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Darum lassen sich immer mehr Bremer sterilisieren

Zeichen des Fortschritts oder der Entmännlichung? Sterilisation ist ein emotionales Thema. Ein Bremer erklärt, warum er sich für die Vasektomie entschieden hat.

Ein unbekleideter Mann hält beide Hände vor seinem Geschlechtsteil.
Die Erfahrungen von einigen Ärzten und Zentren in Bremen deuten darauf hin, dass sich immer mehr Männer sterilisieren lassen. (Symbolbild) Bild: DPA | Arkadius Kozera / Imagebroker

Für einige Männer ist eine Vasektomie ein Zeichen des Fortschritts. Ein Beweis, dass sie Gleichberechtigung nicht nur unterstützen, sondern auch leben. Für andere ist sie das beste Beispiel für die moderne Entmännlichung des Mannes. Für Jonathan Müller* war es weder noch. "Ich fühle mich nicht anders als davor", erzählt er. "Das hat nichts mit Männlichkeit zu tun."

Müller ist 34 Jahre alt, trägt ein fliederfarbenes Hemd und eine beige Hose, hat eine große, drahtige Figur. Feminismus oder persönliche Einstellungen waren für ihn ebenfalls keine triftigen Gründe, um sich sterilisieren zu lassen. "Nein, überhaupt nicht, es war eine rein pragmatische Entscheidung", betont er. Er lächelt unter der bunten Atemmaske, schüttelt energisch mit dem Kopf. So, als ob er die Frage nicht zum ersten Mal gehört hätte.

Ihm ist die Entscheidung nicht schwergefallen. Sie war eigentlich sehr leicht, fast selbstverständlich. Kein langwieriges Hin und Her, kein Überdenken. Er und seine Frau hatten kürzlich ihr zweites Kind bekommen, die Familienplanung war abgeschlossen. Das sexuelle Leben sollte aber weitergehen, er ist noch nicht mal Mitte 30. Pille und Kondome als dauerhafte Verhütungsmittel kamen für ihn und für sie nicht infrage. Also beschloss er, unfruchtbar zu werden.

Für uns war der Kinderwunsch nach zwei Kindern abgeschlossen. Das Sexualleben geht aber auch nach der Schwangerschaft weiter. Wir waren uns einig, dass meine Frau nicht die Pille nehmen soll, und auch andere Methoden kamen für sie nicht infrage. Da ich bereit war, dies zu machen, war die Vasektomie die einfachste und sicherste Variante. Viele andere Verhütungsmöglichkeiten – außer Kondomen – gibt es für den Mann nicht.

Jonathan Müller*, Patient

Ärzte raten nur dazu, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist

Das war März 2020, kurz vor Beginn der Pandemie. Ein halbes Jahr ist seit der Operation vergangen. Heute sitzt Müller auf einem Sessel in einem breiten Raum der Bremer Pro Familia. Er hält die Hände verschränkt über dem Knie, die Beine überschlagen. Ein Kristallleuchter erhellt den Raum, die Abenddämmerung ist gerade eingebrochen. In dem alten Gebäude sind die Zimmer mit dunklem Holz und teils roten Tönen eingerichtet, Reliefs zieren die weißen Wände.

Dr. Christoph Essmeyer-Schoeneich steht vor einem OP-Tisch.
Der Urologe Christoph Essmeyer-Schoeneich operiert seit mehr als 30 Jahren. Bild: Radio Bremen | Serena Bilanceri

Hier werden sowohl die Vorgespräche geführt als auch die Eingriffe. Steigt man die Treppe hinunter, ins Souterrain, wird aus der nobel anmutenden Villa eine moderne Arzt-Praxis. Ein Geruch von Desinfektionsmittel kommt dem Besucher entgegen. Im Operationssaal wirft die Neonlampe ein kaltes Licht in den Raum, ein schwarzer OP-Tisch sticht vor den kahlen, weißen Wänden heraus. "Hier werden die Vasektomien durchgeführt", erläutert der Urologe Christoph Essmeyer-Schoeneich.

Wer sich sterilisieren lassen will, muss zuerst zu einem Gespräch kommen. Dort werden der Ablauf der Operation, die Folgen und eventuelle Risiken erklärt. "Wenn jemand unter 30 und noch kinderlos ist, frage ich noch mal nach", sagt Essmeyer-Schoeneich. Denn die Sterilisation lässt sich im Prinzip rückgängig machen. Eine Garantie, dass die sogenannte Refertilisierung erfolgreich ist, gibt es allerdings nicht. Daher raten Ärzte, eine Vasektomie nur dann vorzunehmen, wenn keine Kinder – oder keine weiteren – erwünscht sind.

Vasektomie risikoärmer als weibliche Sterilisation

Für Männer, die ihre Familienplanung bereits abgeschlossen haben und sich in ihrer Entscheidung sicher fühlen, kann die Vasektomie nach Angaben des Arztes eine praktische Lösung der Verhütungsfrage sein. Im Gegensatz zur weiblichen Sterilisation gilt sie als risikoarm und relativ unkompliziert. "Das Risiko, dass sich die Stelle entzündet, ist extrem gering", sagt der Urologe. Seit 1986 operiert er. Bei der Frage, ob jemand es bereut habe, schüttelt er die weißen Haare. "Ich habe es selten erlebt", sagt er und lächelt hinter der geränderten Brille.

Seit zwei Jahren soll es laut dem Arzt wieder eine steigende Zahl von Männern geben, die eine Vasektomie anstreben. Drei bis fünf in der Woche seien es im Schnitt, etwa 200 im Jahr. Und auch das Vasektomie-Zentrum in Bremen vermeldet einen ähnlichen Trend. Im vergangenen Jahr seien es 150 Anfragen gewesen, dieses Jahr bereits um die 180.

Anzahl der männlichen Sterilisierungen im Vasektomie-Zentrum Bremen

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Die meisten Männer sind laut Pro Familia zwischen 30 und 45 Jahre alt, von sozialer Herkunft oder Bildungsstatus her ziemlich gemischt. Manche hätten die Abtreibung der Partnerin erlebt oder würden Kondome zu unsicher finden. Da jedoch die Kosten für den Eingriff von den Krankenkassen nicht übernommen werden, könnten sich Menschen aus einkommensschwachen Familien den Eingriff nicht immer leisten, fügt die Krankenschwester Sabine Ruppert hinzu.

Krankenschwester: Hartz-IV-Empfänger haben oft keine Wahl

Die Krankenkassen tragen die Ausgaben für die Vasektomie nur dann, wenn sie medizinisch erforderlich ist. "Die Kosten der Anti-Baby-Pille für Hartz-IV-Empfängerinnen können von der Stadt übernommen werden, aber nicht die der Sterilisation für den Mann", bemängelt Ruppert. "Damit bleibt die Verhütung an den sozial schwachen Frauen hängen."

Eine Hartz-IV-Familie kann sich keine Sterilisation leisten. Ich fände es gut, wenn auch die Männer in diesen Haushalten diese Möglichkeit hätten.

Sabine Ruppert, Krankenschwester

In der Regel kosten Operation und Nachbehandlungen um die 400 Euro. Langfristig dürfte dies jedoch die Kosten anderer Verhütungsmittel unterschreiten, weshalb die Sterilisation von manchen als günstige Form der Verhütung angesehen wird.

Eingriff dauert etwa 20 Minuten

Für Müller hat Geld im Abwägungsprozess keine Rolle gespielt. "Es war eine gemeinsame Entscheidung von mir und meiner Frau. Die Vasektomie hatte für mich keine beschneidende Bedeutung. In meinem Freundeskreis gibt es außerdem mehrere, die sie haben durchführen lassen", erzählt er zurückhaltend, aber entspannt. Der Eingriff an sich sei "keine große Sache" gewesen, nur ein paar Mal leicht unangenehm, es habe gezogen. Er sei aber mit dem Auto problemlos hin- und zurückgefahren.

Etwa 20 Minuten dauert die Operation. "Kann man in der Mittagspause machen", scherzt Müller. Nach einigen Wochen muss der Patient Spermaproben untersuchen lassen – zweimal. Sind Spermien nicht mehr nachweisbar, ist der Eingriff gelungen. Das sexuelle Leben habe die Vasektomie nicht beeinflusst, erzählt Müller. Schmerzen habe er auch nicht. Doch wie reagieren Freunde und Verwandte, wenn man sagt, man wolle sich sterilisieren lassen? Seine Eltern hätten die Entscheidung "unkommentiert gelassen". Seine Frau sei aber dankbar, dass sie sich nicht mehr um die Verhütung kümmern muss.

*Name von der Redaktion geändert.

Beratungsstelle "Pro Familia" in Bremen wird 50

Video vom 28. Oktober 2019
Zwei Hände halten diverse Verhütungsmittel.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 19. Oktober 2020, 23:30 Uhr