Trotz Lockdown: Bremens Wirtschaft fürchtet keinen "Insolvenz-Tsunami"

Ab Februar sind vom Lockdown betroffene Betriebe wieder verpflichtet, eine Überschuldung anzumelden. In Bremen betrifft das wohl vor allem eine Branche.

Ein Mann hält einen Stempel mit der Aufschrift "Insolvent" in der Hand
Die Pandemie dürfte im Frühjahr einigen Bremer Betrieben endgültig ihren Stempel aufdrücken. Bild: DPA | Ulrich Baumgarten

Angesichts weiterhin hoher Corona-Fallzahlen könnten sich Bund und Länder schon in dieser Woche auf eine Verlängerung oder gar Verschärfung des aktuellen Lockdowns einigen. Gleichzeitig entfällt Ende Januar für überschuldete und direkt von den Corona-Maßnahmen betroffene Betriebe die Möglichkeit, eine Insolvenz-Meldung weiterhin aufzuschieben.

Bundesweit warnen Experten daher vor den Konsequenzen. "Die deutsche Wirtschaft schiebt seit Monaten eine Welle von Insolvenzen vor sich her", so der Vorsitzende der Kommission Kreditversicherung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Thomas Langen. Der Inkassodienstleister Creditreform rechnet im erste Quartal 2021 damit, dass die Zahl der Insolvenzen in die Höhe schnellt. Und auch die Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing (BKS) erwartet, dass die Insolvenz-Meldungen von derzeit vierteljährlich rund 4.500 in diesem Jahr auf rund 6.000 bis 7.000 bundesweit steigen werden.

Keine Insolvenzflut im Februar erwartet

Nicht ganz so pessimistisch beurteilen die Vertreter der Bremischen Wirtschaft die Lage. "Ich rechne zwar mit einem Anstieg der Insolvenzzahlen im Vergleich zum Vorjahr", sagt Bremens Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Matthias Fonger. Dieser werde aber nicht sofort in den ersten Februartagen stattfinden, sondern sich erst im Verlauf des Frühjahrs aufbauen.

Es wird keinen Insolvenz-Tsunami geben.

Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Bremen

So hat die Handelskammer erst im November Bremens Unternehmen befragt, in wie weit sie eine Insolvenz fürchten. Das Ergebnis: Rund fünf Prozent der Bremer Unternehmen gaben an, von einer Insolvenz bedroht zu sein. Zum Vergleich: Bundesweit lag die Quote bei neun Prozent.

Vergleichsweise positiv stimmt Fonger auch, dass die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr vergleichsweise glimpflich davongekommen sei. So rechnet das Statistische Bundesamts für 2020 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um fünf Prozent. "Das ist weniger als in der Finanzkrise 2009, woraus man ja auch schon Rückschlüsse ziehen kann", sagt Fonger. Nicht zuletzt hätten viele mittelständische Betriebe in den wirtschaftlich guten Jahren nach 2009 ihre Eigenkapitalquote deutlich gesteigert. "Deshalb gibt es da jetzt einen Puffer."

Kammern mahnen schnellere Hilfezahlungen an

Trotz staatlicher Unterstützungen wie den finanziellen Überbrückungshilfen oder den November- und Dezemberhilfen rechnet Fonger damit, dass es auch in Bremen einige Unternehmen schwer haben werden durchzuhalten. "Das betrifft die Reisewirtschaft und Touristik, das Gastgewerbe, die Kultur- und Kreativwirtschaft." Im stationären Einzelhandel seien es vor allem Modegeschäfte, denen die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht habe.

Für solche Unternehmen sei es besonders wichtig, dass die Hilfen schneller ausgezahlt würden als dies bislang geschehen sei. "Wenn nach dem 31. Januar die Insolvenz-Pflicht kommt, muss das Geld fließen", so Fonger.

Kosmetik-Studios und Friseur-Läden unter Druck

Schnellere Auszahlungen fordert auch Bremens Handwerkskammer-Chef Andreas Meyer ein. Wobei vor allem zwei Gewerke auf Hilfen angewiesen seien: die derzeit 533 Kosmetik-Studios und die 598 Friseurbetriebe im Land Bremen. Denn sie müssen gerade geschlossen bleiben. "Die November- und Dezember-Hilfen, bei denen 75 Prozent der Umsätze erstattet werden, sind für Kosmetiker in Ordnung“, sagt Meyer.

Ungleich schwieriger sei die Situation hingegen für die Bremer Friseure. Denn während die Kosmetik-Studios seit dem 1. November dicht seien, begann der Lockdown für Friseur-Läden erst am 16. Dezember. "Das heißt, Friseure bekommen keine Dezemberhilfen, sondern nur die Überbrückungshilfe III, die lediglich die Fixkosten abdeckt", sagt Meyer. Und die könne bislang noch nicht einmal beantragt werden. "Es läuft also darauf hinaus, dass manche Friseure nach dem Januar eigentlich Insolvenz anmelden müssten."

Sondersituation könnte Insolvenzen verzögern

Mit einer Flut an Insolvenzen rechnet aber auch der Handwerkskammer-Chef nicht. "Die meisten Insolvenzanträge werden nämlich von Gläubigern gestellt, zum Beispiel vom Mieter, der seine Miete nicht mehr erhält, oder den Sozialkassen, denen keine Sozialabgaben überwiesen werden." Sozialabgaben würden allerdings derzeit durch das Kurzarbeitergeld mit abgedeckt, sagt Meyer. Und dass viele Vermieter in der aktuellen Situation nach einer säumigen Miete den Insolvenzrichter anrufen, glaubt der Handwerkskammer-Chef auch nicht. Nicht zuletzt seien die Steuerberater derzeit meist so in die aufwendige Beantragung der Finanzhilfen eingebunden, dass ein Insolvenzantrag nicht im Vordergrund stehe.

Abgesehen von den direkt von der Pandemie betroffenen Friseur- und Kosmetik-Studios treffe der Lockdown vor allem indirekt die Kfz-Werkstätten, da während der Pandemie weniger Auto gefahren werde. Für andere Gewerke sei hingegen kein klarer Trend erkennbar. "Ein Bremer Malerbetrieb hat mir neulich gesagt, dass ein Großkunde wegen Corona alle Aufträge zurückgestellt habe, weshalb der Betrieb nun plötzlich auch von der Pandemie betroffen ist", sagt Meyer. Andere Maler berichteten ihm das Gegenteil. "Die sagen mir, ich habe noch sie so viele Aufträge gehabt wie jetzt."

Rückblick: Bremens Handelskammer-Chefin rechnet mit vielen Insolvenzen

Video vom 23. August 2020
Die Unternehmerin und Präses der Handelskammer Bremen Janina Maharens-Hashagen im Interview im buten un binnen Studio.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 18. Januar 2021, 23:30 Uhr