Als vor 60 Jahren eine schwere Sturmflut in Norddeutschland wütete

Ein Nordweststurm verursachte 1962 eine der größten Sturmfluten des Jahrhunderts. Das gesamte Küstengebiet war betroffen. Die Fluten kamen bis Bremen.

"Vincinette" – übersetzt die Siegreiche – heißt das Orkantief, das die große Sturmflut vom 16. Februar 1962 ausgelöst hat. Die meisten Seedeiche hielten zwar, wurden aber schwer beschädigt. Auf den ost- und nordfriesischen Inseln riss die Flut Dünen weg. Mit Böen bis Stärke zwölf drückte der Sturm das Wasser auch in die Mündungen von Elbe und Weser.

Fährhaus der Sielwallfähre, halb unter Wasser am 17. Februar 1962 um 14.30 Uhr fotografiert.
Auf einen Aufruf von 2012 schickte uns ein Bremen-Eins-Hörer dieses Bild von der Sielwallfähre von 17. Februar 1962. Bild: Manfred Stolzenberg

In Bremerhaven verhinderte das gerade erst fertig gestellte Sturmflutsperrwerk Schlimmeres. Das alte Weserwehr in Bremen hielt Stand gegen die Wassermassen, aber die Deiche waren zu niedrig und wurden in der Nacht überspült. Eine Fläche von 50 Quadratkilometern stand unter Wasser. Betroffen waren vor allem Teile der Neuen Vahr und der Gartenstadt Vahr, aber auch der gesamte Niederungsbereich der Ochtum im Raum Bremen-Strom, Niedervieland und Woltmershausen.

Die Parzellengebiete im Stadtteil Huchting waren damals noch bewohnt von Menschen, die durch den Krieg obdachlos geworden waren. Bremens Nachkriegsbürgermeister Wilhelm Kaisen gab ihnen die Erlaubnis, in den notdürftig winterfest gemachten Gartenlauben dauerhaft zu wohnen. So entstanden die sogenannten "Kaisenhäuser".

In der Kleingartensiedlung begann schon am Abend die Evakuierung mehrerer Hundert Familien. Trotz Warnungen waren viele zu Hause geblieben. Als die Wassermassen kamen, blieb ihnen oftmals nur noch die Flucht aufs Dach. Dort warteten sie in der eisigen Februarkälte auf ihre Rettung. Sieben Menschen schafften es nicht. Aber wer diese Sturmflut überlebte, erinnert sich ein Leben lang daran.

Hamburger wurden von Flut überrascht

Die bei der Sturmflut 1962 überfluteten Gebiete in Bremen und der Umgebung sind im folgenden Bild zu erkennen.
50 Quadratkilometer des Landes Bremen standen unter Wasser, die Laubenkolonien in den Flussniederungen waren besonders schlimm betroffen. Bild: Bremischer Deichverband am rechten Weserufer

Viel schlimmer war die Lage an der Elbe. In Cuxhaven war der erste Deich gebrochen. Und die Flutwelle rollte weiter elbaufwärts Richtung Hamburg. In eine Stadt, die überhaupt nicht auf diese Katastrophe vorbereitet war. Warnungen kamen viel zu spät. Viele Menschen wurden im Schlaf überrascht. Am schlimmsten traf es Wilhelmsburg und Waltershof, wo viele Menschen seit dem Krieg in Behelfsheimen lebten. Wer nicht rechtzeitig wach wurde, hatte keine Chance. Und die Überlebenden warteten durchnässt bei eisiger Kälte auf Dächern und Bäumen auf Rettung. Die aber war zunächst noch unkoordiniert.

Am frühen Morgen übernahm Polizeisenator Helmut Schmidt (SPD) das Kommando und begann, die Rettungsmaßnahmen zu koordinieren und Hilfe von außen anzufordern: Nato-Soldaten und Pioniere der Bundeswehr mit Booten, schwerem Gerät und Hubschraubern. Allein die Hubschrauber retteten am Sonnabend mehr als 1.000 Menschen von Bäumen, Masten und Dächern. Eigentlich durfte sich die Bundeswehr 1962 laut Grundgesetz nicht an der Hilfsaktion beteiligen – Schmidt ist das egal: "Wir haben uns nicht an Gesetze und Vorschriften gehalten. Und wir haben sicherlich am Grundgesetz vorbei operiert. Es war ein übergesetzlicher Notstand" – bei dem sich Schmidt als Macher profiliert, und die noch junge und umstrittene Bundeswehr Sympathien gewinnt.

Viele Opfer vor allem unter den Ärmsten

Getroffen hat die Flut vor allem die, die im Krieg schon einmal alles verloren hatten: Vertriebene und Menschen, die ausgebombt wurden und seitdem in Laubenkolonien und Schrebergärten an der Elbe wohnten. 20.000 Obdachlose und 315 Tote wurden in Hamburg gezählt. Insgesamt kamen 340 Menschen in Deutschland bei der Sturmflut ums Leben.

Unvergessen bleibt diese Nacht für Betroffene wie Claus Kohlmann. Er hat uns 2012 seine Erlebnisse geschildert:

Bild: Radio Bremen

Autorinnen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. Februar 2022, 19:30 Uhr