Interview

Tag der Erfinder: Wie aus Bremer Ideen Produkte werden

Kerzenständer "Chuck" und Förderband "Celluveyor" sind zwei Erfolgspatente aus Bremen. Eine Expertin verrät, wie das Erfinden heute funktioniert.

Gründer Cellumation stehen vor ihrer Erfindung
Die Erfinder des innovativen Förderbands "Celluveyor" haben ein Startup gegründet. Bild: InnoWi | Jonas Ginter
Frau Riegger, Rudi Carrell hat mal gesagt, eine gute Idee erkenne man daran, dass sie geklaut wird. Würden Sie das unterschreiben?
Ja, das fasst es eigentlich gut zusammen. In unserem Falle müsste es aber wohl präziser heißen: Eine Idee ist gut, wenn andere sie unerlaubt nutzen und wir deshalb eine Patentklage anstrengen müssen.
Sie haben jüngst einen Kerzenhalter namens "Chuck" zum Patent angemeldet. Was macht dieses Produkt patentwürdig?
Es gibt drei Kriterien, damit eine Idee patentierbar ist. Sie muss erstens neu sein, sie muss zweitens eine erfinderische Höhe haben, also nichts allzu naheliegendes Beschreiben, auf das jeder ohne großes Nachdenken gekommen wäre. Drittens muss noch die gewerbliche Anwendbarkeit einer Produktidee gegeben sein. Bei "Chuck", der von einem Professor an der Hochschule für Künste in Bremen entwickelt wurde, sehen wir alle drei Kriterien erfüllt. Denn anders als herkömmliche Kerzenhalter funktioniert er mit allen Kerzen, ob klein, groß, dick oder dünn. Außerdem verfügt er an der Unterseite über ein besonderes Gewinde, was eine Patentierung rechtfertigt. So schnell wie bei diesem Produkt haben wir übrigens selten ein Patent erhalten. Das ging in zwei Monaten durch, während es bei anderen mehrere Jahre vom Antrag bis zur Erteilung dauern kann.
Werden bei Ihnen auch Ideen eingereicht, die nicht so gut sind?
Es gibt natürlich immer wieder Erfinder, die meinen, sie hätten endlich eine Art Perpetuum mobile erfunden, mit dem sie auf komplexe Weise aus Wasser Energie gewinnen können. Solche Fälle, die gegen physikalische Gesetze verstoßen, lehnen wir natürlich ab. Spannend war aber zum Beispiel unser Cocktail-Automat. Die Idee hatten Studenten vor rund zehn Jahren eingereicht. Im Prinzip konnte man mit dem Handy eine Mischung aus alkoholischen Getränken und Säften festlegen, die danach von der Maschine zusammengemischt wurden. Den von den Studenten gebauten Prototypen haben wir uns nochmal zu unserer Zehn-Jahres-Feier ausgeliehen. Das Problem war leider: Schütteln und rühren konnte er nicht. Das Patent haben wir dann auch auslaufen lassen.
Das Know-how steckt jetzt vermutlich im Thermomix.
Unterschätzen Sie nicht den Thermomix! Da stecken inzwischen mehr als hundert Patente drin.
Patente von großen Unternehmen, seien es Vorwerk, Airbus oder Daimler, machen ja einen Großteil der Anmeldungen aus. Gibt es denn noch Tüftler, die wie Daniel Düsentrieb im Alleingang Erfindungen entwickeln?
Eine aktuelle Erfindung, die ich toll finde, ist ein keramisches Fixierungsimplantat, das wir vermarkten. Interessant ist auch dessen Entstehungsgeschichte. Der Erfinder ist ein Materialforscher der Uni Bremen. Der hat eines Tages ein paar befreundete Ärzte gefragt: Was würdet ihr euch für eure Arbeit wünschen, hättet ihr einen Wunsch frei? Die Antwort war: Eine Knochenschraube aus Keramik. Denn die hat unter anderem den Vorteil, dass sie mit dem Knochen verwachsen kann – und Patienten so eine zweite Operation erspart bleibt. Der Professor hat dann herumprobiert und getestet. Die medizinische Phase-I-Studie ist durch. Derzeit verhandeln wir über einen Lizenzvertrag mit einer Firma aus der Schweiz.
Wäre es überhaupt noch möglich, solchen Erfindungen als Privatperson im Alleingang zum Durchbruch zu verhelfen?
So genannte freie Erfinder, die durchschlagenden Erfolg haben, sind selten. Aber es gibt auch immer wieder Erfindungen, die zu Uni-Ausgründungen führen. Die Bremer Cellumation GmbH ist zum Beispiel von vier Studenten gegründet worden. Sie haben am Bremer Institut für Produktion und Logistik ein System namens "Celluveyor" entwickelt, das mit kleinen Förderrädern jedes einzelne beförderte Paket ansteuern und individuell bewegen kann. Wir haben uns die Idee damals zusammen angeguckt. Und mittlerweile arbeiten sie mit einem spanischen Produzenten zusammen und sind am Markt erfolgreich. Alleine hätten ihnen wohl die finanziellen Mittel zur Markteinführung gefehlt.
Stoßen auch Sie als Vermittler und Förderer manchmal an Grenzen?
Ja, leider. Wir mussten zum Beispiel gerade ein Patent an die Erfinderin zurückgeben. Sie ist Ärztin und hat die Grundlage für ein Medikament entwickelt, dass die Wundheilung bei Frühchen fördert. Die Erprobung verlief zwar erfolgreich, doch die nun erforderlichen klinischen Studien sind sehr teuer und übersteigen unsere finanziellen Mittel. Hinzu kommt, dass wir für eine internationale Vermarktung auch Patentanwälte vor Ort in den USA und China bräuchten. Denn dort wird es immer schwieriger Patente durchzusetzen. Neben der Behandlung von Frühchen könnte das Mittel allerdings auch als kosmetisches Produkt zur Hautgenerierung genutzt werden. Dabei versuchen wir die Chirurgen weiterhin zu unterstützen. In China gibt es dafür beispielsweise erste Interessenten.

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Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. November 2019, 23:30 Uhr