Fragen & Antworten

Bremer Steuerberater ersticken seit Corona langsam in Arbeit

Einige Gewerbetreibende suchen verzweifelt Steuerberater. Sie werden nicht überall angenommen. Denn die Berater sind überlastet. Schuld ist die Flut aus Coronahilfe-Anträgen.

Eine Frau, verborgen hinter Aktenstapeln, hält einen Telefonhörer in die Höhe.
Je länger die Corona-Pandemie dauert, desto massiver türmt sich in Bremens Steuerbüros die Arbeit auf (Symbolbild). Bild: Imago | imagebroker
Wieso beschert Corona den Steuerberatern so viel zusätzliche Arbeit?
Bereits seit März 2020, also seit dem ersten Lockdown, müssten viele Steuerberaterinnen und Steuerberater immer wieder Kurzarbeitergeld für Mandantinnen und Mandanten beantragen, sagt Ralf Heitkamp, Vorstandsvorsitzender des Steuerberaterverbands im Land Bremen. Diverse weitere staatliche Hilfen für Unternehmen seien seither nach und nach hinzu gekommen – und liefen ebenfalls über Steuerbüros. Dazu zählten insbesondere die Überbrückungshilfen I, II und III sowie die November- und Dezemberhilfen und neuerdings auch die Eigenkapitalhilfen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds des Bundes.

Zum Hintergrund erklärt der Präsident der Hanseatischen Steuerberaterkammer Bremen, Paul Thomas Koßmann, dass viele Menschen zu Beginn der Pandemie mit den damaligen Soforthilfen, die man eigenständig beantragen konnte, Missbrauch betrieben hätten. Um weiteren Betrügereien vorzubeugen, sei die Politik in der Folge umgeschwenkt. Seitdem könnten Unternehmen die meisten Coronahilfen nur noch über so genannte "prüfende Dritte" beantragen. Und diese seien üblicherweise Steuerberater.

Der Mehrarbeit durch die Flut aus Anträgen auf Coronahilfen zum Trotz müssten die Steuerberater dennoch weiterhin all jene Aufgaben bewerkstelligen, mit denen sie sich schon vor der Pandemie befasst haben: Lohnabrechnungen, Jahresabschlüsse, Finanzbuchhaltungen und Steuererklärungen.
Mann, Mitte/Ende 50, in blauem Anzug blickt für Portrait in Kamera
Ralf Heitkamp, Vorstandsvorsitzender des Steuerberaterverbands im Land Bremen, sieht seit Ausbruch der Corona-Pandemie immer mehr Arbeit auf die Bremer Steuerbüros zukommen. Bild: Heitkamp
Was ist so schwierig am Beantragen von Coronahilfen? Warum können die Steuerberaterinnen und Steuerberater das nicht nebenbei erledigen?
Die Rahmenbedingungen, an welche die einzelnen Coronahilfen gekoppelt sind, seien immer wieder geändert worden und würden weiter ständig angepasst, sagt Heitkamp. Besonders gravierend sei das bei den Überbrückungshilfen II gewesen: "Da hat sich zeitweise stündlich etwas in den FAQs geändert."

Die Steuerberaterinnen und Steuerberater müssten generell viel zu Rahmenbedingungen einzelner Fördermittel lesen. "Das frisst viel Zeit", stellt Heitkamp fest. Sei das Geld schließlich geflossen, müssten sich die Steuerberater an die Endabrechnungen machen, um darzulegen, inwiefern die Hilfen gerechtfertigt gewesen seien.

Heitkamps Kollege Koßmann hat zudem festgestellt, dass die Förderprogramme von umso mehr Unternehmen beansprucht würden, je länger die Pandemie dauere. Seien die Überbrückungshilfen I noch relativ selten beantragt worden, hätten bereits sehr viele Unternehmen die Überbrückungshilfen II in Anspruch genommen. "Die ganz große Welle kam dann ab Dezember mit den Anträgen für die Überbrückungshilfen III."

Erschwerend hinzu komme, dass der Aufwand für das Beantragen gerade der Überbrückungshilfe III sehr hoch sei. "Wir sitzen hier an einem Antrag durchschnittlich zwei/drei Tage", sagt Koßmann.
Warum stellen die Steuerbüros nicht einfach mehr Leute ein, wenn sie so viel zu tun haben?
Koßmann und Heitkamp betonen, dass es in ihrer Branche schon seit Jahren an Fachkräften mangele. "Die Kollegen suchen fast alle", sagt Heitkamp.

Inzwischen komme es daher mitunter vor, dass Steuerberaterinnen und Steuerberater keine neuen Mandantinnen und Mandanten mehr annehmen könnten, weil sie überlastet seien. Dies gelte insbesondere für solche Kanzleien, die schwerpunktmäßigen Mandanten etwa aus der Reisebranche, der Gastronomie und der Hotellerie betreuten, fügt Koßmann hinzu. Die Folge: Einige Gewerbetreibende suchten verzweifelt Steuerberater.
Grauhaariger Mann mit Schnurrbart, Hornbrille, Anzug und Fliege blickt für Portrait in Kamera
Der Präsident der Hanseatischen Steuerberaterkammer Bremen, Paul Thomas Koßmann, klagt über einen hohen Arbeitsaufwand mit den Überbrückungshilfen III. Bild: Koßmann
Gibt es gar keine Entlastung für die Steuerbüros?
Kaum, sagen Koßmann und Heitkamp. Ein bisschen helfe ihnen aber, dass sie die Steuererklärungen über das Jahr 2019 dieses Jahr erst bis Ende August abgeben müssten, ein halbes Jahr später als sonst.
Wie geht es nun weiter?
Koßmann und Heitkamp hoffen, dass sich die Lage in den Steuerbüros ab Ende des laufenden Jahres oder ab Beginn des kommenden Jahres langsam wieder normalisieren wird – vorausgesetzt, dass es Deutschland gelingt, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Allerdings müssten sie selbst dann zunächst eine Bugwelle abarbeiten, die sie derzeit notgedrungen vor sich hinschöben, sagt Koßmann.

Grundsätzlich versuchten alle Kolleginnen und Kollegen, insbesondere eilige Angelegenheiten schnellstmöglich zu bearbeiten. Dadurch blieben Arbeiten, die nicht ganz so eilig seien, mitunter länger als sonst liegen. Das betreffe nicht zuletzt die Steuererklärungen aus dem Vorjahr, die die Steuerbüros erst zu einem sehr geringen Teil hätten bearbeiten können. Koßmann bittet dafür um Verständnis.

Trotz des hohen Arbeitsaufkommens durch komplizierte Coronahilfen-Anträge legt Heitkamp Wert auf die Feststellung, dass das Hilfesystem Deutschlands insgesamt, gerade im Vergleich zu anderen Ländern, gut funktioniere: "Es ist alles in allem bisher ordentlich gelaufen", sagt er.

Hilfe, wer kann Steuerbescheide verständlicher formulieren?

Video vom 24. Februar 2021
Der Stempel des Bremer Finanzamtes auf einem Blatt Papier.
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 9. April 2021, 23:30 Uhr