Interview

Männer in Bremen-Gröpelingen sterben 8 Jahre früher

Arme Menschen sind häufiger krank und haben eine geringere Lebenserwartung. Allgemeinmediziner Johannes Grundmann aus Gröpelingen sagt, was er dagegen tun will.

Wenige Cent hält eine alte Frau in ihren Händen.
Wer arm ist, hat ein deutlich höheres Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Bild: DPA | Jens Kalaene
Herr Grundmann, wie wirkt sich Armut auf die Gesundheit aus?
Armut und Gesundheit bedingen sich gegenseitig: Armut macht krank, Krankheit macht arm. Bei armen Menschen gibt es eine erhöhte Mutter-Kind-Sterblichkeit. Arme haben ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Das Risiko für Schlaganfälle ist ebenfalls erhöht. Auch Infekte und Ekzeme haben sie häufiger.
Wie kommt es denn dazu?
Das hat mehrere Gründe: Arme Menschen haben nicht das Geld, sich vernünftig zu ernähren. Sie rauchen häufiger, sie konsumieren mehr Fast Food, kaufen zu wenig Gemüse. Dann kommen die Folgeerkrankungen: Diabetes, Bluthochdruck. Auch die Arbeit ist ein Thema: Arme Menschen verrichten häufiger schwere körperliche Arbeit. Außerdem hat auch im Niedriglohnsektor oder bei 450-Euro-Jobs die Arbeitsverdichtung zugenommen.
Nun könnte man argumentieren, dass auch arme Menschen Sport machen können, um etwas für die Gesundheit zu tun.
Das sehe ich ganz genauso. Doch diese Botschaft aus dem präventiven Bereich kommt bei manchen Bevölkerungsgruppen einfach nicht an. Das liegt dann auch an den sozialen Strukturen. Man muss fragen: Macht dein Vater das, deine Mutter? In sozial schwachen Familien ist hier oft das Bewusstsein nicht da.
Dr. Johannes Grundmann
Der Allgemeinmediziner Johannes Grundmann. Bild: Ärztekammer Bremen
Aber das Wissen darüber, dass man sich gesund ernähren und ausreichend bewegen sollte, ist doch schon ziemlich verbreitet. Warum wird es von vielen armen Menschen nicht umgesetzt?
Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass die Patienten das Gefühl haben, die Hilfsangebote seien nicht niedrigschwellig genug. Dabei gibt es viele Angebote, etwa von Tura in unserem Stadtteil. Auch in unserer Praxis haben wir immer wieder Patienten, die kommen nicht zu Blutchecks oder ähnlichem. Und wenn wir nachfragen, heißt es: Ich weiß auch nicht warum.
Haben solche Menschen sich selbst aufgegeben?
Das glaube ich tatsächlich. Manche schämen sich auch. Die Menschen ziehen sich in sich zurück. Da hat der Hausarzt eine ganz wesentliche Aufgabe: Er muss erkennen, wo jemand gefährdet ist. Wir in unserer Praxis machen etwa oft Hausbesuche, um die Menschen besser zu erreichen. Sie glauben gar nicht, was wir da sehen. Manchmal wohnen vier Menschen in zwei Zimmern, die Haustür ist eingetreten, überall liegen Dinge herum. Das erklärt vieles.
Eine Studie hat ergeben, dass Männer, die in Gröpelingen leben, im Durchschnitt acht Jahre früher sterben als Männer aus Schwachhausen. Wieso ist dieser Unterschied so extrem?
Man darf nicht vergessen, dass es hier viele Arbeitslose gibt, viele Migranten auch mit schlechten oder gar keinen Deutschkenntnissen. Diese Personen zu erreichen, ist eine ganz eigene Herausforderung. Da ist auch Bremen gefragt, für einen Ausgleich in den Stadtteilen zu sorgen. Eine Niederlassung für einen Arzt ist in Gröpelingen einfach nicht attraktiv, das kann man ganz klar so sagen. Auch für meine Praxis ist die Nachfolge noch nicht geregelt. Wenn Sie aber wenig Ärzte in einem Stadtteil haben, ist auch die Versorgung schlechter.
Belastet es Sie, dass Sie Ihre Patienten nicht so erreichen, wie Sie sich das wünschen?
Es ärgert mich schon. Aber ich bin mir bewusst, dass ich nicht alles regeln kann. Und es ist einfach wichtig, nicht als Oberlehrer aufzutreten, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Auch ich habe meine Schwächen.
Was kann man tun, um arme Menschen besser zu erreichen?
Das ist keine allein medizinische Aufgabe, da müssen auch Sozialdienste und die Politik stärker zusammenarbeiten. Auch die Familie und Freunde sind gefragt. Wenn jemand aus dem Krankenhaus entlassen wird, kontaktieren wir etwa die Tochter und bitten sie, zu uns in die Praxis zu kommen, damit wir ihr erklären können, worauf nun geachtet werden muss. Wenn es keine Familie gibt oder es dort nicht funktioniert, lassen wir uns auch die Nummer von Freunden geben oder kontaktieren Pflegeverbände. Damit erzielen wir ganz gute Erfolge.

Auch die Wochenserie "Was heißt hier arm?" von buten un binnen beschäftigt sich mit dem Thema. Hier sind alle Folgen im Überblick:

  • Tanja Krämer

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Mai 2018, 19:30 Uhr