Interview

So nutzen rechte Verschwörungstheoretiker die Angst vor Corona

Mehr als ein Jahr lang hat ein Team von Radio Bremen Verschwörungstheoretiker im Internet beobachtet. Die Corona-Krise gibt den rechten "Infokriegern" Rückenwind.

Video vom 11. Mai 2020
Zwei Anzeigebilder auf der Internetplattform Youtube zeigen Anit-Corona Inhalte.

Es ist nur ein zehntausendstel Millimeter groß. Und doch hat das Corona-Virus unser Leben massiv verändert – nicht nur unmittelbar durch Kontaktsperren und Maskenpflicht. So verbreiten sich auch in den sozialen Netzwerken Propaganda und wilde Spekulationen zum Virus rasant.

Auch in Bremen gibt es Verschwörungstheoretiker, berichtet Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). Sie seien auf der Straße – etwa am Wochenende bei mehreren Demos – und im Internet aktiv. Welchem politischen Spektrum sie angehören, könne man noch nicht eindeutig zuordnen. Der Radio Bremen-Journalist Dennis Leiffels aber sagt: Vor allem rechte Meinungsmacher verbreiten Verschwörungstheorien und Propaganda in der Corona-Krise. Er hat zusammen mit fünf weiteren Kollegen anderthalb Jahre lang in der Szene recherchiert. Er spricht von einem digitalen Infokrieg gegen die Demokratien. Das Ergebnis der Recherche, die Dokumentation "Rabiat: Infokrieger – Die neuen rechten Medienmacher", läuft um 22:45 Uhr im Ersten.

Herr Leiffels, was ist gefährlicher: das Corona-Virus oder die Verschwörungstheorien, die gerade dazu entstehen?
Boah … (überlegt). Was gefährlicher ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Wir sehen auf jeden Fall gerade, dass die Verschwörungstheorien anfangen, die Gesellschaft zu vergiften. Und sie ploppen überall auf. Es sind Filterblasen entstanden, in denen Leute von einem unterschiedlichen Stand der Dinge ausgehen. Menschen, die längst in einer Parallelwelt leben. Fakten haben nicht mehr die Wucht, wie sie sie vielleicht früher mal hatten. Jeder reimt sich so ein bisschen seine eigene Wahrheit zusammen.
Sie sagen, wir befinden uns in einem "Infokrieg". Wer kämpft da gegen wen?
Infokrieg, das ist eine Strategie der Altright-Bewegung aus den USA. Dort haben sich Rechte zusammengetan, die sagen: Wir möchten eine andere Art von Medien. Es ist eine mediale Gegenbewegung, deren Ziel es ist, die Demokratien zu stürzen. Darauf arbeiten sie hin. Da kämpfen Leute, die davon überzeugt sind, dass man eine rechte, eine patriotische, eine rechtspopulistische mediale Gegenbewegung schaffen sollte. Deren Gegner sind die klassische Medien.
Wie buten un binnen zum Beispiel?
Ja, genau. Aber auch klassische Zeitungen. Die rechten Kanäle sagen: Alle anderen berichten nicht die Wahrheit. Die klassischen Medien würden Sachen verschweigen. Sie seien Systemmedien und Marionetten des Systems. Sie seien von der Politik gesteuert. Für diese Behauptungen gibt es natürlich keine Belege. Aber das ist das Typische bei diesen Kanälen: Es geht ganz viel um Verschwörungstheorien. Es geht viel um rechte Propaganda.
Befinden wir uns am Anfang dieses Infokrieges oder schon mittendrin?
Wir sind schon mittendrin. Diese Strategien, die zum Beispiel auch von der sogenannten Identitären Bewegung propagiert werden, gibt es schon lange. Das ist ein Phänomen, das wir schon seit Jahren beobachten. Und wir merken gerade, welche Auswirkungen das hat, wie Gesellschaften langsam vergiftet werden. Und jetzt in der Krise sehen wir, wie weit verbreitet das Ganze schon ist. Wir haben 22 Kanäle analysiert. Die kommen insgesamt auf 383 Millionen Abrufe allein bei Youtube. Das heißt: Wir reden hier nicht mehr von einer kleinen Bewegung – etwas, was man vielleicht vor ein paar Jahren noch verniedlicht hat. Sondern es gibt sehr viele rechtspopulistische Kanäle auf Youtube und auf Twitter. Es gibt Telegram-Kanäle, die eine enorme Reichweite haben und die von vielen Leuten konsumiert werden.
Wer hat an der Stelle versagt?
In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit und dementsprechend kann man auch sagen, was man möchte. Vorausgesetzt natürlich, es ist nicht gesetzlich verboten. Dadurch, dass jeder seinen eigenen Kanal aufmachen kann – zum Beispiel bei Youtube – kann eben auch jeder senden. Ich glaube, das ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Unsere Demokratien in Europa sind dadurch bedroht. Es geht nicht darum, Leute mundtot zu machen oder dass man nicht seine Meinung sagen darf. Aber man muss aufklären darüber: Was sind das für Kanäle? Wer steckt dahinter? Wie interagieren die? Und welche Verantwortung haben die sozialen Plattformen?
Worauf wollen diese rechten Meinungsmacher eigentlich hinaus?
Das Ziel von diesen Bewegungen ist, die Regierungen, die es gibt, zu stürzen. Demokratien zu vergiften. Wir waren fast zwei Jahre in diesen Filterblasen unterwegs. Wir haben gesehen, wie die klassischen demokratischen Parteien alle gehasst werden. Die einzige Alternative sei die Alternative für Deutschland, die AfD. Und das ist das Bild, was dort die ganze Zeit gesponnen wird. Das ist eine sehr extreme Schwarz-Weiß-Sicht. Die rechten Medienmacher zeichnen ein sehr düsteres Bild von Deutschland. Es geht darum, den Leuten Angst zu machen. Und es gibt simple Antworten auf komplizierte Fragen.
Ist das der Grund, warum die rechten Medienmacher so erfolgreich sind?
Nicht nur, aber das ist auch ein Grund. Wir Menschen ticken so, dass wir uns die Kanäle heraussuchen, die unserer Meinung entsprechen. Erfolgreich sind die rechten Medienmacher, weil sie immer nur diese eine Meinung wiedergeben. Es fehlen da auch mal Berichte, die das Gegenteil behaupten. Es fehlt eine Korrektur. Die Welt dieser Menschen wird immer einseitiger.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von ARD Mediathek anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Mehr zu diesem Thema:

Autor

  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Mai 2020, 19:30 Uhr