Interview

Fynn Kliemann: "Ich habe den Wertekompass aus dem Auge gelassen"

Fynn Kliemann, deutscher Musiker und YouTuber, steht auf seinem Hof „Kliemannsland“ im Ortsteil Rüspel.

Fynn Kliemann: "Ich habe den Wertekompass aus dem Auge gelassen"

Bild: DPA | Hauke-Christian Dittrich

Bremen Vier hat mit ihm über die Betrugsvorwürfe gegen ihn gesprochen. Kliemann gibt Fehler zu und sagt, er habe sich feiern lassen für Dinge, an denen er nicht beteiligt war.

Der Influencer Fynn Kliemann steht unter Druck. Der Satiriker Jan Böhmermann hat in seiner Show über Geschäfte mit Schutzmasken berichtet, die nicht transparent gelaufen sein könnten. Kliemann reagiert – und will in Zukunft nur noch Projekte angehen, die 100 Prozent durchdacht und geprüft sind. Das sagt er im Interview mit Bremen Vier.

Es steht der Vorwurf, dass Masken, die in Bangladesch und Vietnam produziert wurden, als faire europäische Ware verkauft wurden. Was ist da dran?
Die Firma Global Tactics hat Masken in Bangladesch produzieren lassen und ich habe sie mit dem Produzenten verknüpft – für die Produktion. Man muss die Situationen auseinanderhalten. Dort sind Masken für Großhandelskontrakte produziert worden, aber ich bin nicht an der Firma beteiligt. Ich habe die nicht verkauft und ich habe die auch nicht beworben. Sondern ich habe nur zwei Freunde von mir, nämlich den Produzenten und den Verkäufer miteinander verknüpft und gesagt: 'Guck mal, du brauchst mehr, der kann die vielleicht machen.'

Und was ich dann natürlich vollkommen falsch gemacht habe, ist, dass ich erstmal zu wenig drauf geachtet habe, wo überall mein Name verwendet wurde. Nehmen wir zum Beispiel About You. Da stand oderso auf der Website. Ich habe mich am Anfang gewehrt, dass ich da Verwendung finde. Dann haben die sich einfach ein eigenes Logo gebaut, was so ähnlich aussah und ich habe das nicht weiterverfolgt.

Ich war immer zu wenig im ganzen Prozess und habe in den entscheidenden Situationen, wo irgendwo was augenscheinlich Gutes passiert ist, [...] gesagt: 'Ja, wir haben Masken gespendet.'

Dafür kann ich mich nur entschuldigen, dass ich mich immer wieder von der Öffentlichkeit habe für Dinge feiern lassen, in denen ich eben nicht dringesteckt habe. Aber das ist sehr komplex. Dadurch, dass ich gesagt habe, ich habe das gemacht – auf dem Papier stecke ich aber weder in den Firmen, noch habe ich irgendeine Entscheidung getroffen. Jetzt ist natürlich die Verwirrung perfekt.

Fynn Kliemann über die Betrugsvorwürfe gegen ihn

So, und die Verwirrung müssen wir jetzt entwirren und das ist das, was ich in den nächsten Wochen machen werde oder gerade Tag und Nacht tue. Alles aufzuarbeiten und genau zu zeigen, was ist eigentlich wo und von wem produziert worden.

Warum haben Sie dann vorgegeben, dass diese Masken fair in Europa produziert worden sind?
Da muss man noch einmal unterscheiden: Es gibt Masken, die ich verkauft habe über einen speziellen Shop, der hieß 'maskeoderso.de' und über diesen Shop habe ich faire Masken aus Europa verkauft. Und diese Masken waren ausschließlich aus Portugal und Serbien. Ich habe nie eine Maske beworben aus Bangladesch oder sonst wo.
Man muss verstehen, die Bangladesch-Masken, die Global Tactics und Adrian Ahrens von Texsolution produziert haben, waren ausschließlich für Großhandelskontrakte und Handelspartner von Global Tactics. Und die Masken wurden unter anderem, so wie es jetzt aussieht, auch an About You verkauft. Und die Maske bei About You – und das ist eigentlich der Kasus Knaxus – hat ein Logo, das so ähnlich aussah wie meines, auf ihrer Website verwendet. Darum geht es jetzt gerade. Ich war da viel zu wenig hinterher und hätte sagen müssen: Da steht mein Name drauf, ich muss wissen, was da drinsteckt. Ich habe geprüft, was genau wird wie und wo verkauft. Das ist mein Riesenproblem und dafür kann ich mich nur entschuldigen, weil die Leute mir vertrauen.

Auf meiner Website war alles richtig und alles, was ich selbst kommuniziert habe, war komplett sauber. Aber da wo andere Leute verschiedene Deals miteinander gemacht haben, wurde manchmal mein Name verwendet. Das war in der Zeit ja egal, weil es einfach Freunde waren, die miteinander versucht haben, so schnell wie möglich den Leuten Schutz für die Münder zu liefern. Und dann hat Global Tactics eben auch an Großhandelskonzerne verkauft und da waren unter anderem Bangladesch-Masken drin oder die wurden irgendwie mit meinem Namen in Verbindung gebracht. Da habe ich mich zu wenig differenziert.
Wie geht das jetzt weiter und was für Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Nochmal – das ist wirklich total wichtig: Alle Leute, die eine Maske bei mir gekauft haben, haben eine portugiesische oder serbische Maske gekauft. Also alle, die über 'maskeoderso.de' eine Maske bestellt haben, haben genau das gekauft, was draufstand. Anfänglich habe ich alles 100 Prozent selbst gemacht und jeden Prozess überblickt, jedes Packet gepackt.

Aber dann ist es gewachsen und gewachsen und irgendwann habe ich viele Dinge aus den Augen verloren. Die Teams sind größer geworden und ich habe tatsächlich auch irgendwie den Wertekompass aus den Augen gelassen. Es ging mir früher nie darum, Geld zu verdienen. Aber jetzt habe ich mir in diesen Situationen was vorgemacht und gesagt: 'Ja, ich mach das alles für einen guten Zweck'. Aber ein Teil davon war natürlich auch immer finanzielle Entlohnung an dem Verkauf von Masken über meinen Shop. Und das muss ich mir einfach eingestehen, dass es halt auch manchmal um das Unternehmertum ging.
Wenn ich nun aber eine Sache mache – und so muss die Zukunft aussehen – dann muss sie zu 100 Prozent wirklich so wie früher durchdacht, durchblickt, wahr und geprüft sein. Alles andere, was diesem Anspruch nicht entspricht, kann ich dann nicht mehr machen.
Was war mit den fehlerhaften Masken, die an die Flüchtlinglager gegangen sind? In Ihrem Statement sagen Sie, die Masken seien zu groß gewesen. Aber es gibt Bilder, auf denen man sieht, dass sie zu dünn oder zerrissen oder einfach auch von schlechter Qualität waren.
Absolute Katastrophe. Es ist so: Die Situation ist so komplex wie alle anderen auch, im Grunde ist sie aber ganz einfach: Der Produzent in Bangladesch hat für Global Tactics zunächst 100.000 Masken produziert. Dann haben verschiedene Flüchtlingslager angefragt: 'Ey, wir brauchen hier unbedingt irgendwas, schickt uns irgendwas'. Und man erinnert sich, in dieser Situation sind viele Leute mit dem Schal vorm Mund in den Supermarkt gegangen. Alles war besser als nichts. Es gab ja keine Regelung für irgendwas. Man konnte aus einem Socken eine Maske nähen. Diesen Ansatz hatten die, aber man müsste die eigentlich selbst fragen. Ich sag, was ich von Global Tactics weiß. Die haben zusammen mit dem Produzenten die Masken an ein Flüchtlingscamp gespendet. Global Tactics hat die nie kontrolliert. Die Masken sind direkt aus Bangladesch in Kartons umgeladen worden und dann in Container ins Flüchtlingscamp geschickt worden.

Das Einzige, was ich davon gesehen habe, waren Bilder von Leuten, die glücklich waren. Dann habe ich die Rückmeldung bekommen: Du, die sind super, alle sind zufrieden, die Masken sind nur ein bisschen größer als sie ursprünglich geplant waren.

Fynn Kliemann

Das war wohl der Grund für den Versand. Diese Information hatte ich. Und dann ging dieses Thema online viral, und ich war wieder mittendrin. Es hieß 'Fynn Kliemann hat Masken gespendet' und dann habe ich halt gedacht 'Cool, ich werde hier mitgerissen in eine gute Sache'.

Das ist ein Riesen-Fehler, den ich mir eingestehen muss. Ich habe die Masken nicht gespendet. Ich habe mich online dafür abfeiern lassen, dass andere sie gespendet haben und jetzt im Nachhinein kommt eben raus, dass die Qualität absolut unzureichend war. Das ist unfassbar und es geht nicht nur darum, dass mein Name darauf stand, sondern auch darum, dass Leute vor Ort keinen Schutz hatten. Und damit will man natürlich nichts zu tun haben und vor allem hätte ich die Sorgfaltspflicht gehabt, wenn mein Name daraufsteht. Ich hätte prüfen müssen, wie die Masken aussehen und ob sie einwandfrei sind. Beziehungsweise wenn ich denn drauf stehe, muss ich es kontrollieren.

Wird es denn jetzt eigentlich auch irgendwelche juristischen Konsequenzen geben?
Es ist ein menschlicher Fehler, den ich gemacht habe. Ich habe mich in einer Situation für Dinge feiern lassen, in der es gerne gesehen war, dass jemand Gutes tut. Und wir haben ja auch extrem viel tolle Sachen. Als es keine Masken gab, habe ich 30.000 Masken in dem Maskenshop aus Europa an Leute gebracht. On top ist von dem Produzenten im Hintergrund natürlich sehr viel mehr passiert, was sich jetzt rausstellt. Das ist mitunter alles andere als sauber gelaufen. Aber daran bin ich weder beteiligt, noch habe ich von den meisten Geschichten im Hintergrund gewusst. Aber es soll keine Entschuldigung sein, weil ich mich nun einmal auch überall draufgeschrieben habe, deswegen hätte ich mich da viel intensiver informieren müssen.
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Fynn Kliemann über die Betrugsvorwürfe

Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Malin Kompa Moderatorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Bremen Vier läuft, 7. Mai 2022, 11:40 Uhr