Cinema Ostertor wird 50: "Mehr als Opas Konsumenten-Kino"

Diese Neueröffnung ist gegen den Trend der 60er Jahre, als immer mehr Kinos schließen müssen. Heute ist das Bremer Cinema das älteste Programmkino Deutschlands.

Kinowerbung nachts am Cinema Ostertor für den Film: Zwei Ritter zusammen

Weil das Fernsehen zunehmend für Konkurrenz sorgt, werden viele Lichtspielhäuser in kleine Schachtelkinos aufgeteilt oder schließen gleich ganz. Aber in Bremen machen die Kammer-Lichtspiele am Ostertorsteinweg unter neuem Namen wieder auf. Eine Gruppe filminteressierter junger Leute fand sich am 7. November 1969 zu einem Experiment zusammen. Einer der Gründer ist Gert Settje – linker Sozialdemokrat und Geschäftsführer des legendären Musiklokals "Lila Eule". Zusammen mit sechs Gleichgesinnten – Juristen, Künstlern, Kaufleuten – übernimmt er das traditionsreiche Kino am Ostertorsteinweg und wandelt es in das "Cinema" um.

Wir sind der Meinung, dass der Film tatsächlich mehr ist als nur Opas Konsumenten-Kino.

Gert Settje, Cinema-Gründer

Während in anderen Kinos vor allem seichte Komödien, Sexfilmchen, Karl-May-Verfilmungen und Hollywood-Produktionen der großen Filmstudios laufen, zeigt das Cinema europäische Autorenfilme und experimentelle Streifen. Anspruchsvoll und politisch engagiert soll das Programm sein – ein Novum in der bundesdeutschen Kinolandschaft. Zur Eröffnung läuft "Die Chronik der Anna Magdalena Bach" – ein Film, der vor allem aus Musikfragmenten besteht. "Eine Handlung ist nicht erkennbar", schreibt ein Kritiker.

Die Anfangsjahre sind schwierig. Manchmal sitzt nur eine Handvoll Leute in der Vorstellung – trotz der bewusst niedrigen Eintrittspreise von 3,50 Mark auf allen Plätzen. Das ist nur möglich, weil die Kinobetreibergruppe keinen Gewinn machen will. Mit dem Eintrittsgeld können sie zwar die Kosten decken, aber Gert Settje hat Zweifel, ob diese Rechnung auch in Zukunft aufgehen wird.

Anfangs ist die Skepsis groß

Straßenzug mit Schriftzug "Cinema"
134 Sitze, drei Vorstellungen am Tag und kein Popcorn: Das "Cinema" ist seiner Linie treu geblieben. Bild: Cinema Ostertor

Es gab viele Zweifel daran, ob das Anti-Kommerzkino auf Dauer funktionieren kann. Settje erinnert sich später: "Keiner hat uns länger als ein oder zwei Jahre gegeben." Doch als 1971 die Bremer Uni eröffnet wird, profitiert davon auch das "Cinema". Mit den Studenten kommt neues Publikum in die Stadt, das Interesse an Filmen abseits des Mainstreams wächst. Und das "Cinema" etabliert sich: Die Zuschauer loben die persönliche, viel nettere Atmosphäre und das andere Flair. Viele wollen auch solchen Kinos mit erlesenen Filmen eine Chance geben. Die seien teilweise wirklich besser als das, was mit Millionen Mark abgedreht wird, so schätzen es einige ein.

Das Cinema Ostertor gibt es noch immer. Inzwischen führen die Kinder von Gert Settje das Kino, das regelmäßig Auszeichnungen bekommt für sein Jahresfilmprogramm. Programmkinos gibt es mittlerweile viele in Deutschland, aber das "Cinema" in Bremen war das erste.

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Eine Filmrolle und eine Klappe
Bild: iStock

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Autorin

  • Birgit Sagemann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 7. November 2019, 6:20 Uhr