Klinik-Besuchsverbot: Belastend für Angehörige, Patienten und Personal

Besuche sind in Bremer Krankenhäusern nur im Ausnahmefall möglich. Für alle Beteiligte ist das auf Dauer aus ganz verschiedenen Gründen nicht leicht.

Patient greift nach einem Haltegriff über dem Krankenbett im Krankenhaus.
In der Corona-Zeit herrscht in Bremer Krankenhäusern ein grundsätzliches Besuchsverbot. (Symbolbild) Bild: Imago | Seeliger

"Morgen wird meine Mutter entlassen“, sagt Heiko Heeren am Telefon und in seiner Stimme schwingt etwas Erleichterung mit. In den vergangenen zwei Monaten war Heerens Mutter (76) häufiger in Krankenhäusern als zu Hause. Zuerst war es ein Oberschenkelbruch, dann Wasser in der Lunge. Immer wieder musste sie eingeliefert und stationär behandelt werden. Und immer wieder hat sich Heiko Heeren Sorgen um die schon etwas ältere Frau gemacht. Nicht nur wegen der Krankheiten, sondern auch, weil er nicht bei ihr sein konnte.

Besuche sind in Bremer Krankenhäusern derzeit grundsätzlich verboten. Ausnahmen sind möglich – etwa bei Gebärenden, Sterbenden und besonderen Notfällen. Auch Kinder dürfen weiterhin von den Eltern besucht werden. Doch Jugendliche und Erwachsene, für die kein langfristiger Aufenthalt vorgesehen ist und die in guter geistiger Verfassung sind, müssen in der Regel zum Telefon greifen, um mit ihren Liebsten in Kontakt zu bleiben.

Besuchsverbot als zusätzliches Problem

Eine Situation, die für Heeren offenbar belastend wurde, als er von seiner Mutter erfuhr, dass bei ihrem ersten Aufenthalt im Krankenhaus nicht alles glatt lief. "Einmal war ihr Katheter undicht und sie musste die ganze Nacht in ihrem Urin schlafen. Und einmal hat sie die falsche Medikation erhalten", erzählt er. Auch sei sie mal stundenlang nicht im Bett umgelagert worden. Die Mutter habe ihm alles am Handy erzählt, daraufhin habe er mit den Mitarbeitern gesprochen.

Das Besuchsverbot sei für ihn in solchen Fällen ein zusätzliches Problem. "Die Kontrolle des Personals durch die Angehörigen fehlt", sagt Heeren. "Es ist nicht möglich, direkt hinzugehen und mit den Schwestern zu reden. Man kriegt einfach nicht mit, was geschieht." Nicht mit den eigenen Augen sehen zu können, wie es der Mutter oder dem Vater geht – diese Unwissenheit kommt in diesen Zeiten für die Angehörigen offenbar zur Sorge über den gesundheitlichen Zustand noch hinzu.

Wenn es dem Patienten schlecht geht und er niemanden sehen kann, ist es für ihn wie im Gefängnis.

Heiko Heeren, Angehöriger

Das Rotes Kreuz Krankenhaus, in das die ältere Dame eingeliefert worden war, teilte auf Nachfrage mit, man bitte Patienten und Angehörige darum, "sich mit Beschwerden sofort an uns oder an die Patientenfürsprecherin zu wenden, damit mögliche Unzufriedenheiten noch während des Aufenthaltes besprochen, geklärt und beseitigt werden können. Dies ist sechs Wochen später leider nicht mehr möglich."

Wir möchten Herrn Heeren und seine Mutter bitten, sich mit uns in Verbindung zu setzen, um ihre Vorwürfe, die wir so nicht nachvollziehen können, gemeinsam in unserer Klinik aufzuarbeiten.

Dorothee Weihe, Sprecherin des Rotes Kreuz Krankenhauses

Den Patienten fehlen oft die kleinen Dinge

Für die Patienten ist die Situation ebenfalls nicht leicht. Das bestätigt die Sprecherin der Gesundheit Nord (Geno), Karen Matiszick. "Angehörige sorgen für Abwechslung, trösten und muntern die Patienten auf. Unser Personal bemüht sich jetzt besonders, diese fehlende emotionale Zuwendung zu ersetzen – aber das ist nur in sehr begrenztem Umfang möglich." Ein Videochat kann die physische Nähe, die Wärme, die Berührung eben nicht ersetzen.

Die meisten Patienten nehmen das Besuchsverbot sehr tapfer hin und haben Verständnis für diese Maßnahme. Allerdings bekommen wir natürlich auch mit, wie Patientinnen und Patienten darunter leiden. Viele Dinge, die den Krankenhausaufenthalt normalerweise etwas erleichtern, entfallen jetzt. Beispielsweise ist es nicht unüblich, dass Patienten von ihren Angehörigen das Lieblingsessen oder einen selbst gebackenen Kuchen mitgebracht bekommen. Das geht derzeit natürlich nicht.

Karen Matiszick, Geno-Sprecherin

Und doch sei die Maßnahme notwendig, damit kein Besucher unwissentlich das Coronavirus ins Haus trage, sagt Matiszick. Ein Dilemma, das Krankenhausseelsorger Ulrich Schratz gut kennt. Er tut sich schwer, die Frage zu beantworten, ob das Besuchsverbot seiner Meinung nach aufrechtzuhalten sei. Es sei nachvollziehbar, um die Patienten zu schützen – aber auch schwer auszuhalten. "Zutiefst verstörend" sei es, wenn Mitarbeiter am Empfang die Angehörigen abweisen müssen.

Seelsorger: Zuwendung im Genesungsprozess wichtig

Arzt läuft durch sonst leerer Krankenhausflur
Besuchsverbot: Leere Flure und Hygienereglen bestimmen derzeit eher den Klinikalltag. Bild: DPA | Britta Pedersen

Das Verbot habe "eine ganze Menge" für die Patienten verändert, sagt Schratz. Vor allem für schwer Erkrankte, etwa Krebspatienten, fehle etwas Wesentliches im Genesungsprozess: die Zuwendung. Für viele – Patienten sowie Angehörige – sei es sehr belastend. Die Mitarbeiter versuchten, dies auszugleichen. Das komplett zu ersetzen ist aber offenbar schwer.

Oft seien es die kleinen, alltäglichen Gesten, die den Patienten fehlten. Vom Partner in den Arm genommen zu werden, einen Kuss zu bekommen. "Einfach da zu sein, als derjenige, den man liebt und mit dem man sein Leben teilt." Selbst, wenn Familienangehörige ausnahmsweise vorbeikommen dürfen. Denn auch dann müssen die Hygienevorschriften und der Mindestabstand eingehalten werden.

Für Schratz und seine Arbeit hat die Pandemie ebenfalls einiges verändert. Der Seelsorger darf nicht mehr auf der Station herumgehen, sondern muss vom Patienten oder vom Arzt gerufen werden. Auch die Krankensalbung durch einen externen Pfarrer, wie sie im katholischen Glauben üblich ist, sei derzeit nicht möglich.

Chirurgin: Corona-Auflagen sind Mehraufwand fürs Personal

Eine Frau schaut in die Kamera.
Heidrun Gitter, Präsidentin der Bremer Ärztekammer macht deutlich: Jeder Besuch bindet Personal. Bild: Radio Bremen | Verena Patel

Die Arbeitsabläufe im Krankenhaus sind ebenso vom Kontakt- und Besuchsverbot beeinflusst worden, wie die Präsidentin der Ärztekammer in Bremen, Heidrun Gitter, erzählt. Gitter ist ebenfalls Chirurgin im Klinikum Bremen-Mitte. Normalerweise sei es für die Arbeit des Personals nicht relevant, ob Besuch da sei oder nicht. Doch jetzt müssten die Mitarbeiter wegen der Corona-Vorschriften eventuelle Besucher begleiten – um die Hygieneauflagen zu erklären und sicherzustellen, dass die Besucher nicht in die falsche Abteilung liefen. "Falls der Besucher später positiv getestet wird, kann man dann sonst nicht mehr kontrollieren, wo er genau gewesen ist", erläutert sie.

Deshalb findet sie eine Lockerung des Besuchsverbots momentan eher schwierig. "Für jeden Besucher müsste eine Begleitperson mit – die haben wir aber nicht übrig." Für die Kinderchirurgin ist jedoch wichtig, dass das Verbot Ausnahmen zulässt, die von den Kliniken selbstständig bewertet und beschlossen werden dürfen, "zum Beispiel bei Langzeitpatienten oder Demenzerkrankten." Eine Bezugsperson könne das Eingewöhnen des Patienten und die Abläufe im Krankenhaus erleichtern. Und bei Kindern sowieso. "Es wäre sonst unmenschlich, falls sie Schmerzen oder Angst haben", sagt dazu die Geno-Sprecherin Matiszick.

Für Gitter ist das Verbot notwendig, um Patienten und Mitarbeiter zu schützen. Ähnlicher Meinung ist das Bremer Gesundheitsressort. "Mit den Umfangreichen Ausnahmen haben wir eine Regelung getroffen, die (…) sowohl die Sicherheit vor Ausbrüchen in Kliniken sicherstellt als auch in besonderen Situationen Besuch ermöglicht. Deswegen sehen wir aktuell keine Änderungen an der bisherigen Regelung vor", teilt der Ressortsprecher mit. Patienten und Angehörige werden sich also voraussichtlich weiter gedulden müssen.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Juni 2020, 19:30 Uhr