Kolumne

Willkommen auf dem Corona-Basar!

Radio Bremen-Regionalchef Frank Schulte sieht einen neuen Wettbewerb unter deutschen Landespolitikern: Wer lockert Corona-Regeln schneller und umfangreicher?

Ein Konterfei von Frank Schulte, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.

Schleswig-Holstein kippt die 800-Quadratmeter-Beschränkung im Einzelhandel, Sachsen-Anhalt lockert die Kontaktbeschränkungen, ebenso wie das Saarland. Auch Bremen hat bereits angekündigt, Besuche in Alten- und Pflegeheimen wieder zu ermöglichen. Und dazwischen ruft der ein oder andere Spitzenpolitiker vorzugsweise aus Bayern oder NRW immer wieder, die Bundesliga möge doch bitte wieder spielen. Willkommen auf dem Corona-Basar! Ich warte nur darauf, dass Bremerhaven öffentlich ankündigt, aufgrund des Infektionsgeschehens einen anderen Weg einschlagen zu wollen als Bremen.

Die Maßnahmen senden falsche Signale

Es wird immer schwieriger, zu begründen, warum die eine Maßnahme noch greifen soll, die andere aber nicht. Das versteht doch langsam kein Mensch mehr. Immer häufiger übernehmen schon jetzt die Gerichte das Kommando. Und in der Bevölkerung kommt an: Alles nicht so schlimm, wir haben das Heftigste hinter uns. Verlassen Sie sich aber bitte nur auf dieses: Das Virus ist und bleibt gefährlich. Es spricht sehr vieles dafür, dass wir alle miteinander sehr erfolgreich waren, dieses Virus zu bekämpfen. Nur deshalb sind die Todeszahlen vergleichsweise gering, nur deshalb stehen unsere Krankenhäuser nicht vor dem Kollaps. Ich muss nicht auf die heiße Herdplatte fassen, um hinterher sagen zu können: Oh ja, ist tatsächlich heiß.

Lockerungen nur im Zusammehang mit dem Infektionsgeschehen

Bremens Bürgermeister wurde in den vergangenen Wochen nicht müde zu betonen, erst komme der Gesundheitsschutz. Lockerungen werde es nur mit Augenmaß und unter klarer Analyse des Infektionsgeschehens geben. Genau da hat sein Gesundheitsressort aber gerade erst gesagt, das sei "beobachtungswürdig, aber nicht besorgniserregend". Es ist ein Dilemma: Das stadtbremische Infektionsgeschehen gibt weitere Lockerungen momentan nicht zwingend her, aber wenn die ganze Republik aus dem Lockdown spurtet, kann Bremen nicht mitten auf der Strecke stehen bleiben. Und natürlich dürften sich auch im Rathaus die Lobbyverbände die Klinke in die frisch desinfizierte Hand geben. Die machen ordentlich Druck. Was das bedeutet? Ist doch klar: Jetzt kommt es wieder auf uns an.

Das Abstand halten in einer Stadt wie Bremen ist schwierig

Naja, werden Sie sagen, es kam doch schon die ganze Zeit auf uns an. Richtig. Aber jetzt nochmal ein bisschen mehr. Wir alle sind zunehmend genervt. Sie versuchen sicherlich auch in einem Supermarkt, in dem sich Menschen dicht drängen, Abstand zu halten. Aber da können sie noch so ambitioniert sein, es ist richtig schwierig. Und überhaupt: Bremen ist ein sehr dicht besiedelter Ballungsraum, hier kann man sich nicht so gut aus dem Weg gehen wie in Mecklenburg-Vorpommern. Abgesehen davon, dass sich immer mehr Menschen auch gar nicht mehr aus dem Weg gehen wollen. Sie lechzen nach Nähe und Begegnung. Das alles stimmt. Aber umso mehr: Jetzt dran bleiben!

Das Verhalten jedes Einzelnen ist gefragt

Immer mehr Einschränkungen werden fallen, da kommt es letztlich auf den Dreiklang an aus Abstand halten, Maske auf und Hände waschen. Jetzt muss jeder persönlich für sich und andere noch mehr Verantwortung übernehmen. Wo gehe ich hin? Welche Orte meide ich? Das werden sehr persönliche Entscheidungen, denn Sie werden immer mehr Möglichkeiten haben, Dinge zu tun, die in den vergangenen Wochen nicht möglich waren. Und dann zu verzichten und bewusst etwas nicht zu tun, obwohl es möglich ist, das ist ordentlich schwierig. Ich drücke Ihnen und uns die Daumen.

Mehr dazu:

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Frank Schulte

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Mai 2020, 19:30 Uhr