Interview

Reicht der empfohlene Abstand für Radfahrer und Jogger gar nicht aus?

Eine Studie macht die Runde in den sozialen Netzwerken: Demnach müssten Radfahrer eigentlich 20 Meter Abstand halten, um sicher zu sein vor dem Coronavirus. Der Bremer Virologe Dotzauer ordnet das ein.

Video vom 15. April 2020
Zwei Frauen die am Wasser Joggen, vor unter hinter Ihnen sind Fahrradfahrer.
Bild: Radio Bremen

In Medien und sozialen Netzwerken wird eine belgisch-holländische Studie herumgereicht. Die Autoren haben untersucht, wie weit sich die Corona-Viren beim Gehen, Laufen und Fahrradfahren verbreiten. Das Ergebnis: Im Windschatten reicht der empfohlene 1,5-Meter-Abstand nicht aus. Etwa fünf Meter raten die Autoren beim schnellen Gehen, zehn Meter beim Joggen oder langsamen Fahrradfahren und 20 Meter beim schnellen Fahrradfahren. Wer nebeneinander läuft – oder zumindest schräg dahinter – hat weniger Chancen, kontaminierte Lufttröpfchen abzubekommen. Dabei könnte der übliche Abstand ausreichend sein.

Doch es gab auch Kritik an der Studie. buten un binnen hat den Bremer Virologen Andreas Dotzauer um eine Einschätzungen der Ergebnisse und der aktuellen Entwicklungen bei den Corona-Maßnahmen gefragt.

Prof. Dotzauer, was halten Sie von dieser Studie?
Es macht natürlich Sinn, so etwas zu untersuchen. Und die Ergebnisse zeigen nichts Verwunderliches. Ich habe keine große Kritik an dieser Studie. Aber, wie die Autoren selbst sagen: Es ist unter idealisierten Bedingungen durchgeführt worden. Es fehlt zum Beispiel: Was passiert, wenn ein starker Wind in eine bestimmte Richtung weht? Oder wie beeinflusst die Luftfeuchtigkeit das Ergebnis?
Finden Sie aber dann die Empfehlungen der Autoren über größere Abstände beim Gehen, Joggen oder Fahrradfahren sinnvoll?
Diese Angaben ergeben sich natürlich aus dieser Simulation. Es sind Richtwerte, keine absoluten Werte. Die Studie zeigt letztendlich, dass es viel mehr Sinn macht, nebeneinander zu laufen als hintereinander. Sollten die Beschränkungen gelockert werden und wieder kleine Gruppen zusammen joggen dürfen, könnte man schon diese Studie im Hinterkopf behalten. Oder beim Fahrradfahren.
Aber 20 Meter Abstand beim Fahrradfahren, zehn Meter beim schnellen Laufen – wie soll das auf Bremer Straßen denn gehen?
Praktikabel finde ich es nicht. Man sollte am besten mit so wenigen Menschen wie möglich unterwegs sein und dann eher nebeneinander. Darauf zielt man. Die Studie an sich ist vor allem von akademischem Interesse. Sich darauf zu stürzen und sagen: 'So muss man sich verhalten' ist sicherlich nicht richtig. Klar ist jedoch, dass Abstände wichtig sind – auch, wenn man sich bewegt.
Heute wird über die Weiterführung der Corona-Einschränkungen entschieden. Einige Experten empfehlen eine Lockerung für bestimmte Einrichtungen oder Gruppen, andere im Gegenteil eine Verschärfung der Maßnahmen. Wo liegen Sie auf diesem breiten Spektrum?
Wir sehen eindeutig, dass die Maßnahmen, die ergriffen wurden, Erfolg zeigen. Man darf aber nicht vergessen, dass das Virus noch da ist. Es finden jeden Tag neue Infektionen statt. Wenn man jetzt anfängt, erfolgreiche Maßnahmen aufzuheben – das geht auf keinen Fall. Begleitende Maßnahmen sind notwendig.
Was meinen Sie damit?
Wenn man Geschäfte beispielsweise wieder öffnet: Dass man die Zahl der Kunden im Laden einschränkt und Abstände einhält. Dass man anfängt, Mundschutzmasken zu tragen und Spender für Desinfektionsmittel am Eingang hängt. Und dass die Menschen weiterhin gewisse Abstände einhalten.
Was halten Sie vom Einsatz des Antikörper-Tests? Sollte man ihn vielleicht so flächendeckend wie möglich einsetzen, wie einige Wissenschaftler vorschlagen?
Ja, natürlich. Wir haben keinerlei Ahnung, wie hoch die Dunkelziffer ist. Was der Antikörper-Test nicht anzeigt, ist, wer gerade akut infiziert ist. Aber er zeigt, wie viele Leute tatsächlich infiziert waren. Und damit, wie viele Leute noch nicht immun sind. Es wäre wichtig, das zu wissen. Wenn man zu früh testet, kann man natürlich ein falsches negativ haben, weil die Antikörper sich noch nicht gebildet haben. Die aktuell verfügbaren Antikörper-Tests  sind aber insgesamt eher zuverlässig.  Wenn man sie flächendeckend einsetzen könnte, wäre es schon prima.
Wieso macht man das nicht?
Die Tests sind inzwischen knapp. Es wäre also wichtig, dass man bestimmte Gruppen testet. In Bremen haben wir damit angefangen. Das Projekt wurde vom arbeitsmedizinischen Dienst initiiert. Wir testen bestimmte Gruppen im öffentlichen Dienst: Polizisten, Feuerwehrleute, Verwaltungsmitarbeiter und so weiter. Es ist aber noch zu früh, um genaue Aussagen über die Ergebnisse zu machen.

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. April 2020, 19:30 Uhr