Vor 50 Jahren: Wilder Streik legte die Bremer Klöckner-Hütte still

Eine Welle von Arbeitskämpfen schwappte 1969 aus dem Ruhrgebiet nach Bremen und führte dazu, dass die Stahlwerker mehr Lohn forderten als ihr Betriebsrat.

Ein schwarz-weiß Bild, auf dem drei Personen vor einer großen Menge Menschen sprechen.

Noch drei Jahre zuvor steckte die deutsche Stahl- und Eisenindustrie in der Krise. Billiger Stahl aus dem Ausland drückte auf den deutschen Markt, viele verloren ihren Arbeitsplatz. Lohnerhöhungen waren zu diesem Zeitpunkt undenkbar. Die Branche erholte sich zwar wieder, aber bei den Arbeitern kam davon nur wenig an – außer vielen Überstunden. Die IG Metall hatte bereits geringe Lohnsteigerungen mit einer langen Laufzeit von 18 Monaten vereinbart und durfte bis zum Ende der Friedenspflicht keine neuen Forderungen mehr stellen oder gar streiken.

Das interessierte die 6.000 Arbeiter in Bremen nicht mehr, als sie vom Streik in Dortmund bei Hoesch erfuhren. Innerhalb kürzester Zeit holte die Belegschaft durch wilde Streiks mehr heraus, als ihre Gewerkschafter gerade verhandelten. Deshalb begannen auch die Bremer den Arbeitskampf gegen den Willen ihrer hauptamtlichen Vertrauensleute im Betriebsrat.

Das meiste Geld hat damals der wilde Streik gebracht – ohne die Gewerkschaft.

Hermann Stumpenhusen, ehemaliger Klöcknerianer

Vom 4. bis zum 13. September wurde die Klöckner-Hütte bestreikt. Zunächst stand das Walzwerk für ein paar Stunden in der Nacht still, später blockierten Streikposten die Werkstore. Vor dem Stahlwerk stauten sich die Lastwagen der Zulieferer. Nach dem Schichtwechsel kam der Verkehr komplett zum Erliegen.

Heißes Roheisen als Druckmittel

Einen Mischer mit 2.300 Tonnen flüssigem Roheisen hatten die Stahlwerker stehen gelassen. Der musste schleunigst geleert werden, bevor das Roheisen aushärtet wäre. Der Klöckner-Hütte drohte ein beträchtlicher Schaden in Höhe von drei Millionen D-Mark. Deshalb war die Werksleitung zu schnellem Handeln gezwungen und legte am 11. September ein Angebot auf den Tisch. Am Ende handelten die Stahlwerker eine Rekord-Lohnerhöhung von 16 Prozent aus.

Belegschaft inzwischen halbiert

Heute arbeiten 3.000 Menschen – noch halb so viele Arbeiter wie 1969 – im Stahlwerk in Mittelsbühren. Es gehört seit 2002 zum weltgrößten Stahlkonzern "Arcelor Mittal". Mehr als ein Drittel der Jahresgesamtproduktion an warm- und kaltgewalztem Feinblech, insgesamt etwa eine Million Tonnen, wird an Kunden in Fernost, in den USA sowie in Süd- und Westeuropa verschifft. Insgesamt kann das Werk mehr als 3,6 Millionen Tonnen Rohstahl pro Jahr produzieren.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. September 2019, 19:30 Uhr