Interview

Traumberuf trotz Krise: Was diese 3 Bremer Pflege-Azubis antreibt

Viel Dankbarkeit, aber wenig Geld: Pfleger fordern mehr finanzielle Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen. Wie sieht der Pflege-Nachwuchs gerade auf seine Zukunft?

Joanna Hezel, Nele Oetzmann und Natasha Köhn stehen vor einem Gemälde.
Joanna Hezel, Nele Oetzmann und Natascha Köhn machen gerade eine Ausbildung in der Pflege. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Wenig Geld, kaum Status und schlechte Arbeitsbedingungen: Pflegeberufe haben einen schlechten Ruf. Wieso entscheidet man sich dann als junger Mensch, genau diesen Job zu ergreifen? buten un binnen hat drei Auszubildende getroffen und dazu befragt.

Wann haben Sie sich dafür entschieden, in der Pflege zu arbeiten?
Nele Oetzmann: Ich wollte nicht studieren, möchte aber weiter lernen. Dann bin ich auf die Pflegeausbildung in der Kinderkrankenpflege gestoßen. Mit der Zeit ist mir klar geworden, dass dies die richtige Entscheidung war.
Joanna Hezel: Bei mir fing das schon früher an. Ich habe tatsächlich als Kind schon immer Krankenschwester gespielt. Ich war immer diejenige, die bei Bedarf ein Pflaster aufgeklebt hat. Mir war schon früh klar, dass ich Menschen im Heilungsprozess unterstützen möchte.
Natascha Köhn: Ich habe vor zwei Jahren gemerkt, dass mein damaliger Beruf mir nicht mehr Spaß gemacht hat. Ich habe dann ein Berufsfindungspraktikum als Krankenschwester gemacht. Da habe ich gesagt: Diesen Weg möchte ich weiter gehen.
Und warum genau den Beruf der Pflegerin?
Oetzmann: Es ist ein total vielschichtiger Beruf. Man kann in so vielen, unterschiedlichen Bereichen und Stationen arbeiten. Ich finde, dass ich durch diese Ausbildung gewachsen bin und viel für mein privates Leben gelernt habe.
Hezel: Das war eine gute Antwort. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich gern mit Menschen arbeite. Keiner wird freiwillig krank, und wenn jemand in einer unangenehmen Lage im Krankenhaus ist, möchte ich diejenige sein, die ihm ein gutes Gefühl und Sicherheit gibt. Versuchen, das Unangenehme wegzunehmen.
Köhn: Ich habe schon eine abgeschlossene Ausbildung hinter mir und habe mich jetzt entschieden, einen weiteren Beruf zu erlernen. Ich arbeite auch gern mit Menschen und möchte sie unterstützen. Außerdem kann man sich in diesem Job fortbilden, man ist ständig im Lernprozess und entwickelt sich dadurch ganz anders.
Viele Pfleger beschweren sich aber seit Jahren über die Arbeitsbedingungen: zu niedrigeres Gehalt, Stress, Zeitdruck, Personalmangel. Wie bewerten Sie die Lage? Schreckt Sie das nicht ab?
Oetzmann: Ich sehe die Probleme und finde auch, dass viele Dinge nicht in Ordnung sind. Zum Beispiel die Privatisierung der Krankenhäuser – oder der Fachkräftemangel. Dies ist ein großes Problem und man erlebt es tatsächlich auch auf Station. Das ist aber kein Grund, um den Pflegeberuf abzulehnen. Dadurch werden eigentlich unsere Chancen noch viel besser. Wir müssen uns keine Sorgen machen, dass wir niemals eine Stelle finden werden. Ich finde, wir sollten probieren, etwas zu ändern. Laut zu werden und sagen: "Hier stimmt was nicht".
Hezel: Ja, ich bin auch dieser Meinung. Einen Menschen zu unterstützen gibt mir sehr viel und ich kann gut darüber hinwegsehen, dass manchmal schlechte Arbeitsbedingungen da sind. Wie Nele schon gesagt hat: Irgendwann lohnt sich das dann auch. Wenn man merkt, wie schön der Beruf ist.
Köhn: Ich sehe das auch wie die anderen. Dass man einfach zu sich selbst sagt: "Ich trete für diese Bedingungen später ein." Aber wenn ich diesen ersten Schritt nicht wage, werde ich das nicht können. Ich kann nur dann was ändern, wenn ich in diesem Beruf dafür einstehe.
Was möchten Sie konkret ändern?
Köhn: Vieles. Es fängt schon mit der Ausbildung an. Der Abschluss zum Beispiel. Warum sollte man nicht mit einem Hauptschulabschluss genauso eine gute Pflegekraft sein wie eine Abiturientin? Es ist oft so, dass viele diesen Beruf machen wollen, denen aber schwer gemacht wird, da reinzutreten.
Hezel: Vielleicht wäre wichtig, dass es nicht Pflicht ist, einen Realschulabschluss gemacht zu haben. Wenn du bereit bist, zu lernen, dann schaffst du das auch. Man sollte den Menschen mehr Möglichkeiten geben und das Schöne präsentieren. Die Hemmschwelle ist oft für viele, dass sie sich davor ekeln, Menschen zu waschen oder anzufassen. Es sind nicht die Schichtarbeit oder die Arbeitsbedingungen. Ich glaube, dass für viele der Körperkontakt nicht gewollt ist. Es ist aber nicht schlimm, mit Menschen in Kontakt zu treten.
Oetzmann: Es wäre auch schön, wenn eine ganz andere Anerkennung aus der Gesellschaft kommen würde. Wenn man sagt: "Ich will in die Pflege", antworten viele: "Überlege es dir gut, willst du das wirklich machen?" Ich finde es schade. Um eine gute Pflegekraft zu sein, muss man wahnsinnig viel wissen. Man muss auf Zack sein, man trägt so viel Verantwortung. Ich finde es auch schade, dass dieser Bonus nicht gezahlt worden ist, von dem so viel gesprochen wurde - lediglich Teile der Altenpflege haben ihn bekommen. Am Ende hat man nur die Packung Merci auf Station.
Der Pflegeberuf ist während der Corona-Pandemie ins Rampenlicht gerückt. Pfleger waren laut Studien einem höheren Risiko ausgesetzt. Und hat sie aus den Fenstern heraus dafür beklatscht. Hat diese Erfahrung Ihre Sicht auf den Job geändert?
Köhn: Nein, es hat mich überhaupt nicht beeinflusst. Es sind am Ende erkrankte Menschen – ob es jetzt Covid-19 ist oder was anderes. Ich bin eine Krankenschwester und habe meinen Job zu tun. Natürlich macht aber eine Pandemie Angst.
Hezel: Ich habe auch nie an meinem Job gezweifelt. Es gibt so viele Patienten im Krankenhaus, die Keime haben. Sie können sich auch auf mich übertragen, wenn ich nicht auf die Hygiene achte.
Oetzmann: Für mich war das auch so. Ich habe das nie hinterfragt. Im Gegenteil: Ich habe das Gefühl bekommen, ich sei wichtig und werde gebraucht. Aber da wünscht man sich noch mehr, dass die Gesellschaft das merkt und die Politik etwas ändert.

Man muss versuchen, sich runterzubringen und den Patienten ein sicheres Gefühl zu vermitteln. Dann steht man aber mit den FFP2-Masken vor den Patienten und sagt ihnen: "Alles wird gut". Sie gucken einen an und denken sich: "Na ja, wenn alles gut wird, würdet ihr nicht so unruhig stehen."

Joanna Hezel
Joanna Hezel, Auszubildende
Und was hat Corona für Ihre Ausbildung bedeutet?
Oetzmann: Bei uns auf der Station hat das zu hygienischen Einschränkungen geführt. Problematisch fand ich die Tatsache, dass man die Ausbildung verlängern musste, wenn man in Quarantäne musste. Und sonst sind wir momentan im Homeschooling, es fängt erst jetzt mit dem Präsenz wieder an. Ich fand das schwer, weil man sich mit niemandem absprechen konnte.
Hezel: Wir hatten eine andere Erfahrung. Weil wir im April angefangen haben und nur Online-Schule hatten. Genau die ersten Wochen, in denen man die Klasse und die Lehrer kennenlernen sollten. Wir sind ein bisschen ins kalte Wasser geworfen worden. Auf einmal musste man selbst die Texte lesen, sich damit auseinandersetzen. Natürlich haben die Lehrer immer gesagt: "Wir sind ansprechbar". Es war aber ein bisschen befremdlich. Und im Krankenhaus ist dauerhaft eine Anspannung da. Die Patienten sind nervös, und natürlich sind wir es auch.
Köhn: Bei mir war das so: Nach einer Weile hat alles gut geklappt, wir konnten uns in diesem Online-Lernkurs einfinden. Aber es ist einfacher, etwas zu lernen, wenn man in einem Klassenraum sitzt und miteinander diskutieren kann. Man hat dann ganz andere Gedankengänge.

Rückblick Mai: Das fordern Bremer Pflegekräfte

Video vom 12. Mai 2020
Mehrere Menschen demonstrieren, Mund und Nasenschutz tragend, für mehr Gerechtigkeit in Pflegeberufen.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. August 2020, 19:30 Uhr