Fragen & Antworten

Warum Mehrfachinfektionen mit Corona laut Studie gefährlich sind

Grafik zeigt im Vordergrund Coronaviren, im Hintergrund eine unscharfe Person in Abwehrhaltung
Wer sich mehrfach mit Corona infiziert, hat eine hohes Risiko Folgeschäden zu erleiden. (Archivbild) Bild: Imago | Shotshop

Immer mehr Bremer und Bremerhavener infizieren sich öfter als einmal mit Corona. Laut einer Studie ist das extrem schädlich. Virologe Dotzauer und Epidemiologe Zeeb klären auf.

Wer genesen ist von einer Corona-Infektion, fühlt sich oft erst mal sicher. Doch immer mehr Menschen auch in Bremen stecken sich mehr als einmal an mit Sars-Cov-2. Sogenannte Reinfektionen machen aber nicht superimmun, sie können laut einer neuen Studie aus den USA vielmehr massive gesundheitliche Folgen haben – bis hin zu einem höherem Risiko zu sterben. Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer und Epidemiologe Hajo Zeeb erklären die Fakten und Zusammenhänge.

Was sagt die Studie aus den USA genau – und wie bewerten Sie die Ergebnisse?
Die Forscher haben Menschen mit einmaliger und zweimaliger Infektion verglichen, erklärt Epidemiologe Hajo Zeeb. Sie konnten zeigen, dass bei zweimaliger Infektion das Risiko steigt, ins Krankenhaus zu kommen oder sogar zu sterben. Außerdem steigt demnach das Risiko für Schäden in vielen Organsytemen und -funktionen, etwa der Lunge, Herz, Nieren, Magen-Darm und für Diabetes. Auch die psychische Gesundheit könne beeinträchtigt werden. "Ob geimpft oder nicht spielte hierbei anscheinend keine Rolle", erklärt Zeeb weiter. Auch wenn es sich bei der Population der Studie hauptsächlich um weiße Männer handelte – sie stammt aus dem System der Veteranenkrankenkasse – ist das laut Zeeb insgesamt als wichtiger Hinweis zu werten, dass Mehrfachinfektionen besondere Probleme mit sich bringen.

Man sollte nicht darauf spekulieren: 'Je mehr ich mich infiziere, desto besser ist das, weil ich Immunität aufbaue.' Nein, der Gesundheitszustand verschlechtert sich immer mehr.

Andreas Dotzauer, Virologe Uni Bremen
Mehrfachinfektionen machen also nicht "superimmun", sondern sind gefährlich?
Ja, sagt Virologe Dotzauer. "In der Studie bezeichnen die Autoren das als akkumulierend. Das heißt, die Infekte addieren sich nicht, sie sind also nicht doppelt so schlimm, aber sie sind kumulativ, die Risiken steigen", so Dotzauer. Zum einen akut, während der Infektion sei der Verlauf schwerer. Zum anderen verstärkten sich auch die Folgeschäden. Man sollte nicht darauf spekulieren: 'Je mehr ich mich infiziere, desto besser ist das, weil ich Immunität aufbaue'. Nein, der Gesundheitszustand verschlechtert sich immer mehr."
Aber es gibt eine Immunität nach einer Infektion?
Laut Epidemiologe Zeeb wird eine Immunität durch Impfung und Infektion am besten angeregt. Zeeb spricht von einer "Basisimmunität". Die werde immer nach und nach etwas weniger und müsse durch erneutes Impfen oder Infektionen neu angeregt werden. Gerade bei Älteren und chronisch Kranken sei diese Basisimmunität nicht so gut ausgebildet, weshalb sie sich gegebenenfalls erneut infizieren. Deshalb sei eine wiederholte Impfung bei dieser Personengruppe besonders wichtig.

Bei den Risiken durch mehrfache Infektionen mit Corona tritt die vorübergehende Immunität laut Virologe Dotzauer völlig in den Hintergrund. Es sei deshalb nach wie vor wichtig, sich vor einer Infektion zu schützen – durch Impfung und andere Maßnahmen wie Masken.

Ich trage immer eine Maske, auch, wenn ich der Einzige bin.

Andreas Dotzauer, Virologe Uni Bremen
Treten die Folgeschäden bei mehrfachen Infektionen immer auf?
Wie bei jeder statistischen Auswertung werden Wahrscheinlichkeiten dargestellt. Aber diese Auswertung zeigt laut Virologe Dotzauer, dass die Risiken hoch sind. "Unser Körper, alle Organe, die betroffen waren, zeigen nicht mehr die Leistungsfähigkeit wie vor der mehrfachen Infektion", so Dotzauer. Grundsätzlich scheine das Virus, so der Virologe weiter, "zu persistieren". Das heißt: "Es ist immer länger da als man akut krank ist; wir wissen nicht, wie lange das anhält, aber solange es da ist, richtet es einen gewissen Schaden an. Verletztes Gewebe kann mit der Zeit regenerieren. Aber wenn man gleich wieder infiziert ist, reicht die Zeit nicht."
Wie wahrscheinlich ist es, sich mehrmals mit Corona zu infizieren?
Laut Virologe Dotzauer sind die akuten Symptome bei den aktuellen Omikron-Varianten oft nur milde ausgeprägt. Die sogenannte Immunantwort, also wie der Körper das Virus bekämpft, falle weniger stark aus. Es werden weniger Antikörper gebildet und diese nehmen auch schnell wieder ab, eine Reinfektion wird wahrscheinlicher. "Die Antikörper schützen uns ja, wenn sie vorhanden sind, vor einer neuen Infektion", so Dotzauer. Außerdem verändere sich das Virus noch. Neue Varianten zeigten zum Teil eine "Immunflucht" – sie können einer Immunantwort laut Dotzauer entkommen.

Man infiziert sich laut Zeeb überwiegend mit derjenigen Variante, die gerade zirkuliert, "und das kann auch wiederholt passieren, wenn es jetzt wie bei Omikron länger um einen kleinen Kreis von Varianten geht."
Wie wahrscheinlich ist es, dass man sich noch gar nicht infiziert hat mit Corona?
"Es ist aktuell sehr wahrscheinlich, dass man schon einmal infiziert war", sagt Epidemiologe Zeeb. Es sei aber schwierig, genaue Zahlen zu nennen. Geimpft und/oder infiziert seien circa 95 Prozent der Bevölkerung, sagt Zeeb, und laut RKI gibt es 36 Millionen registrierte Infektionen in Deutschland. "Das ist sicher eine deutliche Untererfassung", meint Zeeb weiter. Er geht davon aus, dass eine große Mehrheit aller Personen eine Infektion hatte.

Virologe Dotzauer sieht es ähnlich. "Viele oder fast alle hatten schon Kontakt mit dem Virus", sagt er. Doch er würde nicht in jedem Fall von einer Infektion sprechen. Es komme nicht immer zu Symptomen und einer Immunantwort durch Antikörper – dass also Antikörper entstehen, die das Virus bekämpfen. Manchmal griffen auch Immunzellen (zytotoxische t-lymphozyten) die infizierten Zellen an und zerstörten sie, damit sich das Virus nicht verbreiten kann. Wie lange diese Immunzellen vorhanden sind, ist unklar.

Dotzauer geht ebenfalls davon aus, dass die Zahlen nicht genau sind. Er schätzt, dass nur ein Fünftel der aktuell Betroffenen einen PCR-Test machen. "Wenn ich die Zahlen sehe, denke ich, die fünffache Menge ist infiziert."

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Bild: Radio Bremen

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