Abtreibungsärzte – verzweifelt gesucht

Maike Janda hat ihren aktuellen Job aus politischen Gründen ausgesucht. Sie ist Abtreibungsärztin – eine von wenigen in Bremen.

Blick in das Wartezimmer eines Arztes.
Bei Pro Familia in Bremen können sich Männer sterilisieren lassen. Der größte Teil der Eingriffe im medizinischen Zentrum sind aber Schwangerschaftsabbrüche. Bild: Imago | Photothek

Abbruchärztin – so heißt das offiziell, was Maike Janda* bei Pro Familia macht. Die 30-Jährige, die eigentlich anders heißt, wollte nach dem Medizinstudium gerade ihre Facharztausbildung als Allgemeinärztin beginnen. Doch dann erreichte sie eine Mail. "Das war ein Hilferuf", erzählt Janda.

Das medizinische Zentrum von Pro Familia in der Hollerallee brauchte dringend jemanden, der Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Und Janda meldete sich, obwohl sie selbst bisher noch nie einen Abbruch gemacht hatte. Sie hatte gerade auf einem Kongress zum Thema "kritische Medizin" einen Vortrag von Kristina Hänel gehört. Die Ärztin klagt sich momentan durch die Instanzen, um das Werbungsverbot für Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland zu verändern. Janda war so darauf aufmerksam geworden, wie groß der Mangel an Abbruchärzten in Deutschland ist – und wollte helfen.

Eine große Verantwortung

Als erste Stelle sei der Job bei Pro Familia eigentlich "undankbar", sagt Janda. Sie habe eine große Verantwortung und könne sich keine Fehler erlauben. Im Zweifel mache sie sich sonst strafbar. Krank sein sei auch nicht drin. Denn wenn Janda sich krank meldet, finden an diesem Tag keine Abbrüche bei Pro Familia statt. Eine mögliche Katastrophe für betroffene Frauen, da das Zeitfenster für einen straffreien Abbruch klein ist.

1.800 Abtreibungen werden jährlich von Pro Familia in Bremen durchgeführt – das sind etwa 75 Prozent aller Abtreibungen in Bremen – und das seit 40 Jahren. Davor mussten deutsche Frauen nach Holland fahren. Jetzt haben sich die Zeiten geändert – und die Holländer kommen zu uns. Jedenfalls die holländischen Ärzte.

Maike Janda macht nur rund die Hälfte der Abbrüche bei Pro Familia in Bremen. Die andere Hälfte übernimmt Dick Bouman. Der Arzt kommt seit 30 Jahren jede Woche für eineinhalb Tage aus der Nähe von Groningen nach Bremen. Bouman ist mittlerweile 71 Jahre alt – und ein Ende seiner Arbeit hier ist nicht in Sicht. Denn was damals galt, gilt noch immer: Deutsche Ärztinnen und Ärzte wollen den Eingriff nicht machen. Bouman sagt: "Die Frauen, die ich behandle, sind oft überrascht, dass sie den Abbruch nicht bei ihrem Gynäkologen machen können."

Verpönte Arbeit unter deutschen Gynäkologen

Wie Schwangerschaftsabbrüche funktionieren, ist in Deutschland kaum Teil der medizinischen Ausbildung. Im Studium werde nur der rechtliche Teil gestreift, erinnert sich Janda. Bei einem Eingriff, der so häufig ist, finde sie das "schon ein bisschen verrückt". Als Ergebnis sei Deutschland oftmals nicht auf dem neuesten Stand bei der Behandlung. Hier werde beispielsweise noch oft ausgeschabt, obwohl die Absaugung ein deutlich schonender Eingriff ist. Außerdem werde in Deutschland relativ selten mit Tabletten abgetrieben – gerade in der frühen Schwangerschaft sei das im Ausland die verbreitetste Methode.

Eine Ärztin schaut auf den Bildschirm des Ultraschall-Geräts.
Maike Janda heißt eigentlich anders. Weil Abtreibungsgegner auch in Deutschland militanter werden, möchte sie sich und ihre Familie schützen.

Janda hat in ihrem Umfeld schon häufig die Erfahrung gemacht, dass nicht einmal eine professionelle Diskussion über Schwangerschaftsabbrüche zu Stande kommt. Meist argumentierten Mediziner auf einer persönlichen Ebene – sie seien zwar für die Wahlfreiheit, wollten aber selbst keine Abbrüche durchführen. Dazu kommen die Anfeindungen der Kollegen. "Wenn sie Abbrüche machen, sind sie stigmatisiert", sagt Monika Börding, Leiterin von Pro Familia in Bremen. Außerdem hätten einige durchaus Angst vor Strafverfolgung. Dass Abtreibungen in Deutschland eigentlich verboten sind, schreckt laut Janda viele Ärzte ab.

Abbruchärzte in Holland besser organisiert

Dick Bouman beobachtet die Diskussion in Deutschland schon lange. Wie in Holland sieht er eine "Wellenbewegung" bei der Bewertung von Schwangerschaftsabbrüchen. Gerade werde die Situation wieder schlechter, die rechtskonservativen Abtreibungsgegner stärker. Im Gegensatz zu den deutschen Kollegen, seien die niederländischen Abbruchärzte aber gut organisiert, es gebe eine eigene Genossenschaft. "Das ist das, was hier fehlt", sagt Bouman.

Auch Janda ist für mehr Austausch. In Berlin haben sich gerade die "German Doctors pro Choice" gegründet – sie ist dabei. Das Ziel: Neue Kolleginnen und Kollegen sensibilisieren, ausbilden – und ermutigen. "Am einfachsten wäre es, wenn jede Frauenärztin das anbieten würde", sagt Janda. Das gelte insbesondere für frühe Abbrüche mit Tablette.

Zurzeit gibt es noch genügend Ärzte in Bremen, die Abtreibungen durchführen. Neben Pro Familia auch fünf bis sechs niedergelassene Gynäkologen sowie mehrere Krankenhäuser. In anderen Städten sieht das anders aus. Janda sagt: "Ich finde die Postleitzahlen unserer Patientinnen mittlerweile absurd." Das medizinische Zentrum in Bremen versorge die komplette Nordseeküste mit und große Teile des niedersächsischen Umlands.

Abbrüche gehören zum Leben

"Ungewollte Schwangerschaften wird es immer geben", sagt Janda. Das gelte für Frauen von 14 bis 50 aus allen Schichten. Trotzdem sehe sie einen Fokus auf Frauen mit Migrationshintergrund und wenig Geld. Diesen Frauen zu helfen, ist für Maike Janda eine politische Aufgabe – und eine gesellschaftliche. Denn so manche Frau sehe keine Chance, ein (weiteres) Kind großzuziehen, weil ihnen dazu die Unterstützung ihrer Partner und die finanziellen Mittel fehlten.

Wir müssen die Gesellschaft so ändern, dass Frauen die Schwangerschaft nur abbrechen, wenn etwas total Krasses passiert. Denn momentan sind die Gründe, warum Frauen Schwangerschaften abbrechen, Gründe, die wir ändern könnten. Und das ist schwer zu ertragen.

Maike Janda, Abbruchärztin bei Pro Familia

Zurzeit setzt Janda alles daran, möglichst mehrere Nachfolger für ihre Stelle bei Pro Familia zu finden. Sie selbst würde demnächst gerne ihre Facharzt-Ausbildung beginnen. Dem medizinischen Zentrum möchte sie trotzdem treu zu bleiben. Mindestens einen Tag pro Woche würde sie gerne auch weiterhin hier arbeiten – so lange, wie es eben nötig ist.

* Name von der Redaktion geändert

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Autorin

  • Sarah Kumpf

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 2. Dezember 2019, 23:30 Uhr