Zivilcourage in Bremen: "Schnell handeln und nicht lange warten"

Ein Mann wählt die Notrufnummer 110 auf einem Smartphone.
Bild: DPA | Zacharie Scheurer

Gleich zweimal schlugen Augenzeugen in den vergangenen Tagen Gewalttäter in die Flucht. Was beim Eingreifen wichtig ist, erklärt Maike Seifert vom Präventionszentrum der Polizei.

Gleich zweimal haben Menschen in den vergangenen Tagen in Bremen mit ihrem Eingreifen Schlimmeres verhindert. Als eine Gruppe Jugendlicher am Samstag eine Transfrau in einer Straßenbahn angriff, flüchteten die Täter erst, als andere Fahrgäste einschritten. Und in Vegesack griff eine Frau ein, als ein Jugendlicher am Boden liegend getreten wurde. Auch hier ergriffen die Täter die Flucht. Doch Zivilcourage kann auch gefährlich werden. Wie sich Augenzeugen richtig verhalten, erklärt Maike Seifert vom Präventionszentrum der Polizei Bremen.

Frau Seifert, am Wochenende haben Mitfahrende in einer Straßenbahn geholfen, den Angriff auf eine Transfrau zu stoppen. Eine Situation, wie sie öfter vorkommen kann. Wie verhalte ich mich als Außenstehender in so einem Fall richtig?
Wichtig ist, dass ich schnell handele und nicht lange warte, bis die Täterinnen oder Täter sich aufschaukeln. Und, dass ich möglichst schnell die Polizei rufe – lieber einmal zu viel als zu wenig. Wir sind für Sie da und wir kommen dann. Das ist ganz wichtig.

Man darf sich auf keinen Fall selbst in Gefahr bringen.

Maike Seifert vom Präventionszentrum der Polizei Bremen
Wie mutig muss man sein – muss man dazwischen gehen?
Man darf sich auf keinen Fall selbst in Gefahr bringen. Es nützt nichts, wenn dann zwei Personen Opfer sind. Deswegen lieber aus einer guten Entfernung die Polizei rufen oder vorher Mitstreiter suchen und gemeinsam einschreiten. Und bitte, bitte das Opfer ansprechen und nicht den Täter – und den Täter auch nicht beleidigen. Holen Sie das Opfer zu sich und bieten sie Hilfe an.
Also gibt es schon ein paar Regeln, die man beachten kann – fast wie ein Drehbuch. Aber wie sieht das aus?
Ja, das Drehbuch wäre eben, dass ich erst einmal gucke, wer noch in der Bahn ist: Wer kann mir helfen? Ich kann die Polizei rufen oder jemand anderem sagen, dass er die Polizei rufen soll. Und dann spreche ich das Opfer an: "Die Polizei ist unterwegs. Wir helfen Ihnen." Und das hilft oft schon, die Täter zu beruhigen, dass sie vielleicht sogar flüchten. Das wäre ja das beste.
Und was ist, wenn genau das nicht passiert? Wenn die Täter nicht vom Opfer ablassen: Wie gehe ich dann weiter vor? Man kann ja schlecht einfach nur zugucken.
Das stimmt. Aber der Täter kann ja möglicherweise noch eine Waffe dabei haben. Und es nützt nichts, wenn ich dann auch Opfer werde. Ich muss mir unbedingt Mitstreiter suchen. In der Bahn beispielsweise ist auch der Fahrer noch da. Das darf ich nicht vergessen. Dann hole ich den Fahrer. Es gibt in der Bahn Sprechstellen, da kann ich Kontakt mit dem Fahrer aufnehmen. Und der soll mir dann helfen.
Kann man lernen Zivilcourage zu zeigen?
Es ist ganz wichtig, dass ich das lerne, dass sich solche Situationen auch mal mental durchspiele. Und wir bieten von der Polizei Selbstbehauptungskurse an. Da können Sie gerne teilnehmen. Wir machen das aber auch für geschlossene Gruppen. Wenn Sie plötzlich so eine Situation erleben, fallen sie nicht in Schockstarre, Sie sind handlungsfähig – und das ist uns ganz wichtig.
Sie sind schon länger im Präventionszentrum. Hat sich die Gesellschaft in der Zeit verändert?
Ich glaube, dass es das schon immer gegeben hat, dass welche einschreiten und manche Menschen sich nicht trauen. Das wird immer so sein. Und es wird auch immer Situationen geben, in denen man vielleicht Opfer wird. Das ist leider so, und das ändert sich auch nicht.

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Autorinnen und Autoren

  • Andreas Schnur Moderator
  • Britta Uphoff

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 7. September 2022, 7:40 Uhr