Interview

Gebürtige Afghanin in Bremen: "Wir sind in großer Sorge"

Diese Bremerin kämpft für Frauenrechte in Afghanistan

Video vom 27. Mai 2021
Eine Grundschule in Afghanistan
Bild: DPA | Rahmat Gul
Bild: DPA | Rahmat Gul

Die Bremerin Laila Noor ist in Kabul geboren. Mit ihrem Verein hat sie Schulen am Hindukusch gebaut – auch für Mädchen. Jetzt bangt sie um deren Zukunft.

Fast zwanzig Jahren waren die Truppen der NATO-Verbündeten im Afghanistan stationiert. Ende April begann dann der Abzug. Doch das Land ist vom Frieden noch weit entfernt. Zu instabil ist momentan die politische Lage, in der mehrere Akteure nach Macht streben – darunter extremistische Gruppen wie die Taliban und der Islamische Staat.

Wer am ehesten darunter leidet, sind oft die Frauen. Unter dem Regime der Taliban war ihnen der Zugang zu Arbeit und Bildung verwehrt, aus dem Haus durften sie nur in männlicher Begleitung und in Burkas verschleiert. Die Bremerin Laila Noor hat mit ihrem Verein "Independent Afghan Women Association" in den vergangenen zwanzig Jahren einige Schulen am Hindukusch gebaut und unterstützt, darunter auch Mädchenschulen. Jetzt fürchtet sie eine neue Spirale der Gewalt. Im Interview mit buten un binnen spricht sie über die aktuelle Lage.

Frau Noor, Sie selbst waren seit zwei Jahren nicht mehr in Afghanistan, haben aber dort Kontakte, Freunde und Verwandte, mit denen Sie sich regelmäßig austauschen. Wie schätzen sie die Lage gerade ein?
Die Situation ist im Moment leider sehr, sehr schlimm. Nach dem Abzug der Truppen ist die Lage schlimmer geworden, die Taliban haben nur darauf gewartet. An der Grenze zu Iran blockieren sie alles und die armen Menschen wissen nicht, wohin sie fliehen sollen. Die, die Geld haben, versuchen in die Türkei oder nach Europa zu gelangen. Die, die kein Geld haben, fliehen in eine andere Stadt, wo sie selbst nichts haben. Die Lage ist verheerend.
Laut Medienberichten sind die Taliban auf dem Vormarsch und bringen immer mehr Teile des Landes unter ihre Kontrolle. Was hat das für praktische Auswirkungen auf den Alltag der Menschen – und der Frauen?
In Masar-e-Scharif zum Beispiel, einer etwas ruhigeren Stadt im Norden, lief alles wunderbar. Die Frauen gingen zur Universität, sie haben gearbeitet. Die [Taliban] sind jetzt schon da. Die sind fast überall da. Und im Süden waren sie sowieso aktiv. Sie haben viele Schulen zugemacht. Das ist unsere größte Sorge.
Sie haben selbst einige Schulen für Mädchen auf- und ausgebaut.
Ja, wir haben angefangen mit einer Schule für 500 Mädchen und Jungs, heute haben wir über 18.000 Mädchen und Jungs in mehreren Schulen. Wir haben große Angst. Was wird dann mit diesen Menschen passieren? Eine neue Schule ist gerade im Aufbau. Wir telefonieren jeden Tag, wir haben Angst, dass sie es jetzt blockieren. Bis jetzt haben sie es Gott sei Dank nicht geschafft, aber man weiß ja nie.

Anzahl der Afghanen und Afghaninnen im Land Bremen

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Durch Ihre Besuche und den Kontakt zu Ihren Verwandten haben Sie die vielen Veränderungen der vergangenen 30 Jahren im Land hautnah erlebt. Wie blicken Sie in die Zukunft?
Meine Verwandten und die Menschen in Afghanistan haben die Taliban lang erlebt. Frauen wurden gepeitscht, sie durften nicht ohne männliche Begleitung ausgehen, die Schulen waren geschlossen. In den letzten 20 Jahren hat sich in dem Land enorm viel entwickelt. Es gab Schulen und Universitäten, Frauen durften zur Uni gehen, arbeiten, ins Parlament einziehen, in die Ministerien. Es war ein enormer Prozess, den ich auch miterlebt habe.
Und jetzt fangen die [Taliban] wieder an. Sie haben Angst vor Frauen, weil wir Frauen viel stärker sind. Daher versuchen sie, sie als Erste zu unterdrücken. In den Provinzen haben die Frauen jetzt schon wieder Angst, ohne männliche Begleitung auszugehen. Aber das Problem kommt erst, wenn sie wieder an der Macht sind. Dann haben wir die gleiche Lage wie vor 20 Jahren. Ich habe Videos von meinen Bekannten bekommen, dass sie in den Provinzen wieder Frauen ausgepeitscht haben. Jetzt, vor drei Wochen. Das passiert leider.
Wie geht es Ihnen dabei?
Ich bin unendlich enttäuscht von der Welt, insbesondere von Amerika und auch Europa. Dass sie ohne eine friedliche Lösung das Land im Stich gelassen haben. Ich bin keine Politikerin, aber ich finde, das ist absolut nicht in Ordnung. Ich bin sprachlos.
Was bedeutet diese Situation konkret für die Arbeit Ihres Vereins?
Wissen Sie, wir sind eine kleine Organisation. Vor 20 Jahren haben wir uns gegründet. Ich bin unendlich dankbar, dass wir mit großer Unterstützung unserer deutschen Freunde so viel in dieser kurzen Zeit erreicht haben. Wie sollen wir aber von hier aus … Ganz Afghanistan weiß nicht, wohin das geht. Wir haben Angst, jeden Tag, dass eine unserer Schulen angegriffen wird.
Wollen Sie bald wieder in das Land reisen?
Ich war zuletzt 2018 in Afghanistan, wir haben dort eine neue Mädchenschule eröffnet. 2019 konnte ich nicht hinfliegen, und dann kam Corona. Ich möchte am liebsten jetzt schon reisen, aber seit Corona … Es ist eine unendlich traurige Situation.
Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Wir beten und hoffen, dass die Lage nicht eskaliert. Das ist der einzige Weg. Wir haben viele Pläne mit unserem Verein. Wir können nur hoffen, dass irgendeine friedliche Lösung für unser Land gefunden wird.

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Mai 2021, 19:30 Uhr