Wie eine Gurke zum Weihnachts-Bestseller im Schnoor wurde

Olaf Nehlsen im Weihnachtsgeschäft im Schnoor.
Weihnachtsmacher bei der Arbeit: Olaf Nehlsen zeigt einen seiner Bestseller – abgesehen von der Gewürzgurke. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

Victoria Petre und Olaf Nehlsen sorgen für ganzjährige Weihnachtsstimmung im Schnoor. Was ihre Zulieferer ein ums andere Mal verwirrt, begeistert ihre Kunden.

"Das ist das beste Weihnachtsgeschäft, das ich kenne", sagt eine Rentnerin in bordeauxrotem Mantel und verstaut ihre gerade gekauften Christbaumkugeln in einer Tragetasche. "Und glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Ich komme aus München. Und ich war schon in New York, um Weihnachtsschmuck zu kaufen. Aber nirgendswo ist es so wie hier."

Olaf Nehlsen steht auf der anderen Seite des Verkaufstresens und schmunzelt. Gemeinsam mit seiner Frau Victoria Petre hat er vor dreieinhalb Jahren die "Weihnachtsträume" übernommen – jenes Geschäft, das seit 1992 eine Institution im Schnoor ist. "Wenn die Touristen im Hochsommer den großen Weihnachtsmann vor unserer Ladentür sehen, gucken sie erstmal neugierig", sagt er. Das Geschäft sei zum Ausgangspunkt für Reisegruppen geworden, um von dort aus den Schnoor, die Böttcherstraße und das Marktplatzensemble um Rathaus, Roland und Stadtmusikanten zu erkunden.

Der Weihnachtsmann grüßt 361 Tage im Jahr

Auch die Öffnungszeiten sind – zumindest aus Sicht von Touristen – ein Traum. Denn geschlossen ist der Laden nur an vier Tagen im Jahr: zu Neujahr, am Karfreitag und an Weihnachten selbst.

Einganz zum Weihnachtsgeschäft im Schnoor.
Grüßonkel und Anlaufstelle: Der Weihnachtsmann gehört zu den meistfotografierten Sehenswürdigkeiten im Schnoor. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

361 Tage Weihnachten im Jahr, das war auch für das Unternehmerehepaar eine Herausforderung. Zumal sie eigentlich ganz anders geplant hatten. Zu den "Weihnachtsträumen" seien sie letztlich "wie die Jungfrau zum Kinde gekommen", sagt der 51-jährige Nehlsen. Er habe 2014 gemeinsam mit seiner Frau ein Ladengeschäft in guter Lage gesucht. Wobei es eigentlich in Richtung Mode gehen sollte. Durch Zufall seien sie dann an dem Schild vorbeigelaufen, auf dem das Geschäft zum Verkauf angeboten wurde.

Dieses Schild hatte die damals 71-jährige Gründerin der "Weihnachtsträume", Uschi Fritz, aufgehängt, nachdem sie die Schließung des Geschäfts über einige Jahre hinweg immer wieder hinausgeschoben hatte. Das Thema war damals Stadtgespräch – im wahrsten Sinne des Wortes. "Als sich herumgesprochen hatte, dass ich den Laden demnächst schließen will, da rief sogar die Stadt bei mir an und fragte mich – ich sage das jetzt mal mit meinen Worten – ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte", sagt Uschi Fritz und lacht. "Die haben gesagt: Sie können doch den Laden nicht zumachen, das ist eine Institution, das kommt überhaupt nicht in Frage!"

Die Stadt brachte Uschi Fritz auf eine Idee

Olaf Nehlsen im Weihnachtsgeschäft im Schnoor
Weihnachtskugeln brauchen Platz: 200 Quadratmeter Verkaufsfläche stehen fast 400 Quadratmeter Lager gegenüber. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

Die Stadt habe sogar angeboten, einen Käufer zu finden. "Ich war bis dahin gar nicht auf die Idee gekommen, das Geschäft zu verkaufen", erinnert sich die Unternehmerin. So entschied sie sich, es mal mit dem Schild zu probieren. 30 Bewerbungen von potenziellen Käufern kamen so zusammen. Das Problem: Die meisten von ihnen stellten sich aus Sicht von Uschi Fritz als ungeeignet heraus. "Stellen Sie sich vor, das hätte jemand bekommen, bei dem das dann den Bach runtergeht – das wäre fürchterlich gewesen!"

Und die wenigen, die geeignet gewesen wären, wollten den Preis nicht zahlen, den die rüstige Unternehmerin für ihr Lebenswerk verlangte.

Neuer Ladenmieter mit dem nötigen Kleingeld

Doch dann standen Olaf Nehlsen und Victoria Petre vor ihrer Tür. "Er ist ein toller Typ, und sie kann wunderbar dekorieren", sagt Uschi Fritz, die das Paar gleich ins Herz schloss und sich bis heute regelmäßig mit ihren Nachfolgern austauscht.

"Als wir Frau Fritz kennengelernt haben, waren wir schnell auf einer Wellenlänge", sagt Olaf Nehlsen. Das weihnachtliche Ambiente, die knarzenden Holzdielen des vier Jahrhunderte alten Speicherhauses, in dem das Geschäft sich heute befindet, und die Stadtmauerreste aus dem 13. Jahrhundert im Erdgeschoss taten ihr Übriges.

Der Preis war ebenfalls keine Hürde. Das "nötige Kleingeld" verdankt Nehlsen auch dem Umstand, dass er ein Spross der gleichnamigen Bremer Unternehmerfamilie ist, die es mit ihren Müllfahrzeugen zu Wohlstand gebracht hat. Operativ ist er seit Jahren nicht mehr im Unternehmen tätig. Sein Geld hat er vor allem in Immobilien gesteckt. "Zur Altersvorsorge habe ich beispielsweise auch im Schnoor in ein paar Wohnungen und Läden investiert", sagt Nehlsen. Dass er jetzt einen Steinwurf entfernt den Weihnachtsladen führt, sei dabei keinesfalls geplant gewesen.

Weihnachten 2018 beginnt im Januar

Dies gelte im Übrigen auch für den Zeitaufwand, den er ursprünglich für das Projekt "Weihnachtsträume" vorgesehen hatte. "Eigentlich wollte ich das Geschäft nebenbei betreiben", sagt er. Mittlerweile sei es jedoch fast zu einem Fulltime-Job geworden – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Denn Einkauf, Logistik, Lagerung und Dekoration für die nächste Weihnachtssaison beginnen für das Ehepaar bereits im Januar. Dann findet in Frankfurt die "Christmasworld" statt, mit rund zehn Hallen die wichtigste Branchenmesse des Jahres. "Da bestellen wir rund 90 Prozent der Waren für das kommende Weihnachtsfest", sagt Nehlsen. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Lieferung nicht – wie in der Branche üblich – im Oktober oder November zu erfolgen hat, sondern "sofort". Viele Zulieferer verstünden das zunächst nicht, sagt der Weihnachtsunternehmer. Auch dies sei eine Herausforderung.

Es müssen nicht immer Sterne und Engel sein

Victoria Petre mit drei Schneemännern im Weihnachtsgeschäft im Schnoor
Weihnachtsmacherin bei der Arbeit: Victoria Petre hat auch die jüngere Zielgruppe im Blick. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

Über das gesamte Jahr verteilt trifft dann Woche für Woche neue Ware ein – die dann in die Dekoration eingebunden werden muss. Von den rund 1.500 unterschiedlichen Artikeln, die das Weihnachtsgeschäft im Schnoor führt, werden dabei pro Jahr bis zu 300 durch neue ersetzt.

"Die Trends für 2018 versuchen wir dann abzubilden", sagt Nehlsen. Wobei er mit der Trendvorhersage seit zwei Jahren etwas vorsichtiger geworden ist. Damals hatte er auf die entsprechende Frage eines Fernsehreporters im Brustton der Überzeugung "Kupfer" als großen Trend für das kommende Weihnachten ausgerufen. "Heute habe ich bestimmt noch 90 bis 95 Prozent der Kupferkugeln, die ich damals gekauft habe, auf Lager."

Inzwischen würden die Menschen oftmals verschiedene Stile und Farben mischen. Da könne dann auch mal ein Fuchs oder ein hochhackiger Kristallschuh im Baum hängen. "Die sind besonders beliebt, weil man dort auch mal einen Gutschein oder ein bisschen Geld hineinstecken kann", sagt Victoria Petre. Die 37-Jährige hat viele jener Produkte, die vor allem jüngere Kunden erreichen sollen, ausgesucht.

Mit Lichterketten die Verkaufsräume beheizt

Glanz und Glitter im Weihnachtsgeschäft im Schnoor.
Unverkäuflich: Diese Puppe stammt noch aus der Zeit, als Uschi Fritz den Laden führte. Sie wacht über ihr lebendiges Erbe. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

Doch auch um eigene Kreationen ist sie bemüht. So hat sie beispielsweise die kleinen Lichterketten, die inzwischen ein Dauerbrenner in den "Weihnachtsträumen" sind, mit klassischen Christbaumkugeln kombiniert. Die wie ein Mobile aufgehängten Lichterketten, die seither auch die Kugeln von innen zum Leuchten bringen, gehören zu den meistgekauften Produkten im Laden.

"Früher haben uns die Lichterketten oben in den Verkaufsräumen noch die Heizungen ersetzt", sagt Nehlsen. Dank der Leuchtdioden sei der Stromverbrauch minimiert worden und das Produkt ein ganzjähriger Bestseller.

Ein anderer Bestseller macht dem Geschäftsmann indes zu schaffen. "Die Gewürzgurken sind schon wieder ausverkauft", sagt er. Der Trend, sich das Gemüse in den Christbaum zu hängen, komme aus den Vereinigten Staaten – habe allerdings einen deutschen Ursprung. "Das Kind, das an Heiligabend die Gewürzgurke am Weihnachtsbaum entdeckt, darf als erstes ein Geschenk auspacken."

Warum eine Gewürzgurke am Weihnachtsbaum hängt

Bild: Radio Bremen | Grafuk: Dirk Osmers

In der Nacht noch einen Stern gemacht

Eine Gewürzgurke am Weihnachtsbaum von Uschi Fritz? Das wäre wohl undenkbar. "Ich mag es lieber herkömmlich", sagt die 75-Jährige, die noch immer einen großen Stand auf dem Bremer Weihnachtsmarkt betreibt. In diesem Jahr läuft es nicht so gut. "Wir haben noch nichts verdient und nur noch eine Woche Zeit", sagt sie. Das Wetter spiele leider nicht mit, und abgelegen auf dem Domshof, direkt neben dem Happy Sailor, würden viele einen Stand wie ihren gar nicht mehr vermuten.

Dabei seien all die Sterne und Christbaumkugeln aus Glas, Kristall, Silber und Gold selbstgemacht. "Ich habe jeden Tag eine Idee." Ihr Haus ist dabei Werkstatt und Lager zugleich – zumal sie ihren ehemaligen Laden im Schnoor nicht mehr zum "Auslagern" nutzen kann. Und in den Adventstagen steigt die Produktion sogar noch etwas an. "Jetzt, wo Weihnachtsmarkt ist, habe ich die Hälfte der Nächte gearbeitet." Immer dann, wenn sie aus ihren Weihnachtsträumen erwacht und nicht sofort wieder einschlafen kann, geht sie ans Werk. "Heute Nacht auch, da habe ich von vier bis sechs Uhr einen Stern gemacht", wobei sie eine Art Metallbrosche mit einem größeren Stern aus Acryl kombiniert habe.

Zwar funktioniere nicht immer, was sie probiere. Manchmal jedoch gelinge es ihr so gut, dass sie richtig glücklich drüber sei – so wie mit dem Weihnachtsstern aus der vergangenen Nacht. "Dafür lebe ich. Das gebe ich zu", sagt sie und lächelt.

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  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 20. Dezember 2017, 23:20 Uhr

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