kann – in das geschriebene Wort. Der 58-Jährige ist medizinisch taub, wie er sagt, spricht aber fast so deutlich wie ein Mensch ohne Schädigung, dank intensiver logopädischer Förderung und moderner Hörgeräte. Problematisch findet er es, dass viele auch öffentliche Stellen Sprach-Apps nicht einsetzen, weil sie noch nicht gut genug arbeiten – die Künstliche Intelligenz in Sprachcomputern aber erst mit der Zeit besser werde, weil sie lernen muss. Ein Dilemma. Im Vergleich zu den USA hinke Deutschland hinterher – zehn Jahre, schätzt Hennings. Und deshalb gebe es aktuell viele "erschreckend schlechte Apps", die nur unzureichend und nicht immer verständlich übersetzten.

Was ihm außerdem fehlt ist Zugang zu allen Medien. Alle Filme zu untertiteln, sei wahnsinnig teuer, genauso wie Gebärdendolmetscherinnen und -dolmetscher. Für Hörgeschädigte gebe es auch deshalb noch viele Hindernisse. Technik sei längst vorhanden. Gesprochene Texte könnten während eines Theaterstücks oder im Kino an die Decke projiziert werden. "Es wäre toll, wenn das grundsätzlich angeboten werden würde". Zwar gebe es auch dafür Apps, allerdings nur für ausgewählte Filme.

Ich sage immer, man muss es wollen – ich meine politisch, wenn die Politik es will, dann klappt es.

Patrick Hennings, ehemaliger Postinspektor und Frührentner

Patrick Hennings sieht in der Politik Widerstände, wie er sagt. Und er glaubt, das liegt an den Kosten. Um die vorhandenen Apps auch nutzen zu können, müsste Deutschland sein Netz auch besser ausbauen, so Hennings. W-Lan sollte es überall geben, ausreichend schnelles Internet: "5G wäre ein enormer Fortschritt", meint er mit Blick auf die Bildungschancen und Inklusion: "Wenn in Zukunft alle öffentliche Räume ein ähnlich schnelles Netz hätten, könnten alle Kinder mit Hörschädigung auch Regelschulen besuchen", glaubt er.

Insgesamt sind die Barrieren für Hörgeschädigte laut Hennings trotz zunehmender Digitalisierung noch gewaltig. Das gelte auch für digitale Hörgeräte mit KI; die wirklich guten könnten sich nur wenige leisten. Er sagt: "Ich habe meine Geräte mit Kredit gekauft, für 6.000 Euro, 1.400 legte der Staat dazu." Das investierte er, damit ein ausreichendes Sprachverständnis, nicht nur ausreichende Lautstärke, erreicht wird, sonst wäre er komplett taub.

"Diskriminierend": Sehbehindert in der Videokonferenz

Ein Porträtfoto von dem Blinden Joachim Steinbrück
Joachim Steinbrück will ein Schlichtungsverfahren, damit die Teilnahme an Videokonferenzen endlich barrierefrei ist. Bild: Joachim Steinbrück

Joachim Steinbrück ist ehemaliger Behindertenbeauftragter des Landes Bremen, seit Juni vergangenen Jahres arbeitet er ehrenamtlich als Vorsitzender der LAGS. Seit 1987 nutzt er als nicht sehender Mensch einen Computer, damals habe ihm das ungeahnte Möglichkeiten und mehr Teilhabe eröffnet. Doch im Jahr 2021 sieht er Menschen mit Behinderungen immer noch ausgegrenzt. So habe er es bei Videokonferenzen, wie in der Sozialdeputation, häufig erlebt, dass er sich nicht einwählen konnte, weil die verwendete Software nicht barrierefrei war. Er wurde per Telefon zugeschaltet, da sei er für die Sitzungsleitung aber unsichtbar. "Ich kann mich nur zu Wort melden, wenn ich da reingrätsche." Mit gerechter Teilhabe hätte das nichts zu tun, sagt Steinbrück: "Ich will nicht am Katzentisch sitzen."

Dies ist auf Dauer – offen gesagt – nervig und diskriminierend, zumal die Barrierefreiheit von IT-Anwendungen für staatliche Stellen gesetzlich vorgeschrieben ist.

Joachim Steinbrück, Vorsitzender LAGS

Nachdem er sich beim Ressort beschwerte, besserte dies nach: "Bei den Gremien, die von der Sozialsenatorin organisiert werden, kommt inzwischen ein barriereärmeres Videokonferenzsystem zum Einsatz." Aber dennoch: Vor Sitzungen anderer Ressorts müsse er immer noch nachfragen, welche Software zum Einsatz kommt und ob sie barrierefrei ist. "Dies ist auf Dauer – offen gesagt – nervig und diskriminierend, zumal die Barrierefreiheit von IT-Anwendungen für staatliche Stellen gesetzlich vorgeschrieben ist."

  • Das Finanzressort bestätigte auf Anfrage von buten un binnen, dass in der Regel nicht barrierefreie Systeme eingesetzt werden. In einem Pilotprojekt würde aktuell eine Software erprobt, "die neben einer Videokonferenzlösung weitere Funktionen für eine digital unterstützte Zusammenarbeit bietet", teilte die Behörde mit. Ab frühestens April solle die Software generell zur Verfügung stehen.

Joachim Steinbrück plant, das Schlichtungsverfahren auf den Weg zu bringen, um zeitnah eine einvernehmliche Lösung zu finden.

Wie digital sind Bremer Behörden?

Video vom 11. März 2021
Ein Finger, welches auf ein Tablet Display zeigt, wo Bremen steht.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. März 2021, 19:30 Uhr